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Die Wahrheit · 1916-02-11 · Heft 5 (11.2.1916) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 5 (11.2.1916)
Date
1916-02-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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aheheit Redaktion und Administration: Wien, II., Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion Automat 42.888. Administration Aut. 47.854g K. k. österr. Postsparkasia- Scheck-Konlo Nr. tvv.918. Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnementstind JnsertionSberrüge sind in Wien zahlbar und klagbar. »abhängige Herifchnft für jüöifche Illiereffeu. Erscheint jeden Areitag. litvtto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Bezugspreis: Ganzjährig.K 15.— Halbjährig.K 7.50 Für Kilitusbeaiiite: Ganzjährig.K 10.— Für Ausland: Ganzjährig.S Mark 6 Rubel oder 16 FrcS. Nr.S. Wien, 11. Februar Inhalt: Goremykin und die Juden. — Der momentane Stand des Welkrieges. — Förderung der Familie durch Gesellschaft und Sraat. — Jvsefstädter Tembanverein. — Tempelverein im IX. Bezirke. — Die deutschen Juden und der Krieg. — Lerichiedene Nachrichten. Hillskommlssiou 1915 für Palästina. — Oesterr.-Ungaru. Kantorenverein. Goremykiu und die Jude«. Der russische Ministerpräsident Goremykin ist seines Amtes enthoben worden. Er gehörte zu jenem ultrareaktiouären Flügel der russischen Bureankratie, der keine Kompromisse kennt und der es als gottgefällige Weltordnnng betrachtet, daß eine korrupte Beamtenschaft sich zur Statthalterin Gottes auf Erden proklamiert, die Mitbürger zu ihrem Werkzeuge herabwürdigt und sich wie Parasiten an ihren Körper vollsangt. Mit dieser „edlen" Gesinnung machte er die in Rußland übliche Beamtenlaufbahn vom Polizeibeamten bis zum — Ministerpräsidenten durch, bis nun auch seine Stunde geschlagen hat und er hochbetagt mit bluttriefenden Händen von der politischen Oberstäche verschwinden mußte. Die Sanduhr ist abgelanfen, und ihm wird das russische Volk ebensowenig wie seinen Kollegen SchtscheglowiwmundMaklakow Tränen nachweinen. Am allerwenigsten aber die russischen Juden. Denn in der schmerzensreichen Geschichte der Inden in Rußland ist wohl der Name Goremykin würdig an die Seite Jgnatiews, Plehwes und Stolypins gestellt zu werden. Wie jene, so machte auch, dieser Reaktionär die Inden zum Blitzableiter für die so oft betrogenen Hoffnungen des rnssischen^Volkes und mit den bekannten Ruse: „Haltet den Dieb" wurden Judenmetzeleien in Szene gesetzt, indes die wahren Diebe ihr Handwerk ungestört verrichten konnten. So mußte er in der ersten Duma nach den bekannten Enthüllungen des Fürsten Urossow Zurufe wie „Meuchelmörder, .Kindermörder und Pogromanstifter" unwidersprochen auf sich ruhen lassen, ohne jedoch von seinem Posten weichen zu wollen, ein Vorgehen, das mit eilropäischen Begriffen von Ehre und Würde schwer in Einklang zu bringen ist. Auch vor kurzem erst machte er Journalisten gegenüber ans seiner Gesinnung bezüglich der Zukunft der Juden in Rußland kein Hehl und erklärte, er begreife nicht wie die Juden auf Grund ihrer gigantischen Opfer an Blut und Gut, die sie auf dem Altäre ihres stiefmütterlichen Vaterlandes brachten, staatsbürgerliche Rechte beanspruchen können, da sie ja nur ihre Pflicht täten und sie sonst erschossen würden. Dieses Bekenntnis, einer schönen Seele, die nur von den Pflichten der Bürger und nichts von den Gegeupflichleu des Staates weiß, ist wohl charakteristisch für die gesamte Politische Tätigkeit dieses Höflings. Die Menschen werden da in zwei Klassen geteilt: die eine, die zu befehlen und die andere, die zu gehorchen hat, widrigenfalls sie erschossen wird. Und mit diesem Grundsätze in der Verwaltung des eigenen Landes erklären die russischen Minister zynisch, für die Freiheit und die M e u s ch e u r e ch r e in Europa zu kämpfen! Es soll gesagt werden und immer wieder gesagt werden und wir möchten es in die Welt hinausschreien, daß es sich unter den gegenwärtigen Verhältnissen in Rußland noch garuicht um Menschenrechte, sondern um T i e r r e ch l e handelt. Bereits Tiberius Gracchus schilderte in einer Volksversammlung im alten Rom die Not des niederen Volkes wie folgt: „Die Tiere des Waldes haben ihre Gruben nnd Nester, aber die Männer, die für das Vaterland ihr Blut vergießen, irren heimatlos umher und besitzen keine Scholle als Eigentum". Die Not aber der Juden in Rußland nuter dem jetzigen Regime ist mit dieser lebhaften Schilderung der Lage des Pöbels im alten Rom. wo immerhin zu jeder Zeit „Brot nnd Spiele" in Hülle nnd Fülle waren, veiwettem noch nicht erschöpft. Hier entspricht ihr Zustand eher dem Dichterworte: „Die Taube hat ihr Nest, der Fuchs die Klnft, Der Mensch die Heimat, doch Juda nur die Gruft." (Byron) T i e r r e ch t e nnd In de »rechte in Rußland! Auch der Wisent in den litauischen Wäldern hat das Recht überall herumznschweifen nnd feilte Nahrung zu suchen, hat das Recht überall zu atmen und an Gottes Well sich zu ergötzen, nur die Juden werden in. dumpfen Städten zusammengepfercht und dürfen ihre Nahrung nur innerhalb eines engbegreuzleu Rahmens suchen. Und sind sie da ihres Lebens sicher? Kanu nicht da plötzlich einem der Machthaber einsallen, die Mnschiks ans sie losznhetzen nnd unter ihnen ein fürchterliches Blutbad anzurichten? Maxim Gorki schildert in einem Briefe an eine Freundin den Gemütszustand eines Huligans. Darin erzählt er, daß bei einem Pogrom im Hause der Familie Brodtzky ein Huligan, der kurz vorher das Fräulein Brodtzky aus dem Fenster schleuderte, ein Tier, daS sich ängstigte, mild zu befänftigeu suchte und sich desselben erbarmte. Die edelsten menschlichen Regungen also, die dem Tiere gegenüber zum Atlsdrucke kamen, wurden dem jüdischen Mädchen gegenüber durch künstlich gezüchteten Haß zum Schweigen gebracht, wodurch das Tierische in so krasser Form zutage trat. Mit dieser „edlen" Bolkserziehnng und idealen Kultur aber möchten

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