Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 40 (31.12.1915)
- Date
- 1915-12-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063862-3063902--09844-3077130- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 40. Me Wahrheit. Setie 7.. Und die Kriegerschar mit Staunen Hört zum ersten Mal davon. Immer lauter wird das Raunen, Das ist wahre Religion! Und was an dem Tische Christ ist, Ob er falsch ist oder echt, Ob er einmal Leib geheißen Und jetzt heißet Leberecht, Und im nächsten Augenblick Sind sie alle gleich bekehrt. Nur bei einem, namens Frick, Ist die Sache doch erschwert! Denn so manches Ritual Ist nur für das Kind erträglich, Dem Erwachsenen wird's zur Qual, Denn der Schmerz, der ist unsäglich! Doch Löw-Beer läßt nicht davon. Spricht von Gans und Pfefferkarpsen, Von Tonello, Löb nnd Kohn Und von Davids Aeolsharpfen! Endlich läßt sich Frick erweichen Und er rnft: Alle ringsumher erbleichen. Als er schreitet zu der Sude! Liebe Großmama, zuletzt Will ich tiefen Dank noch sagen Für den Fladen, der ergötzt Sowohl Seele als auch Magen. Doch viel wertvoller als Dank Winken Dir des Himmels Gnaden, Weil Dir gelang Durch den selbstgemachten Fladen! Der edlen Wohltäterin in Dankbarkeit zugeeignet vom Verfasser und den übrigen Mitessern. (Folgen mehrere Unterschriften.) Die deutsch-jüdische Dolksspruche. (Schluß.) Bezüglich der phonetischen nnd grammatischen Uebereiustimmungen verweisen wir ans die genannte Abhandlung. Justizrat Dr. Bodenheimer gibt auch sehr interessante Aufschlüsse über die bisherigen Einrichtungen des jüdischen Schulwesens im Königreiche Polen, aus denen hervorgeht, daß das jüdische Volkselement im wesentlichen auf die eigene Kraft im Aufbau des Schulwesens angewiesen blieb. Die Kosten wurden durch eine Steuer aufgebracht, die sich die Juden auferlegten. Sehr bemerkenswert ist die Schlußfolgerung, welche Dr. Bodenheimer seiner Darstellung des Schulwesens anreiht. Sie enthält eine sehr beherzigenswerte Lehre: „Ans dieser kurzen Uebersicht über das Schulwesen ergibt sich, daß für den Unterricht der weiblichen jüdischen Bevölkerung nur durch die wenigen Volksschulen Sorge getragen worden ist. Die Folgen davon ist, daß die Masse der weiblichen Bevölkerung ohne jeden Unterricht aufwächst. Diejenigen Eltern, die dazu in der Lage sind, schicken ihre .Kinder in die polnischen höheren Mädchenschulen und Gymnasien. In diesen Schulen wird die weibliche Jugend ihrem Volkstum und ihrer Religion entfremdet. Die Folge davon ist eine große Kluft zwischen dieser weiblichen Jugend und ihrer Familie. Hiedllrch erklärt sich auch zum großen Teil die vielfach zutage tretende Entsittlichung der jüdischen weiblichen Jugend imOsten." Der starke Bildnngsdrang des jüdischen Volkes erklärt es, daß die weibliche Jugend der besseren Stände stets wieder diesen gefährlichen Bildnngsweg betreten hat. als den einzigen, der ihr überhaupt erreichbar ivar. Es ist ja klar, daß überall dort, wo die Herrschaft der Russen verschwinden wird, das mitteleuropäische Bildnngswesen nnd namentlich die Volksschule mit ihrer allgemeinen Schulpsticht ihren Elnzng halten wird. Daß diese Frage nicht ohne große politische Bedeutung ist. kann man nicht verkennen. Mit Recht sagt Dr. Bodenheimer: „Es wird eine bedeutende Ausgabe der deutschen Verwaltung sein, bei der Neugestaltung des jüdischen Schulwesens im Osten mitzuwirken. Hiebei darf aber nicht vergessen werden, daß die jüdischen Massen des Ostens mit großer Liebe an ihrer religiösen Tradition nnd der jüdischen Sprache festhallen. Wenn hierauf die gebührende Rücksicht genommen wird, unterließt es bei dem Bildlingshunger der Ostjuden keinem Zweifel, daß sie sich in ganz kurzer Zeit europäische Bildung aneignen iverden. Die große Verwahrlosung dieser armen Bevölkerrmg wird einem neuen sittlichen und witschastlichen Allfschrvllng Platz machen." Der Weg vom Jltdendentich zur hochdeutschen Lchristrind Umgangssprache ist selbstverständlich für den Inden, der jetzt die deutschjüdische Volkssprache als seine Muttersprache spricht, nicht schwieriger als für jeden anderen Volkszweig, der sich seines heimatlichen Dialektes bedient, wenll ihm eben die Schule die Handhabung des Hochdenlschen vermittelt. Befreit man sich einmal von der gehässigen Verspottung des Dentschjüdischeu und wertet es als wertvollen Bestandteil des dentschen Sprachschatzes und Sprachvermögens, fo wird man den Uebergaug znm Hochdenlschen wesentlich erleichtern. Vielleicht wird man sich dann auch bequemen, anzn» erkennen, daß irr vielen durch Ueberlieserung festgeleglen Formeu des jüdischen Volks- und Familieulebeus gleichfalls wertvolle Gewohnheitsformen des mittelalterlichen deutschen Volkslebens erhalten geblieben sind, die seinerzeit von den ans ihrer deiltschen Heimat vertriebenen Juden ebenso wie Sprache, Kleidung nnd Haartracht nach dem Osten mitgenommen und dort bewahrt worden sind. Der Jude hat selbst in unseren Zeiten, wo ja die scharfe Betonung des Persönlichkeiswertes Die allgemeine Anpassung an herrschende Sitten und Gebräuche nicht begünstigt, eine starke Neignng zu dieser Anpassung. So haben sich weite Kreise des jüdischen Volkes die deutsche Weinachtsfeier mit ihrer gemütvollen Vertiefung des Familienlebens zu eigen gemacht, genau so wie die Kölner Inden des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts die Kölner Hansnnd Sladtbränche in ihre östliche neue Heimat verpflanzten. Diese Anpassung wird drastisch beleuchtet dilrch einen gepfefferten Scherz, den sich vor zwanzig Jahren ein christlicher Zellugsberichlerstatter an der Wiener Börse leistete. Aus die Frage, welche ein jüdischer Börsenbesucher zur Weihnachtszeit an ihn stellte: „Werben Sie auch einen Weihiiachsbamu anzünden?" erwiderte er: „Bin ich denn ein Jnd'?" Der Jude hat stets die Aeignug bekundet, mit dem Volkstum, in dessen Mitte er eine Heimat gefunden hatte, vollständig zu verwachsen, und daran hat sich auch iu deu schlimmsten Zeiten, die dem Judentum bereitet wurden, nichts geändert. Es ist eine merkwürdige nnd, geschichtlich angeschaut, eine tiefsinnige Wendung, daß die Waffengewalt Mitteleuropas den einst vertriebenen Juden nun nicht nur die Befreiung aus dem großen russischen Judenghetto bringt, sondern ihnen auch den Weg zur Bildung öffnet. Wenn man mit Schaudern von den Vergewaltigungen des jüdischen Volkes im Herrschaftsbereiche des russischen Staates liest, erinnert mau sich an das gleiche Vorgehen Spaniens gegen die Mauren und Juden und zugleich auch au die Tatsache, daß Spanien diese Verbrechen durch eine iu dreihundert Jahren nicht zu behebende Verarmung sühnen mußte uud noch sühnt.