Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063828-3063829--09856-3077142- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1. Die Wahrheit. Setie 7. / Noch eine andere Frauengestalt aus dem klassischen Altertum fällt mir ein. Wer kennt nicht die Karyatiden» die an den Fronten von Palästen mächtiges Gebälk ans ihren Schultern tragen? Die Griechen haben diese weiblichen Gestalten erfunden. aber die jüdischen Frauen haben sie im Leben verwirklicht. Sie erfüllten nicht bloß als Gattinnen und Mütter das Innere des Hauses mit dem Zauber ihrer Persönlichkeit, sondern sie tragen im Mittelalter fast buchstäblich das Gebälk des Hanfes, sorgten durch ihrer Hände Arbeit und durch ihre Geichäftslüchligkeit für die Erhaltung des Hauses und waren glücklich und reich belohnt, wenn unterdessen die Gatten über die Thora und den rabvinischen Folianten gebeugt in das Gottesworr sich vertieften. Von solchen Frauen sang der biblische Sprnchdichter: „Eine biedere Frau — glücklich, wer sie gefunden, kostbarer als Perlen ist ihr Wert." Solche edelsiunige Frauen-waren es, die vor hnnder* Jahren diesen Verein ins Leben gerufen haben. Es waren: Frau Eleonore Wertheim geb. Wertheim. Eleonore Nassau geb. Werlheim. Elisabeth Kohn. Franziska Gätzl ged. Götzl. -Charlotte Biedermann geb. Goldstein, Judith Löwiuger geb. Werlheim. Ihnen reihen sich an die im Laufe des Jahrhunderts dahingefchiedenen Vorsteherinnen: Frau Nanette Edle von -Wertheimstein geb. Kohn, Judith Ofenheimer geb. Edle von Herz. Babette Wartefeld geb. Wertheim, Nina Porges geb. Todesco. Josesine von Kölligswarter geb. Köuigswarler. bis 1861. Regine Biedermann geb. Biedermann, 1834—1880, Therese An spitz geb. Lewinger. 1849—1877. Rosalia Pollak, bis 1864, Regine Hieldburghänßer geb. Löwy, 1860—1895, Nina Wertheim. bis 1876, Emile von Schnapper geb. von Dvrmitzer, 1860—1885, Marie Tauber geb. Edle von Hönigsverg. dis 1879, Emilie von Ephrusfi geb. Porges, 1873—1878, Ernestine Thorsch geb. Thorsch, 1873—1912, Bettina Freifrau von Rothschild geb. Freiin von Rothschild, 1877—1892, Sofie-Freifrau von Todesco geb. Gomperz, 1879—1895, EmilievonPfeiffergeb. Biedermann. 1880—1905, Annica Benvenisti, 1897—1915. Ehre und Ruhm ihrem Audenkell, in lluvergünglichelu Glanze leuchten ihre Namen. Dank und Preis ihren Nachfolgerinnen, von denen die jetzige Herehrte Präsidentin fünfzig und eine andere Borsteherin vierzig Jahre ihres Annes waltet. Sie alle haben dem überkommenen Erbe zu uniner größerer Wirksamkeit und zu dem hohen Alter eines Jahrhunderts verhvlfen. In Gegenwart von Frauen soll man nicht vom Alter reden. Ich will auch nicht gegen dieses Gesetz der Höflichkeit verstoßen. Ich will vielmehr von der den Frauen verliehenen Gabe reden, nicht blos sich selbst, sondern alles zu verjüngen, avofür ihre Herzen schlagen und was ihre zarten Hände berühren. Für die Verjüngung dieses Vereines haben sie die Gründung eines Jubiläümsfonds vorgeschlagen. Denn nicht blos für den Krieg auf dem Schlachtfeld braucht man nach -einem bekannten Kriegerwort Geld und wieder Geld, sondern ebenso und noch mehr für die Besiegung des schrecklichen Vierverbandes des Hungers, der Not, der Krankheit und des Todes. Möchte denn ein reicher Jubiläumsfond gleich frischem Blut in den Verein einströmen, uni ihn zu verjüngen. Air diesen Wunsch mache ich mich zum Herold und rufe den Segen Gottes auf die großmütigen Spender und auf den "Verein herab. Möge er älter und immer älter, doch niemals alt werden. Amen." Nach Vortrag des Psalmes 113 wurde bei geöffneter Bundeslade die Bolkshymne intoniert und dann nur dem -Schlußgebet Olenu die imposante Feier beendet. Vor Beginn des Festgottesdieustes brachten die Vertreterinnen der Wiener israelitischen Frauenvereine und Abordnungen vieler anderer Korporationen im Zeremouienl'aale des Tempels, der Präsidentin Frau Baronin Charlotte König smarter ihre Glückwünsche zum Ausdruck. Konstttniernng des WienerKnttnsvorstandes. Unter dem Vorsitze des Herrn Präsidenten Dr. Alfred Stern fand in der Plenarsitzung des Kultnsvorstandes vom 6. d. M. die Wahl der beiden Vizepräsidenten und der Mitglieder des Vertreterkollegiums statt. Gewählt wurden: I. Vizepräsident: Hofrat Dr. Benjamin R a p p a p o r t. II. Vizepräsident: Dr. Leopold Kohn. Vertreter: Salo Cohn, Moriz B. E i ß l e r, kaiserl. Rat Siegmuud Ka uders, Dr. Wilhelm Pappen he im. Prof. Dr. Josef Pollak, Komme, zial-Rat Leopold S i m o n, Eduard E. Schwarz, Dr. Markus Spitzer. Leo Kartschmaroff. Knapp an der Jahreswende, am 31. Dezember 1915, ist hier Professor Leo K a r l s ch m a r o f f, Ober-Kanlor der israel. Knltusgemeinde in Nagy Kanizsa. nach kurzer Krankheit im 76. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene war eine der hervorragendsten Persönlichkeiten des kantoralen Berufes, einer der erfteu Schüler und Jünger Salomo» Sulzers, auf den der Altmeister selbst große Stücke dielt. Glänzende Stimmittel, reiches hebräisches Wissen, gediegene musikalische Bildung und ein vornehmer und edler Charakter waren die Grundlagen seiner mehr als ein halbes Jahrhundert umspannenden amtlichen Tätigkeit, die er zum größten Teile in der angesehenen Gemeinde Nagy Kainzsa entfaliete. Wiewohl er stets darauf bedacht war. im Sinne und Geiste des großen Reformators des Synagogengesauges zu wirken, war er dennoch kein blinder Nachahmer des Meisters, sondern wußte seinem Vorträge eine eigene persönliche Note zu verleihen. Wer jemals Gelegenheit hatte, Kartschmaroff in Kanizsa, wo er nach Sulzer'schem Vorbilde einen Mnftergottesdienst geschaffen hatte, besonders vor Jahren, als er noch auf der Höhe seines Könnens stand, zu hören, der verließ sicherlich das Gotteshaus nicht ohne tiefen Eindruck. Erhebende Weihe und vornehmer Knnstgesang gaben dem von ihm zelebrierten Gottesdienste das Gepräge der Vollendung und trotz seiner glänzenden Stimmittel ließ er sich niemals zu blendendem Virtuosentum verleiten, denn an der Stätte, wo er wirkte, fühlte er sich als Priester. Die ernste Auffassung, die Kartfchmaroff von seinem Berufe hatte, übertrug er auch anf sein privates Leben und feine Mußestunden füllte er nicht mit leeren Tändeleien ans, sondern widmete sie dem musikalischen Unterrichte. Er war ein ersolgreicher und vielbeschäftigter Gesangs- und Musikbildner, und fein Haus, in dem er an der Leite seiner feinsinnigen Gattin zwei Söhne und zwei Töchter zu geachteten, sozialen Positionen heranzog, war eine Pfiegestätte der Knust. Sein ältester Sohn ist der Oberstabsarzt Dr. Kanizsai, der jüngere ist Sradtrat in Budapest. Bon den beiden Töchtern ist die eine an den Kommerzialrat Zerner, die andere an den Exporteur S- Duschak, eni Sohn des bekannten Oberrabbiner von Krakau Dr. Duschak, verheiratet. Kartschmaroff kompouierte auch fleißig und in späteren Jahren sammelte er seine reichen Erfahrungen in dem Synagogen gesangswerke „Schire beth Josef", das in Fachkreisen allgemeine Anerkennung fand. Wie seiner Familie ein zärtlicher Gatte und liebevoller Vater, war er seinen Kollegen ein guter und treuer Freund. Seit der Grüudung des österr.-uugar. Kantorenvereiues war er Mitglied desselben und bis in seine letzten Lebenslage beteiligte er sich an allen kollegialen Bestrebungen. In seiner Gemeinde genoß Kartschmaroff hohe Verehrung und Wertschätzung. Nach 50jähriger, allgemein anerkannter Wirksamkeit daselbst trat er vom Amte zurück und übersiedelte vor kurzer Zeit nach Wien, um seinen beiden hier verheirateten Töchtern näher zu sein und in trautem