Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1916-01-14 · Heft 2 (14.1.1916) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 2 (14.1.1916)
Date
1916-01-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063828-3063830--09866-3077153
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. Die Wahrheit Nr. 2; Eine Entscheidung des Verwalluugsgerichtshofes vom 11. Mai 1909. Z. 3712. Budw. Nr. 6734 A stempelt die „im Reichsrate vertrerenen Königreiche und Länder" geradezu nur als loses K o u g l o m e r a t aueinandergereihter Provinzen ohne innere Konsistenz, denn. sie erklärt: „Landesnnd Reichsgesetze sind mit gleicher Wirkungskraft ausgestaltet und bei Widerspruchs!) gilt das junger e, d. h. später zuftandegekommene Gesetz". Gemeinde- und Landesautonomie bedeuten wohl stolze, freiheitliche Errlurgenschaften. doch das Reiths interesse muß entschieden über alle Sonderinleressen gestellt werden, was der gegenwärtige Weltkrieg wohl eindringlich genug erwies. Uebrigens ist die letztversochtene Ansicht deutlich genug von der österreichischen Regierung geäußert worden, denn als Se. Majestät das neue Wappen f ür 0 e ft e rreich heransgab. schrieb die „Wiener Zeitung" erläuternd: „Durch die Feststellung eines ö st e r r e i ch i s ch e n Staatswappens ist nunmehr ein einheitliches, heraldisches Emblem geschaffen, das die st a a l l i ch e E i n h e i l der österreichischen Länder prägnant zum Äusdrucke dringt. Hiedurch treten die innere v r g a n i s ch e Z u s a in m e n g e h ö r i g k e i t und das f e st e st a a t s r e ch t l i ch e Gefüge dieser Länder als der einheitliche Staat O e st e r r e i ch besonders sinnfälligst in die Erscheinung. Damit sindet eine erhebende Tatsache der politischen Entwicklung, die Vertiefung des österreichischen S t a a t s g e d a n k e n s und deS Staatsgefühles der österreichischen Volksstämme, ihre Solidarität und opferfreudige Hingabe all das gemeinsame Vaterland, die insbesondere im gegenwärtigen Kriege so verheißungsvoll zu Tage getreten ist und aus dem Kriege wieder neue mächtige Impulse empfangen hat. die feierliche Bekräftigung und den würdigen, sinnbildlichen Ausdruck." Ein Sinnbild allein genügt aber nicht. Damit der richtige österreichische Staatsbürger gedeihen kann, muß auch die Gesetzgebung zweckmäßig eingreifen und hiezu den staatlichen Rahmen Herstellen! In beiden angezogenen Parteien überwiegen die agrarischen Interessen. Wohl verdient der Lebensmittel produzierende Landmann die weiteste staatliche Würdigung und Förderung. Aber auch der Handwerker, der Arbeiter und das große Heer von Beamten, Lehrern, Privatangestellten und Kauflenten fiub nützliche und unentbehrliche Staatsbürger und es geht nicht an, daß immer nur das wirtschaftliche Interesse der Agrarier und ganz besonders der Großagrarier wahrgenommen und dasder letztgenannten Stände und Berufe vernachlässigt und ans dem Auge verloren wird. Noch wütet leider der Weltkrieg weiter, noch tagt in Oesterreich weder Reichsparlament, noch irgend ein Landtag, noch müssen sich die österreichischen Staatsbürger mit Geduld und Ausdauer wappnen. Das Gefühl bricht aber bereits allgemein durch, daß der Weltkrieg dem Ende entgegeneile. Diese Tatsachen mag die Proponenten des gemeinsamen Programmes auch bewogen haben, damit schon während des Weltkrieges vor die Oeffenrlichkeit zu treten, um „die Ueberfuhr" nicht zu versäumen. So viel ist aber heute schon sicher. Der Weltkrieg hat den demokratischen Gedanken mächtig gefördert und' keine Partei wird ferner alle andern beherrschen und vergewaltigen können. Der Gesa m m t st a a t wird und muß in erster Linie von allen seinen Teilen respektiert werden und deshalb werden alle engen und einseitigen Parteistandpunkte im Innern des Reiches überbrückt werden müssen. Wäre dies früher schon geschehen, hätte man früher schon durch Erkennung und Wahrnehmung der gem eins um e n Interessen öeu wilden und rücksichtslosen Parteienkampf in Oesterreich gemildert und gezähmt, daun wären unsereFeindesrüher schon über die innere F e st i g k e i t des österreichischen Staates aufgeklärt worden, daun wäre vielleicht das unermeßliche und allgemeine Unglück des Weltkrieges nicht über uns gekommen. R. L. Nochmals Dr. Möbel und Dr Ziegler. Bou Dr. Heinrich Schreiber. Ein Kompliment >st das andere wert: Der Aufsatz, den meine Maske (hoffentlich eine schöne Maske) meiner Replik folgen ließ, ist gewiß ungemein lebendig geschrieben und vor allem, was ihm als besonderer Vorzug nachgerühmt werden soll, sachlich gehalten. Allein, und der Verfasser möge verzeihen, wenn lch ihn bei einem eigenen Zitate fasse, eine Sache und sintemalen eine schlechte Sache wird« nicht besser, wenn man sie wiederholt. Der freisinnige Steuerzahler wiederholt sich, aber er entkräftet nicht. Höchstens erschüttert er die Schlüssigkeit seines ursprünglichen Jdeenganges; denn ursprünglich hat er seine Lanze für Dr. Ziegler eingelegt, um ihn als extremen Reformrabbiner neben Dr. Nobel als dem extremen Orlhodoxrabbiuer zu kandidieren, während er jetzt dieses Junktim fallen lassen will. Ihm handelt es sich nicht mehr um Dr. Nobel n n d Dr. Ziegler, sondern n u r m ehr n m Dr. Ziegler allein. Die „bescheidene Kompensation" ist „unbescheiden" geworden. Demgegenüber habe ich beide Extreme abgelehnt. Ich habe mich überhaupt in keine bestimmte Persönlichkeit sestgebissen. Ich war und bin für die Berufung eines bodenständigen, wurzelhaften, mit dem Wiener Judentum verwachsenen Mannes, der als Theologe und Wissenschaftler den Höchsten Anforderungen gerecht wird, kurz gesagt ich wünsche die Crsme aller Creme. Neugierig, wie mir der Autor der Flugschrift entgegenhält.'bin ich allerdings nicht. Nicht die Neugierde hat mich geplagt, um das Inkognito des freisinnigen Steuerzahlers zu lüften. Es war mehr ein Rückfall in die Gebräuche eines edlen Turnierwesens, das den Reisigen gebietet, ehe sie sich zum Kampfe stellen, ihr Visier zu öffnen. Tnt e.s der Gegner nicht, muß es mir auch recht sein, „nicht mehr will' ich ihn befragen, noch Wissens Sorge tragen ....". Freilich auch eine Hintertreppenpolitik liegt mir nicht; ich verschmähe es, weil »ich es nicht nötig habe, erst das Vertreterkollegium abzuhorchen und abznklopfen. Ich habe Geduld und warte artig, bis es dein Plenum ordnungsgemäß seine Anträge stellt. Das aber ivird doch selbst der Autor zngeben müssen, daß ein Rabbiner für den Stadttempel selbst bei Abkürzung aller Formalitäten, wofür ich gewiß nicht bin, nicht berufen wird, ohne daß das Plenum früher befragt worden wäre und sein Placet gegeben hat. Hätte der Autor lediglich das Vertreterkolleginm getadelt, ich hätte geschwiegen; ich gehöre nicht zu ihm, es^ mag sich selber seiner Haut wehren. Allein früher wurde dem Vorstände samt und sonders der Anwnrf ins Gesicht geschlendert, daß „die' Akademiker und Männer der Wissenschaft innerhalb des Knltusvoistandes" — und zu diesen allerdings zäule ich mich — „jeglicher Initiative entbehren und den reaktionären Elementen die Führung überlassen". Diesen Vorhalt konnte ich nicht ruhig ans mir sitzen lassen und dagegen habe ich mich bescheidentlich gewehrt. Wenn mich sohin mein Unbekannter fragt, woher ich denn die Mutmaßungen schöpfe, daß ihm eine Berufung Nobels gar nicht so unwillkommen wäre, wie er glauben! machen möchte, so brauche ich bloß zwei Stellen leiner eigenen Schrift hierherzusetzen. Die eine lautet: „Gelangt der Vorstand zur Wahl einer solchen Persönlichkeit (Nobel), daun soll wenigstens gleichzeitig Herr Rabbiner Dr. Ziegler aus! Karlsbad nach Wien berufen werden." Die zweite Stelle klingt am Schlüsse seiner Ausführungen in folgenden Appell ans: „Von Vorteil für die Gemeinde wäre es jedenfalls, wenn neben einem solchen Oberhirteu (Nobel) auch ein Mann geraden Charakters (Ziegler) wirkt. Gewinnen' wir Ignatz Ziegler, daun wollen wir geduldig auch das Verhängnis Nobel über uns ergehen lassen." Ich meine, diese Sprache ist deutlich genug. Die Beteuerung des Autors, „den Wiener Rabbinen. nicht in den Weg zu treten", berührt mich als das Bekenntnis einer schönen Seeleungemein sympathisch. Ich bin nun einmal für die Wiener Rabbinen. Sie haben es mir mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.