Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 4 (28.1.1916)
- Date
- 1916-01-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 4.. machen. Viel Schuld daran trage auch der Umstand, daß man sich bei uns selbst gewöhnt hat, über jüdische Gebräuche Witze zu machen und Redner glaubt, daß eine andere Konfession sich Aufführungen a la ^Budapester" kaum gefallen ließe. Auch die Schule kann nicht von aller Schuld freigesprochen werden und es kann nicht geleugnet werden, daß manchmal bei Ernennung von Lehrern nicht die Qualifikation, sondern das Rachmones maßgebend war. Als Religionslehrer sollen aber nur die allerbesten und lüchtigsten Kräfte eingesetzt werden, allerdings müßten sie auch ihren Fähigkeiten entsprechend entschädigt werden und wir müssen nachten, ihnen höhere Achtung bei Eltern und Schülern zu verschaffen. Herr Dr. Spitzer hat erklärt, daß wir nicht schlechtergestellt sind als die Katholiken, Wenn aber das derzeit bestehende Gesetz Ursache ist, daß wir einen so kolossalen Zuschuß leisten, dann muß das Gesetz geändert werden. Wir sind aber zu bescheiden in unseren Forderungen. Wir haben z. B. im Spital der Kultusgemeinde ein Ambulatorium, wo sowohl Inden als Christen behandelt werden, geradeso wie bei den Barmherzigen Brüdern, denen auch die Kultnsgemeinde eine Subvention gibt. Ich billige das vollkommen, habe aber die Anregung gegeben, daß man auch an die Wiener Kommnne herantrete, daß diese gewissermaßen als eine Art Kompensation auch unser Ambulatdrium dotiere. Da hieß es aber: das können wir nicht , tun, das wird im Gemeiuderal zu unliebsamen Diskussionen Anlaß geben. Die Zeiten, wo jeder Jude zuhause Herz und Sinn für unser Judentum, erworben, sind vorüber, die materielle Not übertönt die Gefühle, daher ist es um so notwendiger, daß die Schule in die Bresche eintritt und daß die Religionslehrer eine gründliche pädagogische Vorbildung genießen. Wenn der Friede wiederkehrt, wird man an die Regierung herautreten müssen, daß sie dem unleidlichen Zustande, daß seit Jahren kein Jude am Wiener Pädagogium Aufnahme sindet, ein Ende mache. Bezüglich des hebräischen Unterrichtes wäre es wohl angezeigt, daß die Jugend soviel erlernt, um die jüdischen Gebete mit Verständnis lesen zu können. Das sind aber ideale Forderungen, die hier im Westen allgemein wohl nicht gestellt werden können, und es wird angezeigt sein, beim Unterricht eine Dichomotie eintreten zu lassen. Präsident Dr. Alfred Stern konstatiert zur Berichtigung eines Vorredners betreffs Auflassung des Religionslehrer-Kurses, daß der Kurs nicht aufgelassen, sondern sistiert wurde. Bei der Errichtung der Neligionslehrer-Präparandie durch die Wiener Kultusgemeinde wurde nämlich angenommen, daß dieselbe nicht nur von der Wiener Kultusgemeinde allein erhalten, sondern auch von den übrigen Kultusgemeinden des Westens materiell und geistig subvenlioniert werde. Materiell durch Gewährung von Beiträgen und geistig durch Anstellung der ausgebildeten Lehrer in auswärtigen Gemeinden. Da diese Voraussetzung nicht eintraf und nach Absolvierung des ersten Ausbildungs-Kurses der Bedarf der Wiener Knltusgemeinde an Religionslehreru auf Jahre hinaus gedeckt war, wurde der Kurs sistiert. Auf eine Anfrage bezüglich der im Budget enthaltenen Kriegskosten konstatiert weiters der Präsident, daß die Kosten für die Behandlung der verwundeten Soldaten im Spitale der Kultusgemeinde vom August 1914 bils November 1915 K 338.600.— betragen. Dr. Isidor Samuely will zwei Anregungen geben: 1) Mit Rücksicht darauf, daß, wie der Referent erklärte, die Fertigstellung des Kmderspitales auf längere Zeit hinausgeschoben werden wird, möge die Liquidierung der Fränkel- Speude, die zirka K 300.000 — für ein Kinderambulatorium der Kultusgemeinde zur Verfügung stellt, möglichst beschleunigt werden. 2) Es möge eine Kommission zur Erweiterung der Heimstätte für verlassene Kinder in Rudolfsheim eingesetzt werden. Eine anonyme Persönlichkeit habe der Heimstätte für 10 Jahre den Betrag von je K 12.000 gewidmet und es könnten hier sofort 20 Kriegswaisen Aufnahme finden. Dr. Jakob Engel will entgegeu der Behauptung des Herrn Dr. Markus S p i tz e r, daß zwei Stunden wöchentlich Mr den Religionsunterricht nicht genügen, auf folgendes Hinweisen: Mit dem Religionsunterrichte am Mädchengymnasinm lag. es eine zeitlang sehr im Argen, bis die Knltntzgemeinde zwei äußerst tüchtige Kräfte, u. zw. Rabbiner Dr. F e uch t w a n g und Rabbiner Dr. T a g l i ch t mit dem Unterricht betraute. Von da waren die Erfoge ausgezeichnete und die jüdischen Mädchen an dieser Anstalt sind heute enthnasmiert von ihrem Jndentnme. Also ein Beweis dafür, daß die Lehrer auch bei der beschränkten Lehrzeit Erfolge erzielen können, vorausgesetzt, daß ihr Wissen und Können auf der Höhe ist. I. Vizepräsident Hofrat Dr. Rappaport ergänzt die berichtigenden Ansführungen des Präsidenten bezüglich ^desjüdischen Religionslehrerbildnngsknrses und erklärt betreffs der Anregung des Herrn Dr. Samuel y, daß eine rasche Liquidierung der Frünkel-Spendein Aussicht stehe. Emanuel Grünwald gibt eine Erklärung ab, daß eine Persönlichkeit bereit sei, unentgeltlich den Grund für eine Heimstätte für verlassene Kinder zur Verfügung zu stellen, wenn die Kultusgemeinde die Errichtung derselben übernimmt. (Dem anonymen Spender wird über Antrag des Herrn Dr. Samuely der Dank der Kultnsvorstandes votiert.) Heinrich M e n d l berichtigt seine mißverstandene Aeußeruug betreffs der Wohltätigkeit. Er habe nicht gesagt, die Kultusgemeinde solle nicht Wohltätigkeit üben, sondern sich nur dagegen ausgesprochen, daß die Knltusgrmeiude durch die Steuern ihre Gemeindeangehörigen zum Wohltun zwinge. Nach dem Schlußwort des Bndgetreferenten wir hierauf das Budget en bloc einstimmig angenommen und die öffentliche Sitzung geschlossen. Mori; Mezei. Ein hervorragender und verdienstvoller Führer der ungarischen Jndenheit, der zugleich zu den bedeutsamsten politischen Persönlichkeiten der ungarischen Hauptstadt zählt, Moriz Mezei, feierte vorige Woche Montag seinen 80. Geburtstag und die Großartigkeit und Allgemeinheit der Huldigungen, die ihm dargebracht wurden, haben uns ^so recht den großen Unterschied zwischen den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen in Wien nnd Budapest vor Augen gerückt. Bei uns in Oesterreich ist wohl derzeit die Spezies der Persönlichkeiten, die politisch im Vordergründe stehen und gleichzeitig in den vordersten Reihen des Judentums offen und energisch für das Judentum eintreten. eine höchst seltene, aber es gibt recht viele Juden, die Hervorragendes für die Allgemeinheit geleistet haben, aber von diesen, wenn firr sie einmal ein Ehrentag heraunaht, mit einer gewissen Zurückhaltung behandelt werden. Mit doppelter Freude haben wir daher bei Moriz Mezei in Budapest gesehen, daß nicht nur die jüdische, sondern auch die ganze offizielle Welt, nnd an ihrer Spitze der ungarische Ministerpräsident, offen und rückhaltslos die Verdienste eines Mannes anerkennt, der seine besten Kräfte seinem Glauben, seinem Volke und dem Staate gewidmet hat. Seit mehr als einem halben Jahrhundert hat Moriz. Mezei an allen Bewegungen der jüdischen Konfession hervorragenden Anteil genommen : die Emanzipation und später die Rezeption der israelitischen Konfession, die Landesorganisation der Juden, die Ausgestaltung der kulturellen nnd Humanitären Institutionen der ungarischen Indens sie alle sind mit seinem Namen eng verknüpft. Er war Mitbegründer des ersten ungarischen konfessionellen Blattes. „Magyar Jzraelita",. zu dessen Mitarbeitern Sigmund Brody^ Dr. Berthold Stiller, Sigmund Decsey (der spätere Senatspräsident an der Kurie), Adolf A g a i, Paul Teure r li. a. gehörten. Eine wichtige Rolle fiel ihm aus dem von Baron Joseph Eötvös eiuberufenen jüdischen Kongresse zu, dessen Schriftführer er war. 1904 wurde er Präsident der Israelitischen Landeskanzlei, welche die Angelegenheiten der neologischen Judenschaft leitet. Der Repräsentanz und-