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Die Wahrheit · 1915-12-17 · Heft 38 (17.12.1915) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 38 (17.12.1915)
Date
1915-12-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38. Die Wahrheit Seite 5. jüdischen Charakters und die Vorurteile, die bei dieser Gelegenheit zutage treten, sind so bedenklich, daß sie eine planmäßige und vorbedachte Bekämpfung erheischen. Da findet nun ein Herr Geheimrat. daß die polnischen Juden kulturlos seien und flüchtet sich sodann ans das schlüpferige Gebiet der Rassentheorie, um haarscharf in einem Hexeneinmaleins zu beweisen, daß die Ostjuden überhaupt eine ganz andere Rasse als die Westjuden seien. . , . Der Herr Geheimrat kann natülich alsdann ungescheut und unbekümmert um seine landesgenössischen Israeliten einer Absperrung der deutschen Grenzen vor diesen „Kulturlosen" das Wort sprechen. Während also in Rußland der Ansiedlnugsrayou abgeschaflt werden soll, findet es der Herr Geheimrat für angebracht, in Deutschland denselben zu fordern! Was aber die Sache befremdender macht, ist, daß der „Jude" Theodor Wolff im „Berliner Tageblatt" ebendenselben Vorschlag, wenn auch verblümt machte, und daß ein anderer Israelit, augenscheinlich auf dasselbe Ziel hinsteuernd, schrieb: „Diese (polnischen) Inden sind aller Unglück, sie lassen immer von neuem Schranken errichten, führen uns immer wieder Ghettolnft ein und sind die größte Gefahr für das Gedeihen und die Harmonie der Völker." (!) Gegen diese und ähnliche Ausfälle gilt es in erster Reihe ans der Hut zu sein, und deren Tragweite nicht zu unterschätzen. Was aber das Verhältnis zwischen Polen und Juden anbelangt, so muß die Frage unserseits nur v o m S t a n d p u n k t e der polnischen Inden selbst und von d e r e n I n t e r e s s e b e h a n d e l t werden, und muß einzig und allein der Wille und Wunsch eben dieser Inden i n B e tr a ch t ko mm e n. Dieses kann nicht genug unterstrichen werden, da die verschiedenen Vorschläge, die in dieser Hinsicht in unserem Lager gemacht werden, in ganz anderen als in rein jüdischen Motiven ihren Grund haben. Das Begönnern und Bevormunden auch Intra, rnrrroa müssen sich die polnischen Juden entschieden verbieten. III. Nach der Erschließung des Schienenstranges Hamburg- Bagdad tritt der Orient in den Mittelpukt des allgemeinen Interesses. In einem jeden Juden aber, ob Zionist oder Nichtzionist, insofern Palästina für ihn kein bloß geographischer Begriff ist, muß dieses Ereignis und der voraussichtliche Aufschwung des heiligen Landes ein doppeltes Interesse erwecken. Auch ist eine ostjüdifche Emigration nach dem Kriege unausbleiblich, und den Strom der Auswanderer planmäßig und systematisch auch nach Palästina zu leiten, wäre eine sehrdankbare Aufgabe für die jüdischen Organisationen. Die unbedingte Voraussetzung dazu ist aber: eine von seiten der türkischen Regierung rechtlich gesicherte Ansiedlnng, was wiederum nur durch Vereinigung aller unserer Parteien zu erlangen ist. der Parteien, in deren Programm für Palästina ein lvenll auch bescheidenes Plätzchen sich befindet. Und da müssen zunächst die Zionisten sich dazu bequemen, mit den anderen Parteien friedlich zur Erreichung des gemeinsamen Zieles zusammen zu arbeiten. Die Parole des Gründers der zionistischen Organisation war zwar: Kampf mit allen anderen jüdisch-liberalen Parteien, Kampf bis aufs Messer. Dieses gilt aber nur für eine Partei, die noch in den Kinderschuhen steckt, um sie zu Propagaudazwecken anszubenten. Allein der Zionismus, der unbestreitbar zu einer achtunggebietenden Partei ersten Ranges herangewachsen ist, einer Partei, die in erster Reihe deii größten Teil der jnngjüdischen Intelligenz organisiert, bedarf eines solchen Propagandamittels nicht mehr und kann die in ihm lebendige Kraft für ersprießlichere Arbeit verwenden. Denn genau so wie die zionistische Organisation Spenden für den Nationalsond etc. auch von Nichtzionisten annimmt, so kann sie auch die Mitarbeit anderer Organisationen für Palästina in Anspruch nehmen, insofern diese nicht eine ihrem Zwecke schädliche Tätigkeit entfalten. Hier gilt es zunächst der Türkei klar zu machen, welcher Vorteil ihrem Lande selbst, von einer Einwanderung begabter und regierungstreuer Elemente erwächst. Auch Deutschland kann für diese Sache leicht gewonnen werden, und zwar auch aus eigenen Interessen... Um sich aber einen Erfolg zu versprechen, müßten alle für Palästina interessierten Kreise sich zusammentun. um so der Außenwelt gegenüber wie ein einheitlicher Block zu erscheinen. Zusammenfaffend kann also gesagt werden, daß das, was uns noltnt: die Einigkeit ist. Diese unter uns herznstellen und das uns allen Gemeinsame ans den lnannigfachen Bestrebungen und Zielen heranszufinden und das Trennende beiseite zu schieben, ist gegenwärtig unsere heiligste Aufgabe. Hüten wir uns. daß nach diesem blutigen Kriege von uns. wie von dem französischen Adel nach der Revolution gesagt wird: Sie haben nichts gelernt nnd nichts vergessen. Chanvch Al—k. Dr. Uobel nnd De. Ziegler. Eine Entgegnung von Dr. Heinrich Schreiber. Untersuchen wir den Fall ganz kühl nnd gelassen, sine ira et studio. Eine anonyme Persönlichkeit, die sich als einen freisinnigeil Steuerzahler der Wiener Knltusgemeinde bezeichnet, versendet eine Flugschrift unter dem Titel: „Dr. Nobel nnd Dr. Ziegl er. Eine Anregung." Die Lchrift ist nur kurz, kaum zwei Druckseiten lang. Umso fesselnder ist ihr Inhalt. Es wird darin unter Anspielltng ans Beratiingen über die Besetzung der Kanzel im Stadttempel der Seltenstältengaffe. die anläßlich des Nuhebedürfiusses des greisen Oberrabbiners Dr. Güdemann zur Aktualität gelaugt ist. entschieden Stellung genommen. Und das ist jedenfalls erfreulich an der Sache. Weniger erfreulich ist das andere. Der Flugschrift zufolge soll der Einfluß überwiegen. die Gemeinde zu ..verschwürzen", das will besagen, einen Rabbiner strengster Observanz nach Wien zu rnsen. Das ist der in der Ueberschrift genannte Dr. Nobel. Ist uns aber, so ruft die Flugschrift ans, durch die Macht der Reaktion ein solches Verhängnis beschieden. dann soll mindestens neben Dl" Nobel als bescheidene Kompensation Dr. Ignatz Ziegler, der Karlsbader Reformrabbiner kat’exochen, für Wien gewonnen werden. Das ist der zweite in der Ueebrichrist benannte Rabbiner. Man erkennt, der freisinnige Steuerzahler ist ein Anhänger der Gleichgewichtspoluik, so einer Art status quo. Offen gestanden, wenn ich diesen Ausdruck höre, dann kralnpfl sich mein Gemüt zusammen. Schon das Wort bringt mich ans dein Gleichgewichte. Denn unter dieser Parole hat der Hexentanz des Weltkrieges eingesetzt, jener rasende Wirbel, dem die Flugschrift so dramatische Akzente abzngewinneu weiß. Soll etwa mit diesem Leitmotive auch der Friede in unserer Weltgemeinde anfgestört und die Kampflust geweckt werden? Gewiß, die Notwendigkeit besteht, daß die Vakanz in der Seitenstättengasse alsbald ansgefüllt werde. Das ist an zuständiger Stelle wiederholt nnd mit allem Nachdrucke hervorgehoben worden. Mit größeren oder geringeren Unterbrechungen ist die Rabbinerfrage für die Innere Stadt von der Tagesordnung nicht geschwunden. Allein, unD das ist ebenso gewiß, eine bestimmte Kandidatur ist — wenigstens meines Wissens — noch nicht in den Vordergrund gerückt und was an Vorschlägen dnrcheinanderwirbelt. hat sich — soweit meine Kenntnis reicht — noch zu keiner bestimmten Kontur verdichtet. Freilich ist auch der Name Nobel gefallen, ebenso der Name Ziegler und noch eine ganze Reihe innnd auswärtiger Raddlnen, von denen wohl kein Name von Klang und Ansehen ans der Liste fehlen mag. Man braucht übrigens nur an die zahlreichen Vortragsabende zu denken, welche die Killtnsgemeinde in den letzten Jahren veranstalte: hat, an denen ehrwürdige Redner ans nah und fern zu Gaste erschienen sind, um sich mit der Wiener Judenschaft in Kontakt zu setzen und sich vor dem hiesigen Auditorium vernehmlich zu machen. Kurz, viele sind berufen, wenige

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