Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 39 (24.12.1915)
- Date
- 1915-12-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 39. In diesem Falle ist auch aus keinen Widerstand seiner Verbündeten mehr zu rechnen, denn der russische Koloß ist heute schon machtlos und war nicht imstande, die Serben und die Dardanellenaktion zu unterstützen, obgleich er dabei aw intensivsten interessiert war. Frankreich befindet sich noch m einer empfindlicheren Danmschranbe und nur durch Intervention seines deutschen Kriegsgegners kann es ihm noch gelingen, seine Kriegshäfen am Kanal 1a manche von den Engländern wieder frei zn bekommen. Italien ist wohl überhaupt nicht ernst zu nehmen, nachdem es im Laufe von sechs Monaten unter Einsetzung seiner gesamten Kriegsmacht nicht einmal vermochte in einer verhältnismäßig kurzen Front in feindliches Gebiet einzudringeu. trotzdem der Kriegsgegner noch in zwei anderen Kriegssronten gegen tapfere und mächtige Gegner beschäftigt war. Kann England dazu gebracht werden, auf seine Uebermacht an den Wellwasserstraßen künftig zu verzichten, dann steht dem Frieden kein ernstlicher Widerstand mehr im Wege, denn die mit England Verbündeten sind heute ebenso außerstande den Frieden zn hinlerireiben als einen Sonderfrieden zu schließen. Erfreulich ist die Tatsache, daß die T r e n l o s i g k e i t des Bierverbaudes im Laufe des Weltkrieges im Falle Bulgariens bereits empfindlich bestraft wurde. Es ist bereits gefährlich mit Kleinstaaten Schindluder zu treiben und man kann dabei seinen ganzen Großmachtseinfluß verlieren. Die Zukunft winkt uns freundlich, öerin der ganze Balkan und der kleiuasiatische Orient kann der Industrie und dem Handel Oesterreich- Ungarns wieder zurückerobert werden. Sollten aber unsere gegnerischen Kriegsspeknlauten die Fortsetzung des Weltkrieges noch für nützlich halten, dann werden auch wir wie bisher den Krieg weiter durchhalten. Vielleicht begegnen ihnen dann unsere Helden an der Seite türkischer Krieger in den den bibelkitudigen Juden bekannten Gegenden des Morgenlandes. Dort ist in den nächsten Monaten doch keine strenge Winterkälte zu befürchten! Wird der Krieg aber kalten Herzens verlängert, dann erschwert sich auch der Friedensschlnß, weil die Sieger dann selbstverständlich auch eine größere Rechnung zu präsentieren haben. Das Kriegsende liegt gegenwärtig noch im Belieben der englischen Regiernngsmänner. Wenn sie es noch rechtzeitig herbeiführeu, können sie ihr Heimatsreich noch vor weit empfindlicherer Einbuße bewahren. Sehen wir also dem Jahre 1916 erwartungsvoll entgegen! Möge es den völkerbeglückenden und befreienden Weltfrieden bringen. R. L. Znm Artikel des Knllnsvorstehers Dr. Heinrich Schreiber. Wer ist „N o v e 1*, wer ist „Ziegle r" Wer ist der „Flugfchrift"-Aufwiegler? Was man da schon jetzt erführt, Ist auf Ehr' — fast unerhört! Muß mau in die Ferne schweifen, Wo das Gute liegt zum Greifen? Doch es scheint, wie in dem Krieg, Man verkennt den eig'nen Sieg. Nur die Fremden, die sind tüchtig, Auf die ist man eifersüchtig. Die Profeten im eig'nen Lande, Sind zu leisten nicht im Stande, Was der Fremde bringt und schafft, Das geht über unsere Kraft. Es ist wirklich zum Empören, Darum wollen wir beschwören Uns're Weisen im Knltnsrat, Sich aufzuraffen zu der Tat: Uns zu bewahren vor der Schande, Daß man beruft aus fremdem Laude, Was hier wirkt w e i t überlegen. Weltbekannt —- u n d z u ln S e g e n. Wien, im Dezember 1915. Die dentfch-fiidische Volkssprache. Der Krieg, der so manches Vorurteil gegen die Inden hiuweggesegt, hat auch in der Wertung der deutsch-jüdischen Volkssprache des sogenannten „Jiddisch" Wandel geschaffen und überaus lehrreich und bemerkenswert ist folgender Artikel, den der deutsche Schriftsteller Karl v. Kirchber g unter dem Titel „Die deutsch-jüdische Volkssprach.'. Sitte und Kleidung" in der „Wiener Sonn- und Montag-Zeitung" veröffentlicht: Dem deutschen Volke war stets der Raum sei,ier Siedlungen zu enge und von seiner ersten Jugendzeit bis auf unsere Tage hat es breite Wellen seines Volkstums über seine Grenzen in die Fremde geschickt. Manchmal waren sie ausgestatlet mit allen Machtmitteln der Herrschaft und pflanzten deutsches Herrentum auf in unterworfenen Gebieten, so namentlich während der mittelhochdeutschen Kaiserzeit, manchmal war ihre Waffe nur der kttliurbringeude Pflug, mit dem sie fremdes Gebiet urbar machten und demzuliebe sie Einöden mit deutschen Bauernhöfen besiedelten, manchmal zogen sie ans. begleitet von deutschem Kanfmannsgut und Handelsbrauch, und gründeten Niederlassungen in fremdsprachigen Ländern. Diese von der Heimat losgelösten Glieder des deutschen Volkes bewahrten zumeist ihre Sprache, ihre Sitten und Gebräuche, namentlich jene von ihnen, die mit der deutschen Pflngschaar fremde Wildnis urbar gemacht haben. In diesen Kriegszeiten haben wir ja von vielen vergessenen Siedlungen deutscher Bauern in Rußland vernommen, die in weite Fernen aus dem Heiiuatlaude verstreut, ihr deutsches Wesen in der slavischett Umgebung bewahrten. Aber sie sind nicht die einzigen, die durch zähes Festhalten an Sprache und Sitte der alten Heimat eure Tapferkeit bewiesen, die wir bewundern müssen. Eu, Seitenstück zu diesem tapferen Verhalten bilden auch die Hunderttansende von Juden, die im dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert ans ihrer deutschen Heimat vertrieben, Zuflucht im fernen Osten suchten und fanden. Im Königreiche Polen, in Südrußland und weit hinein in das seither russisch gewordene Asien flutete die jüdische Völkerwelle ans den oberdeutschen und Rheinstädten — die Kölner Erzbischofstadt hatte den Anfang mit den Jlldenaustreibungeu gemach, — in das slavische Gebiet, das ihueu gastfreuudllche Aufnahme gewährte und neue Lebeusmöglichkeit bot. Und rvie die deutschen Bauern ihren neuen slavischen Ausiedlnngsstätteu, so haben auch die deutschen Inden ihre deutsche Heimatsprache, Heimatsitte und Heimattracht bewahrt bis auf den heutigen Tag, und zwar unverändert bewahrt, da sie, losgelöst von ihrer heimatlichen Volksgememeinschaft, deren Entwicklung nicht mehr mitmachen konnten. Die Schmachtlocke des kölnischen Jünglings aus der Kaufmannsgtlde wurde zu den von dem deutschen Antisemitismus so giftig verspotteten Payes und der Kaftan, einst das oberdeutsche und mittelrheiutsche Stadtgewaud, wurde znm Spotte des polnischen Juden. Der wilde Krieg, der auch die eherneu Schranken zertrümmert, mit denen Rußland den slavischen Osten vom deutschen und mitteleuropäischen Kulturlaude abzuschließeu begann, wirft einen Teil dieser nach Osten gedrängten Flüchtlinge wieder in den Machtbereich ihrer einstigen Heimat. Die jüdische Volkssprache, das ..Jiddische", so vielfach verspottet und zur Verhöhnung des Judentums von den Hetzern der letzten dreißig Jahre mißbraucht, wird dadurch mit einem Schlage zn einer öffentlichen Angelegenheit, nachdem wir aus den Mitteilungen der Kriegsberichterstatter bereits! erfahren haben, welche wertvollen Verdienste dieses nach I Osten verstreute deutsche Kulturgut den vordringenden deutschen