Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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amerikanische». Patriotismus zweifelt? , Erst.jmrgsllcls ich in einer amerikanischen Zeitung, däß die Deutschen in einer Versammlung, in der- Wiele Amerikaner englischer Herkunft, darunter auch Bryan sprachen, die „Wacht am Rhein" sangen und dennoch zmeiselte niemand an ihrer Staalstrene. Wir'Jnden aber waren immer staarstren, schon in der Zeit, als der Prophet Jeremias uns zunesr »Suchet das Heil der Stadt, dahin ich euch geführt* und diese Treue haben wir in dieser »großen Zeit" mit unserem Blute besiegelt. Mehr darf kein Staat verlangen und das wäre auch ein Mißbrauch der Gewalt und Macht. Gebet dem'Staate, was dem Staate gehört, ist das oberste Gesetz für jeden treuen Slaatbürger. Der Hypernationalismns der Heißsporne aber, der Assimilation der andern fordert, führt, um mit Grillparzer zn sprechen, von Nationalität zur Bestialität. Daß ein Staat „einen fremden Körper in seinem Fleische nicht dulden werde" nimmt sich sicherlich nicht schön aus im Munde eines l i b e r a l e n I u d e u. Wir sind überzeugt, daß die Juden, die schon so oft, ihr Blut für die Sache Polens vergossen haben und deren viele bis jetzt in der Warschauer Zitadelle schmachteten, auch in Zukunft, wenn die Sonne besserer Tage und westlicher Kultur für das befreite Polen anfgeht. ihre Liebe zur Heimat bewahren werden. Wir sind aber nicht minder überzeugt, daß die polnischen Juden an ihrer Religion und an ihrem Volkstum mit einer ihnen angeborenen Zähigkeit festhalten werden, was dem Jntei-esse des Staates nicht im geringsten znwiderläuft. Denjenigen aber, die sich als ihre Freunde aufspielen wollen, um sich an ihren Idealen zn vergreifen, müssen sie ein dröhnendes: „Hände weg!" zurufen. Denn die Motive ihrer „Freunde" sind zn durchsichtig, um verfangen zn können. Gott schütze sie vor ihren Freunden! Chan och Al—k. Jahrhundertfeier des israelitischen Frauen - Mohltätiglreits - Uerei»es. Samstag, den 2. Jänner 1916 vollendete der älteste und vornehmste Franenverein der Wiener Kultusgemeinde, der israelitische Franenwohltätigkeitsverein. 1. Bez., Seitenstetlengasse 2, das 100. Jahr seines Bestandes. Die Gründung des Vereines, an dessen Spitze feit einem halben Jahrhundert als Präsidentin Frau Charlotte Freifrau v. Köuigswarter steht, erfolgte gleich zn Beginn des Jahres 1816 durch eine Vereinigung mehrerer Frauen, die es sich zur Aufgabe gestellt hatten, die infolge der verheerenden Wirkungen der Napolevuischen Kriege verarmten Familien drtrch Sammlung von Liebesgaben zu unterstützen. Aus Anlaß des Gedenktages fand am 2. d. um halb 12 Uhr vormittags im israelitischen Tempel in der Seitenstettengasse 4 ein Festgotlesdieust statt. Lange vor Beginn der Feier war das Gotteshaus bis auf den letzten Platz gefüllt. Bürgermeister Dr. Weiskirchner hatte Gememderat Dr. Oskar Hein mit seiner Vertretung betraut, und Polizeibezirksleiter Regiernngsrat Polt war als Vertreter des Polizeipräsidenten Freiherrn v. Gornp erschienen. Ferner waren anwesend: Präsidentin Charlotte Freifrau v. Köuigswarter mit den Damen des Vorstandes, der Präsident der israelitischen Kultnsgemeiude Dr. Alfred Stern mit dem Vizepräsidenten Hofrat Dr. Rappaport und fast sämtlichen Mitgliedern des Vorstandes, der Präsident der „Chewra Kadischa" (Verein für fromme und wohltätige Werke) Salo Cohn, der Präsident des Bethausvorstandes Dr. Markus Spitzer mit dem Vizepräsidenten Anton Beck und allen Mitgliedern des Vorstandes, Sekretär kaiserl. Rat Dr. Theodor Lieben, ferner die Obmänner der Wiener Tempelvereine, Abordnungen aller Frauenwohltätigkeitsvereiue. dann: Oberrabdiner Dr. Güdemanu und Gemahlin, Heinrich Freiherr v. Köuigswarter, Reichsratsabgeordneter Hofrat Dr. Knranda, Hofrat Dr. Schlag, Hofrat Dr. Löwner, Universitätsprofessor Dr. Wilhelm Roth, Vizedirektor der Universitätsbibliothek Regierungsrat Dt. Frankfurter. Dr. Maximilian Stiglitz als Vertreter des Bezirksrates des ersten Bezirkes, Direktor des israel. Blindeninstituts kaiserl. Rät Heller, die Rabbiner Dr. Fenchtwang und Dr: Reich. Feld» ravbiner Dr. Funk (Preßburg). der Vizepräsident der Armenanstalt der Israel. Knltusgemeinde M. A. Pollak, der Sekretär der israel. Allianz Dr. Kaminka. der Vizepräsident der Verkehrsbauk kaiserl. Rat Leopold Langer/ Religionsiuspektor Kanitz, Notar Dr. Julius Bermanu, Advokat Dr. Gustav Bloch, Direktor des israel. Kindergartens Fischer, Schulrat Dr. Weiß, kaiserl. Rat Dr. Krüger, Herr Karl Freund und Dr. M. Löwy (Zentralstelle für das jüd. Armenwesen), kaiserl. Rat Steinhüvl, vom Verein „Einheit" (Volksspeisehalle) die Herren Manheit. Alexander Eigner Und Max Hofbauer, kaiserl. Rat Siegmnnd Kauders, die Großindustriellen Karl Lemberger, Hugo Kadisch und Maximilian Paul-Schiff. Bezirksrat Kauders und viele andere. Nach Vortrag des Matowu durch Oberkantor Don Fuchs und des von Salomon S u l z e r vertonten Psalmes 111 mit Chor- und Orgelbegleitung unter Leitung des Chormeisters Prof. Josef S u lze r hielt Oberrabbiner Dr. G ü d e m a it.it folgende Festrede: „Eine Jahrhundertfeier, wie diejenige ist, die uns heute im Gotteshause versammelt, besitzt vor anderen Feiern den Vorzug, daß sie erst nach Ablauf eines Jahrhunderts statlfinden kann. Sie "besitzt also den Reiz der Seltenheit, der den meisten heutzutage begangenen Feiern abgeht. Es wird zuviel gefeiert, man besitzt nicht die Geduld, abzuwarten, dis das Bild des zurückgelegten Zeitraumes zu einer eindrucksvollen Erscheinung sich abgerundet hat. Diese Voreiligkeit erinnert an das Betragen eines Menschen, der aus Ungeduld jeden Augenblick auf die Uhr sieht, als ob er dadurch den Gang der Zeit beschleunigen könnte. Vergebliche Hoffnung! Unsere Weisen sagen: „Wer die Stunde drängt, den drängt die Stunde", und ein altes Sprichwort lautet: „Gut Ding braucht Weile." Ich erinnere an diese Erscheinung, der man in unserer schnellebigen Zeit auf Schritt und Tritt begegnet, um dadurch die Bedeutung der heutigen Jahrhundertfeier in das rechte Licht zu setzen. Welche Fülle von Segen, welcher ungeheure Reichtum an Opfern und Werken der Nächstenliebe ist in dem weiten Rahmen, der vier Menschenalter umspannt, ausgebreitetl Der älteste und vornehmste Franenverein unserer Gemeinde darf stolz darauf sein, daß an-ihm das Segenswort sich bewährt hat: „Wenn auch dein Anfang klein ist, deine Zukunft wird sehr groß sein." Aus kleinem Anfang ist Großes entstanden, die verheißene Zukunft ist Gegenwart geworden. Das ist eine Feier wert. Aber noch ein anderer Reiz wohnt der heutigen Jahrhundertfeier tune. Unter dem Eindruck des Völkerkriegs entstanden begeht dieser Franenverein seine Jahrhundertfeier im Weltkriege. Deutet dieses merkwürdige Zusammentreffen nicht, daß das Losungswort des Frauenvereines Krieg ist und sein muß? Gin Franenverein und der Krieg — welch ein Gegensatz, und doch welche natürliche Verbindung! Das klassische Altertum weiß von Amazonen zu erzählen, von Frauen, die gleich streitbaren Männern mit Schwertern und Lanzen fochten. Auch das jüdische Altertum hat seine Amazonen, nur führten sie nicht deren Namen rmd nicht deren Waffen. Sie hießen „Noschim zidkonijaus“, edelsinnige Frauen. Ihr Schlachtfeld war „das Tal der Tränen", ihre Waffen waren das fühlende Herz, die hilfreichen, freigebigen Hände und das tröstende Wort, ihr Schlachtgesaug war der Psalm: „Gepriesen sei der Ewige, mein Fels, der meine Hände übt für den Kampf, meine Finger für den Krieg." Diese Frauen folgten selbst dem Verbrecher auf den Richtplätz und reichten dem Unglücklichen den Beläubungstrauk. bevor der Henker Hand an ihn legte, und so föchten sie gegen hie großen HeUker der Menschheit selbst, gegen Not und Tod, um sie von der Wiege des Säuglings, von dem Lager der Kranken und aus den Hütten der Armut zu vertreiben.