Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 39 (24.12.1915)
- Date
- 1915-12-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Leite 6 Die Wahrheit Nr. 39. klingt das Wort „leilach" (Mehrzahl leilacher) für Bettlaken. Das Wort ist aber mittelhochdeutsch und wird auch uoch jetzt in Bayern und Oesterreich gebraucht. Wenn der russische Jude sein Gemüse „Zimmes" nennt, so ist es das altdeutsche „Zumns", wenn er seine Mehlspese als „Kngl" bezeichnet, so taucht der gute schwäbische „Gnglhnpf" ans. Für lesen sagt er „leieueu"; das kommt von dem mittelhochdentscheu „let", das Gesang, Weise, Lied bedeutet. Es wurde im Jüdisch-Deutschen ursprünglich wohl von dem nach bestimmten musikalischen Regeln erfolgenden Vortrag des Bibeltextes gebraucht, dann aber auf das Lesen überhaupt, also auch aus das stumme Lesen übertragen. Reichen Ertrag gibt auch eine Untersuchnng der Präpositionen und Konjunktionen. Wenn der russische Jude sagt: Ich fahre ken Wilna, so drückt er sich gut altdeutsch ans: gen Wilna, wo wir „nach Wilna" sagen. Sehr wichtig ist der Gebrauch des kleinen Einsilbers „as" im Sinne von als. tvie, weil u. s. w. So wird aber dieses Wörtchen auch in Süd- und Norddeutschland mundartlich vielfach im gleichen Sinne gebraucht, nnd weiter finden wir es bekanntlich im Englischen und Holländischen. „Eppes" für „etwas" ist schwäbisch, wie jeder weiß, der diesen Dialekt kennt. Es mag an diesen Stichproben genug sein. Mau kann wohl sagen: wo man diesen Sprachschatz anpackl, überall strahlt uns gutes, altdeutsches Sprachgold entgegen. Es handelt sich nicht um sprachliche Verderbnis, sondern vielmehr um den stärksten sprachlichen Konservatismus." (Fortsetzung folgt.) Schopenhauer, Tierquälerei und Judentum. Von Prof. Dr. Kahan, Znaim. Kein Philosoph hat das Judentum so ingrimmig gehaßt wie Schopenhauer. Und das war sein gnres Recht. Mußten schon seine kleineren Gegner, die Universitäts-Professoren, erfahren, was der Philosoph des Mitleids cm Gift und Galle verspritzen kann — um wieviel mehr fein Hauptgegner, das Judentum mit seinem Gottesglanben, mit seinem Realismus und Optimismus — lauter Proteste gegen die Grundlagen seiner Philosophie! Aber der große Wahrheitssucher hat in seinem blinden Eifer Böcke geschossen, die feiner Wahrheitsliebe und seiner Allwissenheit kein besonders günstiges Zeugnis ausstellen. Er beklagt mit Recht, daß das Christentum den Tieren keinen Schutz gewähre, daß deswegen in Europa und Amerika Gesellschaften zum Schutze der Tiere sich bilden, „welche hingegen im ganzen u n b e s ch n i t t e u e n Asien die überflüssigste Sache von der Welt sein würde". Ja, ein protestantischer Prediger sei von einer Tierschutzgesellschaft aufgefordert worden, eine Predigt gegen die Tierquälerei zu halten. Er habe aber erwidert, daß er bei dem besten Willen es nicht könne, weil die Religion ihm keinen Anhalt gebe. Dieser Grundfehler sei eine Folge der Schöpfung aus nichts, nach welcher der Schöpfer sämtliche Tiere dem Menschen übergeben habe, damit er über sie herrsch e, also mit ihnen tue, was ihm beliebt. Aber dieses „also" ist der größte Bock, den der große Philosoph geschossen! Es nutzt ihm nichts, wenn er versichert, daß dergleichen Historien auf ihn wirkten wie Judenpech und foetor Judaicus. Da haben sich eben seine Geruchsnerven ebenso geirrt wie sein Verstand und wie seine — Wahrheitsliebe! — Dieselbe Thora sagt auch, der Manu soll über das Weib herrschen. Folgt daraus, daß das Weib rm Judentum rechtlos war, daß man mit ihm machen konnte, was man wollte? War doch nicht einmal der Sklave rechtlos im Judentum! Aber das Tier, wie steht es mrt dem im Judentum? Run, der große Philosoph sollte doch wissen, daß die Sabbathruhe auch auf die Tiere ausdrücklich bezogen wird. „Gott läßt Gras für das Vieh wachsen" (Pi. 104, 14), „Gott gibt dem Vieh seine Speise" (Pf. 147, 9). — Diese Psalmworle sagen unserem Philosophen nichts, weil sie zwar von den Tieren reden, aber nicht von Schonung derselben! Natürlich gibt Gott den Tieren zu essen, damit sie sich den Magen verderben . .. Aber was mag wohl der jüdische Psalmist mit den Worten gemeint haben: Mensch und Vieh hilfst Du, o Gott (36, 7)? Verhilft ihnen Gott zn Schmerzen und Qualen? Vollends erbärmlich erscheint Schopenhauer in seiner Beschimpfung des Judentums, wenn er dazu durch falsche Uebersetznug oder durch gänzliche Unkenntnis des talmudischen Judentums geführt wurde. Den schönen Spruch aus den Sprüchen Salomos (12, 10) gibt Luther wieder: Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes. Man sollte glauben, daß ein Philosoph, der die ganze Ethik auf Mitleid und Erbarmen gründet, mit einem solchen Spruch höchst zufrieden sein könnte. Aber weit gefehlt! Schopenhauer riecht dabei wieder den foetor Judaicus und schimpft wie ein altes Waschweib. Was Erbarmen? Gerechtigkeit ist man dem Tiere schuldig! Der wütende Philosoph hat hier vergessen, daß Gerechtigkeit das Prinzip des Judentums sei und daß „erbarmen" das „Verbrechen" Luthers ist, während der hebräische Text richtig übersetzt, lautet: Der Gerechte kennt die Seele seines Viehes (sc. und läßt ihm Gerechtigkeit widerfahren!). Und vollends das talmndische Jndentum! Der Talmitd schreibt vor: Man darf nicht eher essen, bevor man dem Vieh zn essen gegeben hat (Ber. 40 a). Der Deutsche sagt zwar beim Vieh „fressen", worüber Schopenhauer unbändig zetert, aber das Hebräische kennt keine besonderen Ausdrücke für die Funktionen der Tiere! — Die Tierquälerei ist nach dem Talmud strengsteus verboten (Sabb. 1286). Im Judentum ist daher niemals eine Tierschntzgesellschaft nötig gewesen! In Baba Mezia 85 a ist folgende erbauliche Geschichte zn lesen: „Ein Kalb, das geschlachtet werden sollte, stlüchtete sich zn .Rabbi, dem Redakteur der Mischna, und schmiegte sich an ihn an. Er aber sprach zum Kalbe: Geh, du bist dazu geschaffen! Da sprach man (im Himmel): Da er kein Erbarmen kennt, so sollen Leiden über ihn kommen! Eines Tages aber fegte die Magd Rabbis das Haus und wollte dabei die jungen Wiesel mit ausfegeu. Da sprach Rabbi zur Magd: Laß sie liegen! Es heißt ja: Gottes Barmherzigkeit erstreckt sich auf alle seine Geschöpfe (Ps. 145, 9). Im Himmel aber sprach man: Weil er Erbarmen hat, so wollen wir uns auch seiner erbarmen — und Rabbi wurde von seinen Leiden befreit!" So sorgte dvs Judentum für die liebevolle Behandlung der Tiere! Allerdings kann man nicht verlangen, daß jeder Philosoph, und gar ein christlicher! den Talmud kennen soll. Aber das kann man von jedem ehrlichen Menschen verlangen, daß er nicht etwas beschimpft, was er nicht kennt! Die Eröffn«»- der Schuhzenlrale. Die von Frau Dr. Sophie G r ü n f e l d gegründete Schnhaustauschzentrale wurde am 18. d. dem öffentlicheil Wohle übergeben. Die Schuhzeutrale wirkt nicht nur charitativ (eine Ausgabestelle im Palais Heinrich Freiherr von Königswarter. 4. Bezirk. Möllwaldplatz, für den 1., 4., 5. nnd 10. Bezirk, die zweite in dem von Herrn Nappaport, 9. Bezirk, Rotenlöwengasfe 5, für die übrigen Bezirke zur Verfügllng gestellten Lokale), sie erspart dem Schnhwerber jede Beschämung, in dem sie nicht schenkt, sondern dem Empfänger seine alten, zerrissenen Schuhe abuimmt. um sie auszubessern und neuen Bewerbern znznsühren, wodurch auch Meistern ans dem Kleingewerbe Arbeit und Verdienstmöglichkeit wurde. Bei der Eröffnung der Zentrale sprach Regine U l l m a n u im Namen der Wiener Frauenwelt Frau Grünfeld ihren Dank aus; Gemeinderat nnd Bezirksvorsteher S t a r y dankte im Namen der Stadt Wien den