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Die Wahrheit · 1915-12-24 · Heft 39 (24.12.1915) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 39 (24.12.1915)
Date
1915-12-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39. Die Wahrheit Seite 5. und österreichisch-ungarischen Heereskörpern bereits geleistet hat. Es wird zu einer öffentlichen Angelegenheit zunächst in dem vom russischen Drucke befreiten Königreiche Polen bei Lösung der schwierigen Anfgabe einer Regelung des Schulwesens überhaupt und namentlich des Volksschulwesens. Wir entnehmen darüber einem Aufsatze des Jnstizrates Dr. Bodenheimer im der „Kölnischen Zeitung" vom 20. September folgende Mitteilung, welche an die Verfügung der kaiserlich deutschen Zivilverwältnng anknüpft, daß die Unterrichtssprache außer in den deutschen auch in den jüdischen Schulen deutsch ist. „Dies ist eine einschneidende und folgenschwere Neuerung. Denn in Warschau liegen die Verhältnisse so, daß ein starkes Drittel der Bevölkerung die jüdische Sprache als Umgangssprache gebraucht. Die jüdische Sprache, die unter den Inden des Ostens gebräuchlich ist, stellt nicht etwa ein dem Hebräischen verwandtes Idiom dar. Sie ist vielmehr ein deutscher Volksdialekt, den die im Mittelalter aus Deutschland nach Litauen und Polen einwandernden Juden dorthin mitgenommen und unter der dort schon wohnenden jüdischen Bevölkerung verbreitet haben. Es ist durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen jetzt festgestellt, daß dieser jüdische Dialekt mit geringen Abweichungen den im Mittelalter in Oberdentschland gesprochenen Dialekten entspricht. Er enthält nur wenige hebräische und slavische Zusätze. Wenn dieser Dialekt langsam und deutlich gesprochen wird, wie im jüdischen Theater, ist er für jeden Deutschen leicht verständlich. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, der leider eine Mißachtung dieses Dialektes hervorgernfen hat. daß der von den Juden gesprochene Dialekt ein verdorbenes Deutsch sei. Für die Würdigung der in Verbindung hiemit zu lösenden Fragen ist es notwendig zu wissen, daß diese Sprache die Umgangsuud Muttersprache der im Westen und Südwesten Rußlands heute lebenden sieben Millionen Inden ist." Für jeden Kenner der deutschen Dialekte war es seit jeher eine feststehende Tatsache, daß viele, manchmal gerade die am meisten verspotteten Wendungen der dentschjüdischen Volkssprache vollkommen unveränderte deutsche Dialektformen sind und daß auch der grammatische Aufbau des sogenannten Judendeutsch durchaus keine Abweichung von dem grammatischen Aufbau der Dialeklsprache zeigt, welche im Judendeutsch festgehalten wurde. Selbst der sogenannte Jndenwitz und die jüdische Anekdote, auch in ihren derbsten Auslassungen sind wohlerhaltenes Gut ans dem ober- und mitteldeutschen Volksbesitze, wie man sich leicht überzeugen kann, wenn mau in den vielen Volksbüchern blättert, die ieit einigen Jahren mit Abdrucken älterer Sammlungen deutscher Spruchwelsheit und Erzählerkunst erscheinen. Zn einer unrichtigen Auffassung über die Herkunft und die sprachliche Bedeutung der deutsch-jüdischen Volkssprache hat allerdings der Umstand viel beigetragen, daß diese Sprache nicht aus die jüdische Bevölkerung in den slavischen Ostländern beschränkt blieb, sondern sich allmählich auch bei der mitteleuropäischen Jndenschaft einbürgerte, so leicht und natürlich sich auch dieser Vorgang erklären läßt. Es hat eben, nach dem Aufhören der Jndenhetzen in Deutschland, wieder ein Rückstrom von Mitgliedern späterer Generationen der einst vertriebenen Jndenfamilien nach dem Westen stattgesunden. Diese Rückwanderer brachten ihre Sprache mit, und so wie sie in ihr die Lehrmeister der schon früher in den slavischen Ländern ansässigen Inden waren, wurden sie nun darin auch die Lehrer der mitteleuropäischen Judenschaft, und die oberdeutsche und mittelrheinische Volkssprache des dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts wurde nun zum verachteten Judendeutsch. Dieses Judendentsch wandelte sogar nach Holland, England und Amerika, wo es sich bis heute ebenso fest behauptet wie in den östlichen und südöstlichen slavischen Ländern. Die anscheinend veralteten oder verballhornten Formen dieses Judendentsch erklären sich durch das zähe Festhalten dieser Sprache an der ursprüngliche» Ausdrucksweise, und die Lehuworte aus dem Lateiuifcheu, die sich darin finden, wie beispielsweise benschen für das! lateinische benedicere, segnen, oder oren für das lateinische > orrrrv, beten, sind schon vor der Flucht der Inden nach Osten ' in der von ihnen mitgenommenen Sprache enthalten gewesen, ebenso wie abkürzenden Ausdrücke der Kaufmannssprache der oberdeutschen Städte, die schon damals üblich waren. Im Literaturblatt der „Kölnischen Zeitung" vom 3. Oktober ist eine sprachwissenschaftliche Abhandlnng Über den jüdisch-deutschen Dialekt von Dr. S. Simchowitz in Köln erschienen, in welcher der sprachliche Zusammenhang dieses Dialektes mit der deutschen Sprache eingehend erörtert »vird. Wir entnehmen dieser Abhandlnng folgende Hinweise: „In der Tat, das ist das erste Merkmal des Jüdisch- Deutschen : es stellt nicht einen einheitlichen deutschen Dialekt dar, sondern eine Mischung von verschiedenen Mundarten. Und noch eine zweite Erscheinung trat nach einiger Zeit als charakteristisch hervor: es weist Wörter und Formen auf, die noch dem früheren Entwicklungsstadium der deutschen Sprache entstammen und jetzt aus unserer Sprache entschwunden sind. Es ist em lebendiger Zeuge altdeutscher Vergangenheit. Im Osten hat sich nun dieses Idiom in voller Blüte bis auf den heutigen Tag erhalten. Es darf nicht mit dem „Mauscheln" oder „Jüdeln" verwechselt werden, sondern muß sprachwissenschaftlich eben als Sprache behandelt werden. Will man dres systemaatisch machen, so tut man gut. aus drei Punkte sein Augenmerk zu richten: nämlich auf den Wortschatz, auf die Phonetik und ans die Grammatik. Es kann sich hier selbstverständlich nur um einige kurze Andeutungen handeln; aber wir glauben, daß diese Andeutungen schon genügen werden, zn zeigen, wieviel auf diesem Gebiete sprachwissenschaftlich noch zn erobern ist, und namentlich, welche altvergrabenen Schätze hier für den Germanisten liegen. Was zunächst den Sprachschatz betrifft, so ist dessen größter Teil den verschiedenen deutschen Mundarten entlehnt. Daß man daneben zahlreiche Fremdwörter hebräischen, russischen, polnischen und altslavischen Ursprungs findet, ist weiter nicht wunderlich; in welcher neueren Sprache fände man denn nicht zahlreiche Fremd- und Lehnwörter?! Aber die eigentliche Grundlage ist durchaus deutsch, und gerade Wörter, die zunächst uns etwas »vnnderlich anmnten, erweisen sich bei genauerer Untersnchltng als richtiges altdeutsches Sprachgut. Ein systematisch durchgearbeiletes, etymologisches Wörterbuch des Jüdisch-Deutschen würde uns mancherlei erstaunliche Enthüllungen bringen. Wir müssen uns natürlich hier mit einigen Stichproben begnügen. Nehmen wir zwei der gebräuchlichsten Worte, die jüdisch-deutschen Bezeichnungen für Vater und Mutter: sie lauten „Tatte" nud „Mamme". Das klingt zunächst komisch, aber beide Worte sind guten deutschen Ursprungs und sind in Deutschland bis ins 17. Jahrhundert hinein gebraucht worden. Erft da wurden sie durch bas französierende „Papa" und „Mama" verdrängt, während der östliche Jude sie beibehielt. Daß das Wort! Tatte auch noch bei neueren Schrislstellern von Rang und i Bedeutung vorkommt, sei nebenbei bemerkt. August Wilhelm Schlegel gebraucht es in seiner Ihakeipeare-Ueberietznug zweimal, und zwar in „König Heinrich VI.", dritter Teil, Akt 1. 4. Szene: „Wo ist Euer Junge Richerz. dessen Stimme brummend bei Meutereien dem Taue Mut emsprach?" und in „König Johann", Akt 2, 2. Szene: „Blitz! ich bin nie mit Worten so gewalkt, seit ich des Bruders Vater Tatte nannte." Auch Zacharias Werner gebraucht dieses Wort. „Heute" heißt im Jüdisch-Deutschen „heiut". Das ist nicht etlva eine Korruption des deutschen Wortes, sondern kommt noch hettte im bayerischen und kärntnerischen Dialekt vor. wird aber auch sogar von Luther gebraucht: „Lasset uns heint nit weise sein, ein jeder spare seine Weisheit bis morgen." Das Wort läßt sich aber bis ins Althochdeutsche und Gotische zurückverfolgen. Die jüdisch-deutsche Bezeichnung für gestern „nechteu" ist ebenfalls in verschiedenen deutschen Mundarten vertreten, kommt aber Vorhallen» im Nibelungenlied vor (1565,4: der het uns »»echte» beftan). Sehr wunderlich

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