Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 40 (31.12.1915)
- Date
- 1915-12-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 40. die Wiener Schulbehörden dazu sagen, wenn in Schulen mit jüdischer Schülermajorität die jüdische Schuljugend in offiziellen Singstunden dahin eingeübt werden sollte, um beim synagogalen Chorgesang mitzufingen? Da würde wohl bald der 6. Satz des Reichsvolksschnlgesetzes zur Anwendung gelangen, der da lautet: „Verfügungen, welche mit der allgemeinen Schulordnung unvereinbar find, wird die Verkündigung versagt." Zw ersten Artikel der Nr. 24 der „Deutschöl'terreichischeu Lehrerzeitnng" weist Altmeister Jessen in trefflicher Weise aus denselben Erlaß hin und spricht in dieser seiner trefflichen Arbeit auch folgende einwandsrrie Sätze: „Wir stehen in einem Kriege, der alle konfessionellen Schranken zwischen den Bewohnern Oesterreichs niederbricht. Der Katholik, der Protestant, der Jude, der Mohammedaner, sie alle bringen Opfer au Gut und Blut für das geweinsaine Vaterland. Alle sind gleicherweise ergriffen von dem Ernste und der Größe der Zeit und durchdrungen von dem Gefühle der Zusammengehörigkeit. Das Glaubensbekenntnis, das früher bei einem Teile des Volkes zu Streitigkeiten Anlaß gab. wird nirgends mehr als eine Scheidewand zwischen den Bürgern des Staates ansgepflanzt. (?) Dieser Zustand muß als ein bedeutsamer, durch den Krieg veranlaßter Fortschritt gewürdigt werden und er wird sich für das Vaterland als ein wahrer Segen erweisen, wenn er sich über die knegsbewegie Zeit hinaus erhält und dauernden Charakter gewinnt." Der Pädagoge Jessen weist weiter in seiner Arbeit auf die schrecklichen Verheerungen in Deutschland infolge des 30jährigen Religionskrieges hin und meint, solchen Erwägungen habe man in Oesterreich das freisinnige Reichsvolksschnlgesetz vom Jahre 1869 zu danken. „Nicht die Frage, was glaubst du? sondern, was bist du? soll dem Kinde von früh auf als jene zum Bewußtsein kommen, mit der mau nach dem Werte eines Menschen fragt. Das zu erreichen, ist ganz besonders die Volksschule, diese allgemeine Volkserziehungsaustalt berufen," meint Altmeister Jessen. „Der Schulbenieb muß von allem frei bleiben, was dem Kinde die Meinung beibringen könnte, es sei um eines ihm eingelernten Glaubensbekenntnisses willen etwas Besseres als sein Mitschüler, der einen andern Katechismus im Ranzen trägt. Es muß täglich sehen, daß volleGleichheit vor den Gesetzen der Schule besteht, daß kein Kind vor einem anderen aus konfessionellen Gründen einen Vorzug habe oder eine Zurücksetzung erfahre. Schon in der Schule muß der künftige Staatsbürger anfangen, hier ist jene Bruderliebe zu pstanzen, die später den Mann mit dem Mann zu vollster Treue gegen das Vaterland verbindet und in Erfüllung dieser Atlsgabe nur Gleiche nnterGleichen erleunt und anerkennt." Alle intelligenten, wenn auch strenggläubigen Inden haben Interesse au der interkonfessionellen öffentlichen Volksschule in Oesterreich, ganz besonders m Wren, wo dieselben zu den allgemeinen Schullasten in hervorragender Weise steuern, und sie werden es sicherlich lies bedauern, daß es den jüdischen Vertretern in den Schulbehörden nicht gelungen ist. das Anssterben der jüdischen Lehrpersonen an den Wiener öffentlichen Volksuud Bürgerschulen, noch die vollständige Katholisierung derselben zu verhindern. Es wird vielleichtauch unter den mit den tatsächlichen Verhältnissen vertrauten Leuten solche geben, die behaupten werden, daß zur Verhütung des letzten Erlasses der k. k. n.-ö. Landesschulbehörde eine energischere Stellungnahme der gewählten israelitischen Vertreter in den Wiener Schulbehörden am Platze gewesen wäre. Auch in der Kriegszeit dürfen die Avwehrwaffen nicht uiedergelegt werden, wenii einem der Kampf ausgenöligt wird. Der kousessiouelle Friede uud die volle Gleichstellung aller treuen Staatsbürger vor dem Gesetze muß auch während des Krieges schon rüstig vorbereitet iverdeu! Gleiche Pflichten uud gleiche Rechte in Oesterreich! R. L< I»m polnisch-jüdischen Problem. (Eine Auseinandersetzung aus den „Preußischen Jahrbüchern"). In den beiden letzten Heften der „Preußischen Jahrbücher" findet sich eine interessaute Auseiliandersetzuttg über das polnisch-jüdische Problem zwischen Herrn Beruard Laue r, der den Standpunkt der polnisch-jüdischen Assimilanten vertritt, und Herrn Nachum Goldman u. der die Sicherstellung der national-kulturellen Rechte der polnischen Judeuheit fordert. Wir geben im Folgenden den Gedaukengaug des Goldmann'scheu Aufsatzes wieder, der in scharfer und präziser Weise die Gesichtspunkte formuliert, die Deutschland veranlassen müssen, die nationalen Rechte der polnischen Jndenheit sicher zu stellen. Einleitend weist Goldmann daranf hin, daß Artikel wie die des Herrn Lauer irreführend seien, „denn sie treten mit dem Anspruch auf, Repräsentanten' der Wünsche der Majorität der polmscheu Jndenheit zu sein, während ihre Anschauungen in Wahrheit von der überwältigenden Mehrheit derselben aufs schärfste abgelehut uud bekämpit werden". Die polnische Judeuheit bildet einen geschlossenen und voll entwickelten nationalen Organismus und besitzt alle Merkmale eines solchen. Schon allein die Tatsache, daß von 1,957.000 Juden, die in Polen leben, im Jahre 1913 1,942.000 das Jüdischdeutsche als ihre Mutteruud Umgangssprache angaben, beweist aufs schlagendste ihren nationalen Charakter. („Handbuch der polnischen Statistik", Krakau 1915). Die Forderung des Herrn Lauer, man solle die Regelung der polnisch-jüdischen Frage allein den Polen überlassen, muß zurückgewieseu werden. Denn die Frage der nationalen Existenz der numerisch zweilstärksteu Nation Polens ist für die Zentralmächte eine Sache von viel zu großer Bedeutung, als daß sie auf ihre Mitbestimmung bei ihrer Regelung verzichten könnten. Es ist ferner sittlich nicht gerechtfertigt, der polnischen Judeuheit das Recht zur nationalen F v r t e x i st e n z abzusprechen, da sie als existierende Nationalität auch das sittliche Recht auf ihre Forterhaltung besitzt. Aber auch das politische Interesse Deutschlands gebietet die Erhaltung der jüdischen Nation in Polen. Das Hauptinteresse, das Deutschland an der polnischen Frage besitzt, besteht vor allem darin, in Polen ein Bollwerk gegen Rußland zu schaffen und dieses Land, das jahrhundertelang dem westeuropäischen Kultnrkreis angehörte, wieder an Mittel- und Westeuropa anzngliedern. Deutschland hat mithin alles Interesse daran, diejenigen Bevölkernngsteile in Polen zu stärken, von denen ein Widerstand gegen die innere Wiederangliederung Polens au Mitteleuropa am wenigsten zu erivarteu ist. Wer aber müßte diese Neueinbeziehuug Polens in den mitteleuropäischen Kultnrkreis freudiger begrüßen und unterstützen als die polnischen Juden? Denn abgesehen davon, daß sie von Rußland nichts Gmes zu erwarten haben, kommt noch ihre Verwandschaft mit dem Deutschtum hinzu, die durch die jüdischdeutschen Sprache bedingt werde. „Und heiße es nicht mithin für die deutsche Politik, sich ins eigene Fleisch schneiden wollte sie die polnischen Juden den Polen ansliefern, nud sich damit zwei Millionen treuer und sicherer Freunde entziehen?" Herr Goldmann wendet sich sodann gegen den Vorwurf, der gegen ihn erhoben wurde, daß er die polnischen Inden germanisieren wolle, und betont, daß er ihre Germanisiernng ebenso wenig wünsche wie die Polonisiernng, vielmehr die Erhaltung der Juden als Juden fordere, die eben im Interesse Deutschlands liege. Sodann tritt er dem immer wieder vorgebrachten Argnmente entgegen, die Forterhaltung der polnischen Juden als Nation werde den Frieden des Landes untergraben, er weist auf den brutalen Egoismus hin. der sich in dieser Argumentation ansdrückt und fordert von den Polen soviel Gerechtigkeitssinn, daß sie die Existenz der jüdischen Nation neben der ihrigen anerkennen und ihr das Recht auf das Dasein nicht'bestreiten; dann werde der Frieden des Landes nicht bedroht sein. Hingegen würde der Versuch, die polnische Judeuheit zur Aufgabe ihrer Nationalität zu zwingen, in