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Die Wahrheit · 1916-01-14 · Heft 2 (14.1.1916) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 2 (14.1.1916)
Date
1916-01-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 2. schou stets feine Stimme zur Geltung brachte nnd auch gehört wurde, so oft Entscheidungen in Angelegenheit auch politischer Natur in Vorbereitung standen, durch welche Interessen der Judenschaft berührt wurden. Eine zweite, dringende, nnansschiebbare Angelegenheit, welche uns in der allernächsten Zeit zu beschäftigen haben wird, ist die Besetzung der Kaiizel in der Inneren Stadl. Da es uns nicht mehr gegönnt rst, unseren verehrten, hochverdienten, über alles Lob erhabenen Dr. Güdemann. wie in den langen Jahren seiner segensreichen Tätigkeit, von der Kanzel herab zn hören, so müssen wir unverzüglich daran gehen einen seiner würdigen Nachfolger für diese Kanzel zn' bermen. Unser Tempel in der Inneren Stadl gilt als repräsentative Synagoge der Knltnsgemeinde von Wien, und muß es uns als Richtschnur dienen, daß wir für diese Kanzel den erreichbar Besten zn erlangen bestrebt sein müssen. Und zwar baldigst! Denn die Verhältnisse, wie sle fetzt im Tempel der Inneren Stadl herrschen, sind unhaltbar geworden und drängen nach einer raschen, wir wollen hoffen, allgemein befriedigenden Lösung. Zu diesen beiden großen Aufgaben, der externen wie der internen, rvelche ich ans der Fülle der anderen, gleichfalls wichtigen Agenden hervorgehoben habe, erbitte ich mir die Mitarbeit nnd Unterstützung der soeben nenkonstunierlen Repräsentanz unserer Knltnsgemeinde. Die Ansführnngen des Präsidenten fanden bei den Vorstandsmitgliedern die lebhafteste Zustimmung. Nach Durchführung der Wahlen in die Kommissionen schloß der Präsident die Sitzung. * 4- * Spenden sind e i n g e l a n s e n: Von Herrn Vertreter der israet. Knltnsgemeinde Salo Cohn für den Israel. Frauen-Wohltätigkeitsverein anläßlich der Feier des lOOjährigen Vereinsbestandes K 5000.—, von Herrn Salo Cohn für die Abhaltung der Channkafeier in der Versorgungs- Anstalt K 1600.—, von Herrn Guido E l b o g e n anläßlich eines Familienfestes für jüdische Bedürftige, die durch ' den Kr leg m Not geraten sind, K500.—, von Herrn Dr. Jakob Engel für das israel. Versorgnngshans L 200.—, unter „S. L." zur Verteilung an Bedürftige nnd Flüchtlinge K 50.—, von Herrn Peisach Th an aus Stanislau für Arme in Jerusalem K 25.—, von Frau Julie T heuen für das Fauni I eitel es-Armenhaus L 50.—. Dernhard I irrot« lohn. Einer derpopnlärstenKantoren Dentschlands, der ehemalige Leipziger Kantor und Lehrer Bernhard Jacobsohn, seit einigen Jahren zu Friedenau bei Berlin. Kranachstraße 9, mit seiner Familie nn Ruhestand lebend, feiertamMittwoch, den 12. Januar d. I. seinen siebzigsten Geburtstag. Die Bedeutung Jacobsohns reicht weit hinaus über das kautorale Maß derjenigen, die zwar vom Hause aus auch begabt, in jungen Jahren aber schon anfinge», auf den noch unverdienten Lorbeeren anszuruhem Jacobsohn war allezeit seines Lebens ein Arbeiter, ja ein steißiger Arbeiter in des Wortes allerbestem Sinne; er arbeitete früh schon an sich selbst, um seine außergewöhnlich musikalische Veranlagung zur Entfaltung zu bringen. Daneben verriet er eine besondere Vorliebe auch für den Lehrerberuf. Kaum 15 Jahre alt. übernahm er bereits eine Hauslehrerstelle und bereitete sich während dieser Zeit znm Eintritt in die jüdische Lehrerbildnngsanstall in Berlin vor. Neben den allgemeinen Disziplinen trieb er sehr fleißig Musik, und zwar Älavierspiel, Theorie, Violtnspiel lind Gesang mit mehr als gewöhnlichem Erfolge. Seiu^Vehrer waren Prof. Leivandowski und Kammermusikns Ronneburger. Nach bestandener Lehrer- und Mnsiklehrerprüfnug. Ostern 1867, übernahm er zunächst die Lehrernnd Chordirigentenstelle in Märkisch-Frtedländ und vertauschte dieselbe nach zwei Jahren mit einer Religionslehrer- und Kantorstelle m Magdeburg. Drei Jahre später wurde er als erster Kantor, Hanptlehrer und Prediger nach Dortmund berufen und wirkte daselbst bis Mitte Februar 1874. Seit 1. März desselben Jahres war er Kantor und Lehrer bei der Leipziger -israel. „Hanptgemeinde", von wo ans er Ostern 1907 in den Ruhestand trat. Sein vorzüglicher Stil machte es ihm möglich, mit diesen Hauptämtern zugleich das Sekretariat des dentsch-israel. Gemeindebundes, bis zur Verlegung seines Sitzes nach-Berlin, mit Glanz versehen zn können. Die von ihm herailsgegebene Erinnerungsschrift „Der dentsch-israel. Gemeindebund" sei nach Ablauf des ersten Dezenniums ist ein wertvoller Betrag zur Geschichte dieses Bundes Inzwischen arbeitete der jetzt Siebzigjährige anfsynagogalmnsikalischem Gebiete weiter. Seine im Druck erschienenen Veröffentlichungen sind: 1. „Beiträge zur Knltnsfrage"; 2. „Der israelitische Gemeindegesang"; 3. im Verein mit seinem ehemaligen Ortskollegen Louis Liebling „Lollire be>8 Jaakow“, Schul- und Gemeindegesangbnch; 4. ..Vierstimmige Partitur zn demselben, im Manuskript"; 5. „Biblische Frauengestalten, Charakterschildernugen für die reife weibliche Jugend (mitIllustrationen); 6. „Fünfzig Jahre", Erinnerung aus Amt und Leben. Als Mitarbeiter verschiedener jüdischer Zeitungen schrieb er fachwissenschaftliche Abhandlungen. Jacobsohn darf sich rühmen, die heute spruchreif gewordene Frage des Gemeindegesangs mit prophetischem Geiste erkannt zn haben, und wir wollen hoffen, daß er die in die Wege geleitete Ausgestaltung desselben im Gesundheit noch erlebt. Möge ihm der furchtbare Weltkrieg in familiärer Beziehung kein Leid antun, möge vor allen Dingen er selbst noch eine Reihe von ungetrübten Jahren genießen und Zeuge sein des ruhmvollen Abschlusses, den wir dem gewaltigen Völkerringen bereiten! — Das walte Gott! H. Z. Inleruationirle Miflenfrhaftliche Uereiuiguug israet. Kantoren. In weiter Ferne trifft uns heute die niederschmetternde Kunde von dem Hinscheiden unseres ausgezeichneten Kollegen Prof. Leo Kartschmaroff-Kanizsa.. Der Verblichene war Gründer nnd Vorstand unserer Bereinigung nnd hatten wir noch im vorigen Sommer in Baden bei Wien den Vorzug, mit ihm über Ziele und Zwecke unserer Vereinigung ' zn beraten. Inmitten einer großen idealen Arbeit für unseren Stand, in einer Zeit, wo wir leider nicht nur kein Entgegenkommen, sondern niedrige Gesinnung in Kollegen!» eisen finden, trifft uns der Hintritt eines solchen Mannes doppelt schwer. Mit seinem edlen Charakter, mir seinem, einzigen kantoralen Wissen und Können, mit seiner Arbeitsfrendigkeit,' war er uns ei» zielbeivnßter hochintelligenter Führer.. Sein Hintritt ist für uns unersetzlich. Sein Andenken bleibt in unserer Mitte ein unanslöschliches. Singer-Kaltowitz. Der Indenfriedhof non Mnravica. Der verlassene, öde Jndenfriedhof von Mnravica mag in vergangenen Friedenstagen eine, jener bizarren Stätten gewesen sein, die die Phantasie eines Edgar Poe oder Villiers de l^Jsle Adam gewiß gereizt hätten. . Es ist aber nicht nur ein verlassener Friedhof, voll gespenstischer Schatten und spukhafter Formen, es ist mehr, viel mehr, es ist ein Symbol. Dieser Friedhof trägt, so erzählt Engen Szatmar in der „Frankfurter Zeitung", den Charakter des gehetzten, russischen Judentums.. Am Ende des kleinen Dorfes, am Ufer der stillen Jkwa, auf einem verlassenen, von undurchdringlichem Dickicht bewachsenen Hügel schlafen sie ihren letzten, ewigen Schlaf im endlosen Reiche des weißen-Zaren, sie, die Gehetzten und Gezeichneten. Die grotesken Grabmäler, schlanke, rnndköpfige, weiße und rote Grabsteine verschmelzen sich phantastisch mit dichtem Laubwerk mib leuchten in stillen Nächten im fahlblanen Mondlicht spukhaft hervor, das blasse Licht schimmernd widerspiegelnd. Ein verlassener Friedhof

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