Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 3 (21.1.1916)
- Date
- 1916-01-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3063828-3063831--09879-3077167- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 Nr 3. Die Wahrheit Seite 91. Israelitisch-Türkische H a i\ b e 1 § i e u t e: ©a-miiel A s ch e r mt Anwinkel 663. K a a n E d l e r von Albe st, Samuel Heinrich (Industrieller, geb. in Ungarn, gest. zn Wien 22. Februar 1844). Ein um den Aufschwung Per ungarischen Schaswollindustrie uud durch seine Humanität verdienter Großhändler. Er hatte seine Firma zu solcher Achtung gehoben, daß englische Kaufherren seine Sendungen nie einer Prüfung unterwarfen, sobald sie seine Handlnngszeichen trugen. Seine Wollsortierungsanstalt, in welcher über 500 Arbeiter beschäftigt waren, wurde sogar von Kaiser Franz besucht und ihm für die in derselben wahrgenommene Ordnung und Tätigkeit (mit 21. April 1818) das Allerhöchste Wohlgefallen zn erkennen gegeben. Als der Markt Trebitsch in Mähren abbranute und die dort lebenden Tuchmacher alle ihre Tuchvorräle, welche sie überdies Kaan schuldeten, im Brande verloren, erließ er ihnen die Schuld für die verbrannte Wolle und versorgte sie ungesäumt mit neuen Wollvvrräten, damit die Arbeiten ungestört fortgesetzt werden konnten. Für seine Verdienste wurde Kaan im Jahre 1826 in den ungarischen Adelstand mit dem Prädikate Edler von Albest erhoben. Als er starb, überlebten ihn 16 Kinder. Vier von seinen Söhnen dienten und dienen noch in der kaiserlichen Armee. Einer von diesen, Raimund (geb. zu Wien 1802), war!. k. Hnsaren-Rittmeister ad konores, ein vortrefflicher Violinspieler und Kompositenr. Eine von ihm komponierte Polonaise und mehrere Bravour- Variationen mit Orchesterbegleitnug trug er in einem Konzerte in Wien am 7. Febritar 1840 selbst vor, und sie fanden großen Beifall. Ob seine Kompositionen im Drucke erschienen sind, wie Näheres über seine Lebensumstäude und Arbeiten, ist Constant v. Wnrzbach (Biographisches Lexikon des Kaisertums Oesterreich. X. Wien 1863, Seite 341) nicht bekannt. Die Jude» in Saloniki. Angesichts der hochbedentsamen militärischen und politischen Ereignisse, die sich gegenwärtig in Saloniki abwickeln und dort auch in nächster Zukunft noch vevorstehen, dürften die nachstehenden der „Köln. Volkszeitnng" entnommenen Mitteilungen über die Inden in Saloniki für irnsere Leser von besonderem Interesse sein. Jetzt während der Besetzung von Saloniki durch englische und französische Truppen, dürfte es in der mehrtausendjährigen Geschichte dieser merkwürdigen Stadt das erstemal sein, daß die christliche Bevölkerung, und das auchnur vorübergehend, die jüdische au Zahl übertrifft. Zur Zeit der türkischen Herrschaft waren die Türken nur ein Drittel so zahlreich als die Juden; jetzt, unter griechischer Herrschaft, sind wieder die Griechen nur ein Drittel so zahlreich als die Juden und Türken zusammengenommen. Dazu die zehntausend Bulgaren, die mehrere Tausende zählenden Kutzowallachen, die Albanier, Mazedonier, Zigeuner usw. werden, zusammengenommen, heute immer noch von den Juden übertroffen, deren es unter den .hnudertachzigtausend Einwohnern gegen hunderttausend gibt. Selbst Jerusalem zählt im Verhältnis zu den übrigen Völkerschaften, und Glaubensbekenntnissen nicht mehr Inden als Saloniki. Sie bilden hier die Hauptmasse der Einwohner und haben den weitaus größten Teil von Handel. Verkehr, Gewerbe und Geschäfttsleven in ihren Händen. Wann immer ich. von der See kommend, das letztemak noch im vergangenen Jahre, in Saloniki eintraf, waren es jüdische Ruderer, die mich vom Schiff an Land brachten; jüdische Lastenträger, die uiein Gepäck nach dem Hotel beförderten; Kutscher, Lohndiener, Schuster, Schneider, Photographen, Geldwechsler, selbst Kellner, die ich beschäftigte, waren Juden. Ebenso beherrschten sie das Leben in den;Berguüguugslvkalen, den Kaffeegärten,, im Hasen wie iu den- Straßen. Die eigenartigen Judenvsertel, wie . sie sonst; in den Städten der Baliauhalbiusel L« :. ßuden , stich, fehlen ' in Saloniki, denn die ganze Stadt ist gewisferntassen ein solches, und viel eher könnte man hier von eigenen Türken- und Christenoierteln sprechen. Sie. wohnen überall in dem engen, geschäftigen, alten. Wiukelwerk der inneren Stadl, dje heute noch, wie zur Zeit des alten Byzanz, mit ungeheuren, zinnengekrönten Ringmauern umschlossen ist. Ringmauern von von drei bis vier M.ter Dicke und zwölf Meter Höhe, verstärkt in un ungemein malerischer Weise durch httndertsechzig mittelalterliche Türme und am höchsten Punkte der amphitheathralisch aufsteigenden Stadt gekrönt durch eine venezianische Zitadelle. An manchen Stelleil ist dieser Manergünel durchbrochen, uud jenseits quillt die eng zniammengepferchte Stadt in modernen Stadtteilen mit breitereil Straßen und hübschen Villen heraus, aber auch hier ist die Mehrzahl der Einwohner Inden. Ueberall erheben sich ihre Synagogen, deren es über dreißig gibt, gegenüber zwölf christlichen Kirchen und Kapellen, und von den drei Sonntagen jeder Woche, dem Sonntag der Christen, dem Freilag der Moslim und dem Samstag der Jltden, macht sich letzterer am einschneidendsten im öffentlichen Leben geltend. Man sollte meinen, daß die Inden in dieser uralten Stadt des Orients, Jerusalem verhältnismäßig so nahe, seit länger ansäßig seien als Christen und Mohamedaner. In Wirklichkeit bilden sie den an Zeit jüngsten Großteil der Bevölkerung, denn sie stammen von jenen Inden ab, die im Jahre 1492 ans Spanien gewaltsam vertrieben worden sind. Viele Tausende wandten sich nach der Türkei, vornehmlich nach Saloniki, wo sie durch die Abschließnng, in der sie jahrhnndertelang lebten, ihre alten, von Spanien herübergebrachten Trachten. Sitten, ■ Sprache und Gebräuche bis ans den heutigen Jag im Schutz des türkischen Halbmondes erhalten haben. Ein seltsames Wechselspiel wollte es, daß beinahe zur gleichen Zeit, als die spanischen Seefahrer und Eroberer Christentum und spanisches Wesen nach der westlichen Halbkugel brachten, die Inden spanische Kultur und das Hebräertum nach dem Osten Europas brachten- So kam auch die spanische Sprache nach dem Balkan, und die Juden bedienen sich derselben noch heute nicht nur in Saloniki-sondern auch in Konstantinopel,-Belgrad, Sofia, vis hinauf an die österreichische Grenze. Man kann getrost sagen, daß die hauptsächlichste Verkehrssprache in Saloniki die spanische ist,' wie sie denn selbst mit dem Namen „Spaniolen" bezeichnet werden. Auch im schriftlichen Verkehr bedienen sie sich des Spanischen, nur schreiben sie dieses nicht mit lateinischen, sondern mit hebräischen Schriftzeichen. Sie besitzen ihre eigenen jüdischen Zeitungen in spanischer Sprache, und selbst diese werden in hebräischen Lettern gedruckt. In dem sehr lebhaften Hafen- und Straßenverkehr dieser bevölkertsten Stadt des heutigen Griechenland sind die älteren Inden sofort an ihrer eigenartigen Tracht zu erkennen. Die jüngeren haben besonders in den letzten Jahren bereits die nichtssagende Gewandung der Abendländer angelegt; ihre Väter indessen halten noch immer mit seltener Zähigkeit an dem von Spanien vor vier Jahrhunderten herübergebrachten langen faltigen Kaftanen und den darüber getragenen farbigen Jacketts fest. Wie die jungen Männer, sing auch die Mädchen dem Einfluß der Mode zum Opfer, gefallen nnd tragen europäische Kleidung und Hüte; kommen sie aber in reifere Jahre oder haben sie sich vermählt, dann nehmen, sie die altspanische Tracht an, was ihnen, uiir znm Vorteil gereicht. Begegnet man älteren Jüdinen, dann könnte man sie in der Ferne auf den ersten Blick für japanische Geishas halten, denn wie diese ähneln sie in Buntheit und Umrissen nuferen bunten Knallbonbons, die nach fröhlichen Mahlzeiten hernmgereicht werden. Sie tragen lange, faltenreiche Röcke, über, der Brust .ein weißes oder hellgrünes Hemd, darüber ein mit Silberstickereien überladenes Zuavenjäckcheu von möglichst knalliger Farbe. Am rigenartigiteu ist ihr Kopfschmuck. Die Haare, nötigenfalls jene einer Perücke, - werden in der Mitte ^latt gescheitelt und zn Zöpfen geflochten/ um einen nidrigen roten Türkenfez gewunden. der ' auf dem Scheitel sitzend, wie ein Zereviskäppchen anssieht.