Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 3 (21.1.1916)
- Date
- 1916-01-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrheit. Setie 7. Nr. 3. Darüber werden Reihe um Reihe orientalische Perlenschnüre gewunden, manche von großem Wert. Weüfo prangen aut Nacken möglichst viele Reihen von Perlen mit diamantenöder smaragdenbesetzten Schließen. Ueder den Rücken fallen zwei hellgrüne Seideubänder, - ebenfalls mit echten Perlen benäht, die bei den Fronen reicher Inden voll setteNrk Größe und Schönheit sind. Die meisten sind FamilienerdMcke ans der spanischen Zeit, die sorgfältig gehütet werde«. Äehnlich sah ich die Jüdinnen in Tanger und anderen Otädten Marokkos gekleidet.; Kriegsbttder-Tagebnch. Sederabend im Felde. Der bekannte deutsche Maler und Förschungsreiienbe Ernst Bo l l b e h r hat längere Zeit an der deutschen Westfront verbracht und nun das Ergebnis seiner sirnstlerischen Studien in einem reichillustrierten „Kriegsbilder-Tagebnch" (Verlag F. Bruckmann, München) der Öeffeiiiltchkeitvorgelegt. Maler Vollbebr weiß das Gesehene nicht mir Mit dem Pinsel festznhalten. sondern auch in Worten zu schildern. Die nachstehende Skizze, die mit künstlerischem ÄNge den Sederabend schildert, möge hauptsächlich ans dem Grunde wiedergeheu werden, um den Eindruck festzuhalten, den nNser schönes. poesienniflossenesFest auf Andersgläubige zu Machen geeignet ist: Wir haben auf dem Armeeoberkommando auch einen .Feldrabdiner. Es war stets eine Freude für mich, mit ihm über seine Religion zu sprechen, denn erst dadurch gewann ich Einblick in den von tiefem Glauben Und Familiensinn erfüllten Stamm der Juden. Da das Passahfest nahte, erzählte und erklärte mir der Rabbiner die ganzen Zeremonien der Sederfeier und erregte dadurch mein Interesse so sehr, daß ich ihn um die Erlaubnis bat, als Christ dem Seder beiwohnen zu dürfen. Die Feier begeisterte mich derart, daß ich einige Skizzen malte; vor allem suchte ich den Höhepunkt des Abends festzuhalten. Das ist der Augenblick, da der Sedergebeude eine in der Mitte des Tisches stehende Schüssel mit ungesäuerten Broten und allerlei symbolischen Speisen emporhebl und dabei die Erinnerungsworte spricht: „Ho lachmo anjo." „Dies ist das Brot der Not, das unsere Väter in Aegypten gegessen Haben." Es war ein wundervoller Mondscheinabend am 29. März 1915. Ich wunderte durch die Straßen, durch einen weiten Torbogen zu einem am Abhang des Berges gelegenen Saal. Vor diesem war ein kleines Gärtchen, von dem man einen weiten Blick ins Tal hat. Als ich den Saal betrat, saßen bereits gegen'hundert jüdische Soldaten, die gerade vom Gottesdienst gekommen waren, an mehreren hufeisenförmig ausgestellten Tischen. Nach jüdischer Sitte hatten alle bei der nun beginnenden religiösen Feier den Helm oder die Mütze auf dem Kopf. Der ganze Saal war festlich geschmückt. An der Hanptwand dar Käiserbil!), umgeben von deutschen Fahnen, rechts und links L)esterfeichs schwarz-gelbes Bannerzeichen und der türkische HalbMnd. Ans den Tischen weiße Linnen, violette Läufer nttd oillfe Blumen. Aller Augen waren aitf blit Rabbiner gerichtet, der in der Mute für alle sichtbar» tlin Längstisch auf einem mit Blumen bekränzten, mit KisfeN belegten Lehnstuhl als Hausvater saß, neben ihm ansHlieWd die würdigsten und ältesten Soldaten. In frommen jüdischen Hänseru trägt der Hausvater heule noch am SedkräbkUd über seinem Festgewand das. Totenhemd, während hiit üti Felde der Rabbiner in der Tracht des Feldgeistlichen uiit totem Kreuz am Arm erschien, mm den Hals das Zeichen veh Juden: die zwei ineinander- .geschlungenen Dreiecke, fedi Mögen Dovid. Zur rechten Seite des Rabbiners saß^ulle jüdische Rote Krenz-Schwester. Die Frau wird bei den Jüötil sehr verehrt, so znm Beispiel liest an jedem Freitagabend Ölt strenggläubige Jude aus den Sprüchen Salomons da§ w^llihmte Kapitel, das mir den Worten beginnt: „Ein rölMöfks Weib, wie glücklich, wer es findet», weit über Perlen geht ihr Wert!" Als erste Handlung an diesem Abend zündete die Rote Kreuz-Schwester als stellvertretende Hausfrau die beiden links und rechts vom Rabbiner stehenden Lichter au mit dem Ausspruch: Gelobt seist du Ewiger, unser Gott. Herr der Welt, der n»ls geheiligt hat durch seine Gebote und nns besohlen hat, die Feiertagslichter anznzttnden." Als zweite Handlung folgte der Weihespruch des Rabbiners über den Wein, der für alle bereits eingeschenkt worden war. Jeder erhob fein Glas und weihte den Feiertag. Beim Trinken stützten sie sich auf den linken Arm. Diese Geste ist wohl ans der Antike übernommen, denn im Altertum lagen beun Mahle die Freien ans Polstern. Der Hausvater aber saß auf besonders weichen K-ssen. Jeder Feftkeilnehmer hatte ein mit Bildern ans dem Anszng von Aegypten versehenes Büchlein vor sich liegen,' die „Hagada". Ans dieser trug der Rabbiner in singendem Ton Hebräisch und Deutsch vor. Die Festteilnehmer folgten mit großer Ansmeiksamkeit. Mnsikali'ch besonders betonte Stellen wurden von einem Vorbeter gesungen. In diesen alten, hebräischen Melodien steckt ein eigentümlicher Reiz. Er erinnert mich stellenweise an Melodien, die ich im Inneren Afrikas von semitischen Stämmen gehört habe. Zweimal wusch sich der Hausvater, einmal jeder Festteilnehmer die Hände und trocknete sie mit dem Sederhandtnch. Bor dem Hansvater stand schon die anfangs erwähnte Sederschüssel, unter ihr lagen durch Servietten verdeckt drei Mazzen. ans ihr erstens ein Lammknochen, als Erinnerung an das Pafiahlamm, das vor dem Auszug ans Aegypten von den Inden geschlachtet wurde, zweitens ein El als Sinnbild der Trauer — es ist Sitte, daß jüdische Leidtragende, wenn sie von der Beerdigung beunkehren, als erstes ein Ei genießen —, drittens Meerrettich zur Erinnerung an die Bitternis, die die Jttden während der Knechtschaft in Aegypten erfahren haben, viertens ein Glas mit Salzwasser, daneben Petersilie, fünftens eine Schale mit Kompott, das Lehmfarbe hat, als Erinnerllngszeichen an den Lehm, dessen sich die Kinder Israels bedienen mllßten, als sie unter den Pharaonen Häuser banten. In der Mitte der Sederschüssel aber stand ein kostbares Glas für den Propheten Elias, der an jedem Sederabend als Gast erwartet wird und sofort sein Glas vorfinden soll, wenn er kommt. Dieses Glas ist ein Symbol der Hoffnung der Inden auf Erlösung von dem jahrtausendealten Druck, der anf ihnen lastet. Der Prophet Elias gilt nach frommer Vorstellung als der Vorläufer Messias, der für die ganze Welt, also auch für die Inden die Erlösung bringen wird. Als dritte Handlnng wird Petersilie in Salzwasser getaucht und unter jeden der Teilnehmer verteilt, das E und der Knochen neben die Sederschüssel gelegt und die Mazzen aufgedeckt, indem die Schüffel vom Rabbiner hochgehoden wird mit den Worten: „Ho lachmo anjo.u Die Blicke aller Theilnehmer waren anf die Sederschüssel gerichtet. Dies war der Höhepunkt des Abends, der Augenblick, der mir als künstlerische Berwertnng eines Gemäldes am besten erschien und den ich eifrig im Bilde festznhalten versuchte. Neben einem überheizten Kanonenofen arbeitete ich mit fliegenden Pulsen, um in der Kürze der Zeit das Bild in seiner Bewegtheit festhatten zu können. Die Nadeln der von der Hitze des Ofens schnell vertrockneten Tannenzweige fielen auf meine Palette und klebten an Farben und Pinsel. Als darauffolgende Handlung fragte der jüngste der Teilnehmer nach feststehender Formel hebräisch: „Was bedeutet dies allesDann antwortete der Hansvater Hebräisch und Deutsch und erzählte den Auszug der Kinder Israels aus Aegypten und ihre wunderbare Rettnng. Biele Aussprüche von großen jüdischen Lehrern der Vergangenheit wurden dabei erwähnt, unter anderem der des Rabbi Gamliel: Wer beim Pafsafest die Worte Peffah, Mazzoh, Moraur nicht erwähnt, hat seine religiöse Pflicht nicht erfüllt. Peffah »st das Ueberschreitungsfest, »veil der Todesengel über die Häuser Israels hinwegschritt, als er die Erstgeborenen der Aegypter