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Die Wahrheit · 1916-01-07 · Heft 1 (7.1.1916) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 1 (7.1.1916)
Date
1916-01-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 1. Familienkreise von der reichen Lebensarbeit ansznrnhen. Leider war ihm diese Muße nicht lange gegönnt und vorige Woche ist er nach kurzer Krankheit zur ewigen Ruhe ein gegangen. Das Leichenbegängnis fand Montag, den 3. Jänner unter überaus zahlreicher Beteiligung am Zentralfriedhofe statt. Aus Nagy Kanizsa waren in Vertretung der dortigen Knltnsgemeinde der Präsident Herr Heinrich G r ü n h u t und Oberrabbiner Dr. Nenyrann eiugetroffeu. Sehr stark war die Kollegenschaft vertreten. Der Gesamtvorstand des österr.-ungar. Käntorenvereines u. zw.: Präsident Bauer, die Vizepräsidenten Morgenstern und D ü n m a n n, die Vorstandsmitglieder Jurberger, Schlesinger, Serebrenik, Grob, Basier, Mayrowitsch, ferner die Oberkantoren und Kantoren Don Fuchs. Schiller, Matyas, Smotritzky, Müller, Löwit, Stift, Weißmann, Roth, Harndorf, Margulis, Tonkinoge. Von auswärtigen Kollegen: Oberkautor Singermann — Troppau, Schächter — Esseg, Rafael Moor Pinkassowitsch. Die Chewra Kadischa war durch Herrn Vorsteher Karl Lemberger und Herrn Amtsleiter F r e i st a d t vertreten. In die kantoralen Funktionen teilten sich die Oberkantoren Fuchs und Morgenstern, die mit teilnahmsvoller Innigkeit dem Heimgegangenen Berufsgenossen das Grablied sangen. Nachdem Rabbiner Dr. G r n n w a l d und Oberrabbiner Dr. Neumann in ihren wirkungsvollen Nachrufen das Leben und Wirken des Verblichenen geschildert hatten, nahm Oberkantor Baue r namens des Kantorenvereines und der Berufsgenossen mit tiefempfundenen Worten Abschied von dem Heimgegangenen Kollegen und hierauf wurdenunterden wehmutsvollen Klängen des Joseh ewbesesser die sterblichen Reste Leo K a r t s ch m a r o f f s zu hem von der Wiener Kullnsgemeinde gewidmeten Ehrengrabe geleitet. Sein Andenken sei gesegnet! „Leienen" von Prof. Dr. Samuel Kraust. Jeder auch nur halbwegs in seiner Religion lebende Jude bedient sich, auch wenn er sonst ein tadelloses Hochdentch spricht, eines „jüdischen" Ausdruckes, wenn er das Vorlesen aus der Thora bezeichnen will; dieser Ausdruck lautet: „leienen". Wer ihn nicht gebraucht, versteht ihn zumindest. Er hat sich eben aus Urväter Munde gerade dort bei uns eingebürgert, wo man ihn, als hochwohlgeborenes Kind edler Vorfahren, am wenigsten missen möchte: im gottesdienstlichen Leben, und auch da im feierlichsten Momente desselben, in der vor der Gemeinde ftattfindenden Vorlesung des Thoraäbschnittes. Hierin hat sich das Wort sosehr festgesetzt, daß man sich ordentlich scheut, ein anderes dafür zu sprechen oder zu setzen; oder ist „lesen" wirklich soviel als „leienen", mit all dem Schimmer des Heiligen, mit all dem vertrauten Inhalt, mit dem es umgeben, mit dem es erfüllt ist? Man „leient" freilich auch ein Stück „Gemara" (d. h Talmud); man versteht darunter in Fachkreisen das glatte, glückliche Verstehen und Begreifen einer Partie des Talmud, in welchem allerdings auch schon das bloße „Lesen" eine Leistung ist, da der schwierige Text weder mit Vokalzeichen noch mit Satzteilern versehen ist. Hier hat das „Leienen" keinen sonderlich heiligen Charakter, kann auch nicht den Anspruch haben, einen feierlichen, in der Oeffentlichkeit vor sich gehenden Vorgang bezeichnen zu wollen, so daß man wahrhaftig nur bei der trocknen Gleichung bleiben muß: leienen ist — lesen. Nur der Charakter des Althergebrachten, von Gebrauch und Tradition Geweihten muß ihm auch hier zuerkanut werden. Auch in dieser Beziehung ist das Wort mit der Patina des Alters überzogen; auch da stacken Kräfte uud Nüanzeu in ihm, zu denen sich das neuzeitliche „Lesen" nicht hat aufschwingen können und zu denen es, da ihm da der kräftige religiöse Rückhalt fehlt, auch nicht gelangen kann. Was ist nun — zu deutsch — „ leienen?" In einem in der „Wahrheit", Jahrgang 1915, Nr. 39, reproduzierten Artikel, der „die deutsch-jüdische Volkssprache" behandelt, ein Thema, das aus wohlbekannten Gründen gerade in diesen unseren Kriegszeiten vielfach verhandelt wird, heißt es unter anderem, „leienen." komme von dem mittelhochdeutschen „lei", das Gesang, Weise, Lied bedeutet. Ich bezweifle nicht, vuß der Verfasser jenes Artikels, Herr Karl v. Kirchberg, bevor er jeste Zeilen niederschrieb, sich in alten Schriften umgesehen und tatsächlich gefunden hat,- daß. „leien" von „lei" — Lied — abznleiten ist. Auch bezweifle ich nicht, daß „Lei" im Sinne von Lied tatsächlich existiert hat, wird doch „Lei" selbst in neueren Werken (z.B. bei M. K o ch, Geschichte der deutschen Literatur, in Sammlung Göschen) in geeignetem Sinne zu neuem Leben zu erwecken gejucht. Aber es sollte nicht vergessen werden hinzuzufügen, daß. mittelhochdeutsch „Lei" ursprünglich „Leich" (altfranzösisch „lai“, englisch „lay“) gelautet hat; man bezeichnte damit eine Gattung singbarer Gedichte, die aus ungleichen Versstrophen bestanden und dadurch von dem „Liede" unterschieden waren (I. Heyses Handwörterbuch 1849 und Kluges Etymolog, Wörterbuch 1894). Nun hat man aber, meines Wissens, im jüdischen Dialekt nie „leichnen" gesagte Wie soll auch das gewiß eher monoton zu nennende Vorlesen aus der Thora zu einem Gesang, zu einem Liede gestempelt werden können? „Gesänge sind deine Satzungen mir" (Psalm 119, 54) ist doch nicht wörtlich zn nehmen, sondern nur, daß die Satzungen mir ein Gegenstand des Ergötzens sind. Auch der bekannte rabbinische Spruch (Megilla 32 a) fordert für Bibellesen bloß Akzentuierung und für Mischnah bloß Satzteilnng. nicht aber kann dabei von einem Gesänge gesprochen werden, Es muß wohl bei dem bleiben, was vor 300 Jahren schon der alte Bnxtorf behauptet und als etwasganz. Sicheres hingestellt hat: „leyenen" (so mit Ipsilon) kommt von IvAsrs — lesen —; zur Bildung vgl. deutsch „benedeien" von benedieere,- das übrigens als „benschen" ebenfalls ein stark gebrauchtes, jüdisches Wort ist (beides siehe jetzt auch in dem ganz vortrefflichen Buche von M. Wiesel s, Die Entftehnngsnrsache der jüdischen Dialekte, Wien 1915, Seite 33). Dieses Wort gehört also zu den romanischen Lehnwörtern, mit denen sich der jüdisch-deutsche Dialekt, wie schon längst erkannt worden, mehr als die übrigen deutschen Dialekte, geschmückt hat. Ich sage „geschmückt", denn im Sinne der Entlehner und also Sprechenden war es jedenfalls ein Schmuck ihrer Sprache, wenn sie sich dieses Fremdwortes bedienten. Die Juden hielten, wie es scheint, alle Zeit etwas darauf, aus der Sprache eines sie umgebenden, höher zivilisierten Volkes einzelne Brocken aufzunehmen: eine harmlose Schwäche und Eitelkeit, die dem von dem Glanze eines höheren Lebens völlig ansgeschlossenen armen Juden sehr gut zu verzeihen ist. So steckt schon Talmud und Midrasch voll von griechischen Lehnwörtern, so wird noch heute der halbgebildete Dorfrabbiner seine Predigten und Ansprachen mit Fremdwörtern spicken, um sich den Anschein der höheren Bildung zu verleihen. Die geborenen Deutschen haben es Jahrhunderte nicht anders gemacht; man weiß, wie vornehm es bei ihnen schien, in die gebildete Konversation und in die gelehrten Schriften einige französische Glossen hineinznbringen, und ist es erst der Geschmack der neueren Zeit, der hier gründlich Wandel geschaffen hat oder eigentlich erst schaffen wird. Im vorliegenden Falle dürfte die Entleehnnng bzw. die Beibehaltung des wahrscheinlich französischen Lehnwortes „leyenen" einen tieferen Grund haben. Man weiß, daß das erste Gemeindeleben der deutschen Juden in der Rheingegend erblüht war, und da war die Sprache der Inden nicht nur ein von den Französismen durchsetztes Deutsch (vgl. G übe mann, Erziehungswesen II. 273), sondern sogar ein ausschließliches Französisch, abgesehen davon, daß, wir es hier auch mit ans Fankreich eingewanderten Juden zu tun haben können. Von da aus trägt das deutschgeformte Judentum des Ostens das Wort „leienen" als ein teueres Vermächtnis der Väter auf allen .seinen. Zügen mit sich. Einen ähnlichen französischen oder zumindest romanischen

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