Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. Die Wahrheit Seite 5. Pfefferkorns berüchtigten Andenkens? Schreiber dieser Zeilen kennt die polnischen Inden nicht vom Hörensagen in der Schreibstube, sondern ans eigener Erfahrung im alltäglichen Leben, und ich^ gestehe es: Die Moral und Sittlichkeit ist so himmelhoch über solche Anflegelnng erhaben, daß ich mich schäme sie gegen diese Ausfälle in Schutz zu nehmen. Entsittung und Menscheuhasser im Zusammenhang mit den polnischen Juden! Da ist doch schon ein anderer deutscher Jude gerechter in der Beurteilung eben dieser Juden und obwohl eine gewisse Animosität auch bei ihm unverkennbar ist, so schwingt er sich doch zu einem höheren Standpunkte aus, aus dem er diese „Unkultivierten" betrachtet. Ich meine Dr. Felix Goldmann in seiner Broschüre «Die polnischen Juden". Er schreibt: «Der elende polnische Jude ist erfüllt von einem unzerstörbaren, f a st wunderbaren I d e a l i s m u s. Mit rührender Treue hängt er an seinem Glauben, dem er . unsagbare Opfer bringt, für den er selbst den Tod 'erleidet. Wie für die soziale Frage eine individuelle Lösung durch Raub utld Diebstahl vorhanden ist, so gibt es für die Judenfrage eine solche durch die Taufe! Aber wie unendlich wenige im Verhältnis zur ungeheueren Gesamtmenge, sind jenseits der Grenze trotz aller Bedrückung diesen Weg gegangen.... Auch in der Achtung vor Wissen und Wissenschaft kommt dieser Idealismus zum Ausdruck. Die religiöse, wissenschaftliche Arbeit des Judentums im traditionellen Sinne wird heute noch im wesentlichen von den Juden Polens geleistet, und es sei hervorgehoben, daß die hohe -Intelligenz, welche auch der Judenfeind an ihnen anerkennt, im wesentlichen der gründlichen Beschäftigung mit dem talmüdischen Schrifttum zu danken ist, das unzweifelhaft eine vorzügliche Schule des logischen Denkens darstellt.... Wo gäbe es aber in der Weltgeschichte sonst noch ein Beispiel für eine Gemeinschaft, die in so drückender politischer und wirtschaftlicher Not lebt und trotzdem in den großen Massen des Volkes die Kraft und das Interesse bewahrt hat, die oft sehr abstrakten Probleme der Religion zu erforschen und zu meistern? ... So leben die Juden des Ostens ein Doppelleben. Aeußerlich sind sie elend und arm, und im Inneru tragen sie den Schatz eines lebendigen, idealen S t r e b e n s. Ihr Leib ist mit häßlichen Fetzen behängt, ihr Antlitz ist bekümmert und verzerrt,- aber i h r H e r z i st m u t i g und i h r e S e e l e i st' e r f ü l l t v o n K r a f t u n d Z n k n n f t s h o f f e n." Und nun vollends das Familienleben, das von Philippsohn in so niedriger Weise besudelt wird! Das makellose, ja geradezu heilige Familienleben ist eine jüdische Tugend, die uns auch von unseren Feinden bekanntlich nicht abgesprochen wird. Daß die polnischen Inden gerade in dieser Hinsicht ein mnstergiltiges Verhalten bekunden, ist jedem Kenner der Verhältnisse ans eigener Anschauung zur Genüge bekannt. Ein polnisch-jüdischer Dichter Schatom Asch, schildert in einem «Gott der Rache" betitelten Drama, wie ein sittlich verkommenes Individuum mit allen Mitteln seine eigene Familie vor Schmach und Schande bewahren will. Als ihm aber dies nicht gelingt, als seine Tochter auch einem befreundeten „Händler" zum Opfer fällt und denselben Beruf sich wählt, den so viele auf Veranlassung ihres Vaters gewählt haben, da zettert er und tobt bis zum Wahnsinn. Herr Prof. Philippsohn aber läßt sich emes besseren belehren, daß nämlich viele polnische Juden ihre weiblichen Angehörigen verkaufen, «wenn sie dadurch ein gutes Geschäft machen können." Jesaias! Ach, Jesaias! der kommt nur nicht ans dem Sinn. Ich möchte seinen Ausspruch im Cap. 49, 17 zitieren, wenn mir nicht der „jüdische" Philippsohn einen hohen Grad von Achtung einflößen würde. Und dieser jüdische Philippsohn kommt auch in dem erwähnten Artikel zum Vorschein, was allerdings besonders anmutet. Er behauptet nämlich: „Nicht die Sorge für den Wohlstand der polnischen Juden ist es, die mich zu meinem bescheidenen Wirken in dieser Frage veranlaßt, sondern das tiefe, innige, tränenerweckende Mitleid mit dem entsetzlichen Schicksal, das die Millionen unserer Glaubens- und Stammesbrüder betroffen hat. und daß sich, wenn sie auf dem bisherigen Wege verharren, in der Zukunft bis zum völligen Untergang steigern würde". Was würde aber, nach der Meinung Prof. Philippsohns. diese polnischen Juden vor dem Untergange bewahren? Um es kurz zu sagen: Die v o l l st ä n d i g e Assimilation. das A u f g e b e u ihrer Sprache und der uralten G e b r ä u ch e und Sitten. Attf die Einwendung aber von konservativer Seite, daß dadurch die polnischen Juden an ihrer Religiosität Einbuße erleiden werden, meint Philippsohn, daß sie zwar das mittelalterliche Zeremonielle aufgeben muffen, aber «wir liberalen Juden verstehen unter Religiosität etwas anderes: die freudige Verehritng und herzliche Anerkennung der Glaubens- und Sittenlehre unserer uralten Religion." Und schmerzerfüllt ruft er ans: „Was nützt es ihnen, den .polnischen I il d ejedes Tipfelchen n a ch biblischen G e b r ä u ch e n a u f r e ch t z u e r h a l t e n, wenn sie vollständig zugrunde gehen?" Ja, wir liberalen Inden! Ist aber die Toleranz der liberalen Inden, die sie immer im Miinde führen, so engherzig, daß sie dieselbe den polnischen Juden nicht angedeihen lassen wollen? Ist dem Historiker Philippsohn bekannt, daß dem größten Teil der Juden diese „mittelalterlichen" oder gar „noch biblischen" Gebräuche so teuer und heilig sind, daß sie ihr Alles dafür opfern werden? Ist ihm irgend bekannt, daß das Gros der Inden diejenigen, die sich von den „nachbiblischen Gebräuchen" prinzipiell l o s s a g e n. wohl als Sadncäer, Karäer, nie und nimmer als Glaubensge. nossen ansehen würde? Mit welchem Rechte kann man also von Staatsbürgern verlangen, daß sie ihre persönliche Überzeugung und ihre Eigenart anfgeben sollen, daß sie ihren Kindern eine Erziehung angedeihen lassen, die sie ihren heiligsten Idealen entfremden, und. an dessen Stelle eine abstrakte, leere Formel von der „Anerkennung" der Glaubens- und Sillentehre unserer uralten Religion setzen werde? Gilt für die liberalen Juden nuht der Grundsatz, daß ein jeder im Staate nach seiner Fasson selig werden kann? Vor einigen Dezennien glaubte man noch in Mitteleuropa, daß Bekenner eines andern als des herrschenden Glaubens keine Rechte im Staate beanspruchen dürfen. Da trat Gabriel Rießer, der Vorkämpfer der jüdischen Emanzipation in Deutschland, auf und schrieb die denkwürdigen, historisch gewordenen Worte: Wir w o l l e n dem deutschen V a l e r l a n d e a n g e h ö r e n, wir w e r d e n ihm aller Orten a ugeh ö r en. Es kan n tt nd darf u nd mag von uns fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt i st; w i l l i g werden wir ihm alles opfern, nur nicht Glanben und Treue, Wahrheit und Ehrung. D e n n Deutschlands Helden und Deutschlands Weise haben uns nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wird. Ist dieser Grundsatz nun nicht auch jetzt — mufcatis mutandis — auf das Verhältnis der polnischen Juden zu ihren Nachbarn anwendbar? Ist ein Staat berechtigt, von seinen Bürgern Assimilation zu fordern und gehört dieses zu den Befugnissen eines Staates? Als Beispiel mag Oesterreich dienen, wo viele kleine Völker unter Beibehaltung ihrer Eigenart nebeneinander wohnen lind dennoch, oder eben deshalb standen sie in der Stunde der Gefahr wie eine große Nation auf und bildeten einen eisernen, einheitlichen Block, der aller Welt Bewunderung und Achtung abnörigt. Und haben nicht die Deutsch-Amerikaner ihr Deutschtum stets aufrecht erhalten und betonen sie nicht auch jetzt ihre Sympathien zu Deutschland, obwohl kein Mensch an ihrem