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Die Wahrheit · 1915-12-24 · Heft 39 (24.12.1915) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 39 (24.12.1915)
Date
1915-12-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Darf man ein baldiges Kriegsende hoffen? Nachdem im deutschen und ungarischen Parlamente erklärt wurde, daß „jeder Kulturmensch heute das Eiustelleir der blutigen Feindseligkeiten wünscht", kann die Wahl eines solchen Themas wohl auch im momentan parlamentlosen Oesterreich das militärische oder gar das bnrgfriedliche Interesse nicht mehr schädigen. Sowohl der ungarische Ministerpräsident Gras Tisza als auch der deutsche Reichskanzler Dr. v. Bethmann- Hollweg haben mit der Bemerkung recht, die Bestimmung des Zeitpunktes für einen zustandekommenden Frieden hänge nun ausschließlich von den Feilrden der verbündeten europäischen Zentralstaaten ab und auch der friedlichste Staatsbürger wünscht keinen Frieden um jeden Preis. Nachdem es aber abgesehen von den Kriegstreibern in ganz Europa tatsächlich keinen Menschen mehr gibt, der nicht froh wäre, wenn dem furchtbaren Kampfe ein Ende gemacht würde und die bisherigen Kriegserfolge der Zentralftaaten glänzende sind, so werden Behauptungen von der Schwäche und Kriegsmüdigkeit Deutschlands und Oesterreich-Ungarns rinn einfach lächerlich. Trefflich führte Graf Julius Andrassy aus: „Wir haben bereits alles erreicht, was für einen guten Frieden notwendigist, ja vielmehr, als die chauvinistischesten Deutschen, Oesterreicher oder Bulgaren erwarten konnten. Auch haben wir ein weit größeres Unterpfand in unserer Hand als unsere Feinde. Wir besitzen alle Voraussetzungen für einen guten Frieden und es ist ein gegen die ganze Menschheit gerichtetes V e r breche n, dieses schreckliche Blutvergießen a u ch nur um e i n e n T a g zu v e r l ü n g e r u." Uebrigens konnte Abgeordneter Scheidemaun auch darauf Hinweisen, daß sich die chauvinistischen Kriegsziele unserer Kriegsgegner bereits sehr abgefchwächt haben und daß die S e h u sucht nach Frieden auch bereits ans englischen und französischen Aeußernngen herausklingt. Obgleich wir in einem sehr nnfrommen Zeitalter leben, kann es an den Millionen Katholiken doch nicht völlig wirkungslos verhallen, wenn der Papst seinen vollen Abscheu gegen den Weltkrieg unausgesetzt bekundet und immer wieder die Hände flehend zum barmherzigen Gorr erhebt und ihn von ganzem Herzen beschwört, „mir seiner Macht diesem blutigen Konflikt nunmehr ein Ziel zu setzen." Kann es unklug oder unzweckmäßig sein, den Frieden zu wünschen und ihn vorznbereiteu, wenn der Papst dies unausgesetzt tut und Von allen Kriegführenden Zugeständnisse heischt, damit die Machthaber „einst vor Gou und Mettscheu die ungeheure Veranlworlllng der Fortsetzung der beispiellosen Metzelei tragen müssen." Die Großsprechereien des Bierverbandes nach den bereits offenkundigen militärischen und diplomatischen Niederlagen sind m Wahrheit nichts anderes mehr als Blnff. Schon bezahlen drei Kleinstaaten. Belgien. Serbien und Montenegro ihre Leichtgläubigkeit mit dem vollständigen militärischen und staatlichen Zusammenbruche. Während es den Zentralstaaten auch in ihren schwierigen Kriegssttnatrouen bisher nicht einfiel, die Balkanstaacen zu terrorisieren, neiden England und Frankreich mit dem Selbstbestimmnngsrechte des neutralen Griechenland seit vielen Monaten schon Schindlnder und wenden alle gewalttätigen Methoden an, um es wahllos an seine Seite zu treiben. England ist freilich verwöhn:, denn es ist ihm Jahrhunderte lang gelungen, dlirch seine Lift es dahin zu bringen, daß fremde Völker nir seine Interessen die heißen Kastanien ans dem Feuer holten. Doch kann man ihm Gelehrigkeit nicht vollständig absprechen. Schon ist er eventuell auch bereit, sowohl die Gallipolials auch die Balkanexpeditivn überhaupt zu liquidieren. Die harren Tatsachen imponieren den praktischen Engländern schließlich doch. Man ist bereit kleinere Schäden aus sich zu nehmen, um drohende größere Schäden noch rechtzeitig abznhalten. Geht die Macht des Bluffs zu Ende und muß man überall die eigenen Knochen riskieren, dann kann man es auch billiger geben. Sieht die englische Negierung endlich ein, daß sie sich verrechnet hat und daß die Aussichten schwinden, ihre Kriegsgegner »lederzuringen, dann wird sie vielleicht bald zum Frieden Hinneigen, zumal daun, wenn sie befürchten muß, durch Kriegsverlängernng ihre eigenen Interessen noch mehr zu gefährden.

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