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Die Wahrheit · 1915-12-31 · Heft 40 (31.12.1915) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 40 (31.12.1915)
Date
1915-12-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 40. Die Wahrheit Seite 5. Wahrheit den Frieden des Landes untergraben, da diese naturgemäß mit aller Energie und Leidenschaft sich gegen solche Vergewaltigung wehren würde. Nachdem der Artikel noch kurz darauf hinweist, daß der außerordentlich scharfe polnisch-jüdische Gegensatz in erster Reihe die Folge der reaktionären rnssophilen polnischen Politik der letzten Jahre sei und mit dem Zusammenbruch dieser Politik in diesem Kriege schwinden müsse, schließt er mit folgenden Sätzen: „Die Lösung des polnisch-jüdischen Problems durch die Anerkennung und Sicherstellung der polnischen Inden als Nation ohne irgend welche Art der Germanisiernlig ist die einzig mögliche und fruchtbringende. Sie gibt beiden Parteien das, was sie fordern dürfen: Den Inden das Recht zur Forlexistenz, den Polen die Anerkennung des vorherrschenden politischen Charakters dieses Landes. Für Deutschland aber ist diese Lösung darum von größtem Nutzen, weil sie ihm in den Inden sichere und treuen Freunde und zuverlässige Wahrer der Bande gibt, die Polen in Zukunft mit Mitteleuropa verbinden sollen." Eine Knllnrfrage im Osten. Vom Gouverneur v. Pnttkamer.^) Als unsere siegreichen Armeeir in Polen einmarschierten, haben die vereinigten Oberkommandos der deutschen und österieichisch-nngarischen Armeen sich sofort mit den für die einheimische Bevölkerung wichtigsten Lebensfragen beschäftigt. Wie die Dinge liegen, steht da ohne Zweifel im Vordergrund die Frage des zukünftigen Geschicks der polnischen Inden. In weiser Erkenntnis dieser Sachlage und mit weit vorausschauendem Blick hat die oberste Heeresleitung beim Betreten des okkupierten — nicht feindlichen — Gebiets einen in deutscher, jüdischer nnd polnischer Sprache abgefaßten Erlaß an die Inden in Polen gerichtet, ans dem die folgenden Sätze hervorgehoben sein mögen: „Unsere Fahnen bringen euch Recht und Freiheit; gleiches Bürgerrecht, Freiheit für euren Glauben, Freiheit, ungestört zu arbeiten in allen Zweigen des ökonomischen und kulturellen Lebens in eurem- Geist. Als Freunde kommen wir zu euch." Wenn so von der Armeeleitung selbst die hohe Bedeutung dieser Frage anerkannt worden ist. so wird es nunmehr eine der Hauptaufgaben der in Polen inzwischen eingerichteten Zivilverwaltnng sein, sich iveiler nnd intensiv mit der Angelegenheit zu beschäftigen. Ich habe schon vor mehr als dreißig Jahren während eines längeren Aufenthaltes im Gouvernement Witebsk. diese Frage studiert, die heute von so eminent praktischer Bedeutung ist. Das Gouvernement Witebsk ebenso wie Mohilew nnd Minsk gehörte einst zu Großpolen. Daher ist auch heute noch der besitzende Landadel mit einigen russischen nnd deutschen Ansnahmen polnisch; die bäuerliche Bevölkerung sind Weißrussen, vielfach zur Sekte der Raskolniken gehörig; der Handel und das Gasthofgewerbe sind ganz, das Handwerk zum großen Teil jüdisch. Ich habe dort unter den jungen, den Holzhandel betreibenden Inden wahre Prachtexemplare gesehen, hochgewachsene, schlanke, muskulöse und energische Menschen, die in ihrem nicht immer ganz ungefährlichen Gewerbe vor keiner Gefahr zurückschreckten, Makkabäergestalten. Ich habe von jener Zeit her und ans Grund persönlicher Erlebnisse großes Interesse für den polnischen Inden empfunden, wie ich ihn dort in den Niederungen nnd Wäldern an der Düna gewifsermassen im Urzustände kennen gelernt habe. Diese Leute, deren Vorfahren im Mittelalter aus Deutschland ausgewandert sind, teils von den polnischen Königen gerufen, um einen im Lande fehlenden Mittelstand zn bilden, teils vertrieben durch Judenverfolgungen, bilden eine in sich abgeschlossene, wohlorganisierte Sprach- und Kulturgemeinschaft, von der später mehr zn reden sein wird. In den okkupierten *) Aus der Nummer 300 des „Tags" vom 23. Dezember 1915. Gebieten sollen etwa zweieinhalb Millionen, im übrigen europäischen Rußland weitere vier Millionen Inden vorhanden sein. Der obenerwähnte Ursprung dieser jüdischen Bevölkerung erklärt ihre eigenartige Sprache, den Jargon, der nichts weiter als ein deutscher Dialekt, gemischt mit hebräischen und slawischen Brocken, ist und von jedem Deutschen leicht verstanden wird. Der Jargon ist das feste Bindeglied für die Gemeinschaft, die meisten unserer Klassiker sind in ihn übersetzt; so bildet die Sprache wieder den Zniammenhang zwischen Deutschland nnd den Inden des Ostens, die — gewissermaßen in der Diaspora lebend — im fremden Lande und der slavischen Bevölkerung gegenüber den germanischen Gedanken vertreten. Trotz aller Bemühungen, sie zn ruisifizieren oder zu polonisieren, haben die Olljnden mit verschwindenden Ausnahmen, im Gegensatz zn ihren Stammesgenossen im Westen Europas, Eigenart und Sprache rein erhaltrn nnd bilden ans diesem Grunde ein hervorragendes, nicht zn unterschätzendes Bollwerk gegen das Rnssentnm nnd die Gefahr des Ostens. Es liegt somit ans der Hand, daß wir ein erhebliches Interesse daran haben, die Jndenichaft des Ostens als solche zn erhalten und ihr erträgliche Lebensbedingungen zn schaffen; auch können wir uns nur so vor einer andernfalls unausbleiblichen Masseneinwanderung Polnischer Inden schützen, die doch gewiß recht unerwünscht sein würde. Mit der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung wird sich sehr rasch ein Aufschwung des jüdischen Volkes zu höherer Bildung vollziehen. Und da reicht der nicht entwicklungsfähige Jargon nicht ans, der wohl für die Botksschnle genügt, aber sicherlich schon in den Mittelschulen durch eine zivilisierte Sprache ersetzt werden muß. Es bleibt also nur die Wahl zwischen Deutsch und Polnisch — und unser Interesse verlangt da gebieterisch die Ueberleiinng der jüdischen Volksschule ans dem Jargon in das Deutsche. Nicht plötzlich und ans einmal kann sich diese Wandlung vollzreben, denn die Menge des Volkes hängt mir großer Liebe wie an religiösen Uederliefernngen auch am Jargon; aber allmählich nnd naturgemäß wird sich mit höherer Bildung auch das Bedürfnis nach der neuen Ansdrncksform entwickeln. Hiefür vorzniorgen, wird eine der vornehmsten Aufgaben des neuen Staates sein. Als einfachstes Mittel zur Erreichung des Zieles erscheint die Einrichtung von Matrikeln — und zwar für alle nationalen Minderheiten — nach Analogie derKonsnlatsmatrikel, wie sie schon der österreichische Reichsratsabgeordnele Renner vorgeschlagen har, um die Nationalitätenkämpfe in dem gemeinschaftlichen Landtage zn verhüten. Jedem geschlossenen Volksbestandteil soll hiernach vollkommen Autonomie in allen Sprach- und Knltnrangelegenheiten gegeben werden, zn welchem Zwecke die Eintragung in die Matrikel erfolgt. Da die Mitglieder einer Matrikel ein Sprachgemeinschaft bilden, regeln sie das Volksschulwesen; mehrere örtliche Gemeinschaften werden zu einem „Kreise" znsammengefaßt, dem die Sorge für die Mittelschulen obliegt. Wie heute schon in den Neligionsgemeinschaften. wird diesen Knlturgemeinschaften eigenes Stenerumlagerecht verliehen nnd die Befugnis, die eigenen Angelegenheiten autonom zu regeln. In dieser Form wird der Schlitz und die Erhaltung der nationalen Minderheiten in dem neuen Staat möglich sein, und gleichzeitig dem deutschen Gedanken eben durch die jüdischen Kntlnrpioniere Sympathien bis weit nach Asien hinein erworben werden. Und gerade nach dem Ollen lenken sich in dieser Zeit der Umwertung alles bisher Bestehenden unsere Blicke wehr denn je. Die große Wichtigkeit der Frage ist auch in den beteiligten Kreisen selbst nur zu gut bekannt. Ist doch ans Lodz dem Generalgouverneur in Warschau eine von vielen Tausenden unterschriebene Bittschrift zugegangen, in der unter Hinweis auf die bekannte Rede des Reichskanzlers eine Art Schulministerium gefordert und betont wird, daß die Lehrsprache in der jüdischen Volksschule nur der Jargon sein kann.

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