Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 2 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 2. Die Wahrheit Seite 5. ihrem Geist und ihrer hochragenden Gelehrsamkeit, mit ihrer nnvergleichlichen Redekunst und ihrem prosnnden Wissen min einmal angetan; der eine mehr, der andere weniger; aber alle in ganz respektablem Matze. Indessen, der Antor verscherzt sich sofort diese Sympathie, weil er den Wiener Rabbinen ans dem Umwege über das Vertreterkolleginm einen zu stark ausgeprägten Erwerbsinn unterschiebt. Ich glattbe, daß der Antor gerade bei dieser Elknndnng schlecht abgehorcht hat. Das sind, gelinde gesagt. Panschalannahmen nnd diese goutiere ich nicht. Solche Waffen wollen wir lieber beiseite lassen. Vor Profitgier schützt ioeder Orthodoxie noch Resormation. das sind persönliche Eigenheiten, die man beileibe nicht generalisieren darf. Weiin nnn mit Dr. Nobel wirklich ö, raison vielfach gesteigerter Bezüge schon verhandelt werden sollte, so will man offenbar den Frankfurter Matzstab anlegen. Frankfurt zahlt eben besser. Bestätigt sich indessen, datz die Bedentnng Dr. Nobels sich in ieuiev Rechtglänbigkeit erschöpft, ohne sonstige anszeichnende Eigenschaft, ohne Krönung dttrch wissenschaftliche Leistungen, dann mag der Steuerzahler die Versicherllng eilllallschen, datz der Vorschlag änf Beinsnng Nobels gerade bei den Intellektuellen des Vorstandes, zu denen ich mich zu rechnen mir erlaubt habe, auf den schärfsten Wlderstaiid stoßen wird. Indessen, so weit gehe ich nicht, um die Orthodoxie als Schreckgespenst hinznstellen. Sie braucht, itin ein gelegentliches Witzwort des Vvlkskaisers Josef II. zu variieren, einem Rabbiner nicht gerade zu schaden. Wenn jemand in einer Gemeinde strengglänbigieinsoll, dann soll es wenigstens derRabbiner sein, womit noch lange nicht gesagt fei, daß es auch die Gemeinde samt nnd sonders sein müßte. Ein aufgeklärter Konservatismus ist mir füy einen Rabbiner offengestanden erwünschter als die forsche Zügellosigkeit eines bedenkenlosen Nelierers. Ganz und gar verfehlen'aber die beweglichen Exklamationen über den Niedergang unserer Gemeinde und des Gottesdienstes ihre Wirkung. Wer aufrichtig sein will, mutz bekennen, daß es auf der ganzen Welt kernen herrlicheren, weihevolleren Gottesdienst gibt, als in den Bethünsern unserer Großgemeiltde einschließlich der Bezirks- und Vereinstempel, die dank der verständigen Obsorge nnd der Hingebung ihrer Verweser das Glück haben, unübertreffliche Künstler als Vorbeter und klangvolle Redner als Prediger zu besitzen. Gewiß packt es, es ist ergreifelld zugleich, in rührseltgen Reminiszenzen zu schwelgen. Das Andenken nuferer Großen in Israel und in der Gemeinde kann nicht hoch genug gehalten werden. Nur komme man nicht immer mit der Wirkung auf die f o l g e n d eil Generationen. Sie stellt sich, Gott seis gellagt, nicht immer ein. Da hat es nächststehende Jünger gegeben, die sich allzu rasch mit anderen, vom jüdischen Standpunkte keineswegs „besten Ideen der Zeit vermählt haben". Gleichwohl könnte die Flugschrift darin recht haben, die Idee, Nobel zu berufen, sei grotesk. Ich will darob vorerst nicht weiter rechten. Wir werden prüfen nnd die Prüfung wird uns belehren. Die Berufung des „Anderen" jedoch, das wage ich für meinen Teil zu behaupten, wäre brandstisterisch; denn sie würde die Fackel der Zivlelracht in die nicht volltönend genug zu preisende Einheitlichkeit unserer Weltgemeinde schleudern. Davor aber möge uits ein gütiges Geschick behüten. Schließlich noch eines: Nicht etwa, weil ich, wie er will, den Verfasser der Flugschrift gerillg taxiert habe, wollte ich ihn ans seiner Verborgenheit ziehen; vielmehr hat mich ein anderes, ein psychologisches Motiv geleitet. Es hätte mir wohl getan, in ein blitzendes Augenpaar eines geistvollen Gegners zu blicken; ich hätte dann gewußt, ob ich der Wahrheit ins Antlitz geschaut habe,- oder der Larve — grinsender Verstellung. Wien, am 12. Januar 1916. Ans der Wiener Knllnsgemeinde. (K v ii st i r u i e r t> ii d e Plenarsitzung des K u l t n s Vorst a ii d e s a m 6. Jauner 1916, unter Vorsitz des Präsidenten Dr. Alfred Ster u.) Am 6. d. M. fand die in den Statuten vorgesehene konstituierende Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt. Da auch das dreijährige Mandat des Präsidenten Dr. Alfred Stern abgelansen war, mußte auch die Wahl des Präsidenten vorgenommen werden. Die mittels Stimmzettel vvrgenommenen Wahlen ergaben folgendes Resultat: Zum Präsidenten wurde der bisherige Präsident Herr Dr. Alfred Stern für eine dreijährige Fnnklionsdauer wiedergewählt. Herr Präsident Dr. Alfred Stern dankte zilnächst für das ihm neuerlich enlgegengebrachte Vertrauen und behielt sich vor am Schluffe des gesamten Wahlaktes ztlr Frage der künftigen Aufgaben der Kuitusgemeinde nochmals das Wort zu ergreifen. Au Stelle des verstorbenen 1. Vize-Präsidenten Dr. Gustav Kohn wurde der bisherige 2. Vize-Präsident, Herr k. k. Hvfrat Dr. Benjamin Rappaporl zum 1. Vize- Präsidenten geivählt. Hofrat Dr. - R appaport wies in seinen Dankeswvrlen darauf hm. datz diese Wahl ihm den Beweis erbracht habe, datz der Vorstand seiner bisherigen Tätigkeit die Zustimmung erteile. Mil diesem Verlranen ansgerüstel, wolle er auch in Zukunft seine Wirksamkeit sortsetzeu und dabei sich ausschließlich und in erster Reihe von denjenigen Gcsichlspnnkten leiten lassen, durch welche die Interessen der großen Gemeinde am besten geschützt werden. (Zustimmung). Bei der hieratlf vorgenommeuen Wahl des 2. Vize- Präsidenten wurde das Mitglied des Vertreter-Kollegiums Herr Dr. Leopold Kohn gewählt. Vize-Präsident Dr. Leopold K v h u nahm die Wahl dankend an und faßte, unter Znst'mmnng der Anwesender? fein Tätigkeits-Programm in den Worten zusammen, datz er seinem alten Leitsätze entsprechend auch in der Kultnsgemeiude bestrebt sein werde, das Geietz mit Wohlwollen zur Geltung zu bringen. Ans der hiernach vvrgenommen Wahl von 8 Mitgliedern in das Vertreter-Kollegium gingen als gewählt hervor: Salo Cohn. M. B. E i tz l e r (neu), kais. Rat Slegmund Kanders, Dr. Wilhelm Pappenhim (neu), k. k. Uuiv. Prof. Dr. Josef P o l l a k, k. k. Kommerzialrat Leopold Simon (neu), Eduard Schwarz, Dr. Markus Spitzer. Nachdem die Gewühlten erklärt hatten, die auf sie gefallene Wahl aiiznnebmen. sprach Herr Vertreter k. k. Kommerzialrat Leopold Simon namens der Nengewählten den Dan! ans und gab die Versicherung, datz sowohl er, als auch seine Kollegen auch in dieser neuen Eigenschaft ihr bestes Könneir und Wissen in den Dienst der Knltnsgemeinden stellen. Nun ergriff Präsident Dr. Alfred Stern das Wort nnd führte unter Anderem aus: Der Wiener Knllusgemeinde harren für die nächste Zukunft große und wichtige Aufgaben. Diese sind nicht nur administrativer Natur nnd berühren nicht nur Fragen der inneren Verwaltung der Knltnsgemeinde. Die Wiener Knltnsgemelnde, als die größte des Reiches fühle sich berufen, in allen den Fragen, welche bei der bevorstehenden Neuordnung der Verhältnisse im Osten die jüdische Gemeinschaft berühre, ihre Stimme zur Geltung zu bringen Niid ihr jenen Einfluß zu verschaffen, welcher ihr sowohl als die führende Gemeinde des Reiches, als auch ans dem Grunde znkommt, weil in Wien alle jene Fäden znsammeulanfen, mit welchen die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Interessen der östlichen Jliden aufs engste verknüpft sind. Indem der Vorstand diesen Standpunkt einuimml, tut er dies, wie ich Ihnen ans meiner dreißigjährigen Tätigkeit im Vorstande und aus meiner nunmehr 12jährigen Wirksamkeit als Präsident dieser großen Gemeinde erklären kann, — in dem vollen Bewußtsein, daß der Vorstand unserer Gemeillde auch bisher