Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 38 (17.12.1915)
- Date
- 1915-12-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 38. Es ist aber die Pflicht eines Volkes, das nicht die Dornenkrone der Dulder in Ewigkeit tragen will und dieselbe gerne einem anderen überläßt, an maßgebender Stelle und zu entsprechender Zeit auf diese Tatsachen hinzuweisen. und Vorsorge zu treffen, daß sich solche Ungeheuerlichkeiten in Zukunft nicht wiederholen. Tatsächlich regte Max Nordan die Entsendung einer jüdischen Vertretung znm Friedenskongresse an. Bedauerlich ist es aber, daß der größte Teil der jüdischen Presse von dieser Anregung keine Notiz nahm. Eiu Schriftsteller vom Range Nordan verdient wohl nicht totgeschwiegen zu werden und unsere Publizisten dürfen nicht über seine Anregung ohne Stellungnahme zur Tagesordnung übergehen. Man wende nicht ein. daß Diplomaten ans einem Friedenskongreß für uns nichts tun können. Gewiß ist die Diplomatie ohne Kanonen wertlos. Schon der alte Clausewitz lehrte, daß der Krieg eine Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln sei. Wenn die Diplomatie aber mit den anderen Mitteln nicht fortgesetzt werden kann, so ist sie von vornherein zur Erfolglosigkeit verdammt. Gewiß ist es auch, daß der Diplomat mit Nachdruck f v r d e r u muß, und daß diesen Nachdruck ihm eben nur der militärische Erfolg verleihen kann. Kurz, es steht fest, daß ein Moltke ohne Bismarck mehr ansrichten kann, als ein Bismarck ohne Moltke. Folglich? Ist nun jede rein diplomatische Aktion für uns Juden vom Hause ans nutzlos? Nein! Denn auch die moralische Seite der Aktion darf nicht nmerschätzt werden. Es ist hüben und drüben viel darüber gestritten worden, wer den Kamps für Freiheit und Recht führt. Wie wäre es nun. wenn jüdische Vertreter an das europäische Forum herantreten und sagen: Jetzt ist es an der Zeit, daß Ihr die Aufrichtigkeit eurer Worte beweist und das Blutvergießen durch sittliche Akte sühnet, indem Ihr auch die tausendjährige Schmach, baß ein höchst kultivierter Stamm geknechtet und entrechtet ist, von Euch wälz: und die Gletchberechlignng der Juden mit Nachdruck nud nicht nur auf dem Papier proklamiert? Verdient nicht ein Volk von solcher Begabung und Intelligenz, was uns auch von uuseren Feinden nicht abgesprochen iverden kann, den Schutz der Mächtigen in Europa? Haben wir nicht für die Menschheit so viel geleistet wie die Hammeldiebe am Balkan, deren angeblicher Schutz Europa so viel Leiden verursachte? Dabei handelt es sich ja nicht bei uns um Macht und Ansehen über andere zu herrschen, sondern um das primitivste Recht, das jedem Geschöpfe auf Erden zuteil wird. Diese und ähnliche Fragen sollen unsere Vertreter klar und nnverblümmt dem „Rate" der Völker der zivilisierten Welt eutgegenschleudern. Welcher Erfolg einer solchen Aktion beschieden sein wird, soll nnerörterl bleiben, daß sie aber erfolgen muß, ist unseres Erachtens mehr als selbstverständlich. Haben doch unsere Vorfahren niemals eine solche Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne ihrerseits Schritte zu unternehmen,' um das Elend ihrer Brüder zu lindern! Man denke nur au den Wiener nud Berliner Kongreß! Die Frage muß aber ausgeworfen werden, wie das Programm beschaffen sein soll, welches für die jüdischen Parteien aller Schattierungen annehmbar ivüre. Und da muß gleich gesagt werden, daß das Programm, das Nordau in seiner erwähnten Anregung festlegt, z u weit ist, um von allen jüdischen Organisationen gebilligt zu werden. Die „Anerkennung unserer Nationalität" ist bekanntlich der heikelste Punkt innerhalb der Judenheit selbst, und soll die Vertretung eine allgemein jüdische sein und nicht aus einem Häuflein Zionisten bestehen, so muß alles, was in unserem Lager Anlaß zur Uneinigkeit gibt, ans dem Programm geschieden werden. Alle. Juden, die eine positiv jüdische Devise haben, d. h. deren Judentum nicht darin besteht, daß sie noch nicht getauft sind, sondern die ein mehr oder weniger jüdisches Bewußtsein besitzen, sollen die zur Friedenskonferenz entsendeten Juden als ihre Vertreter betrachten. Wenn dieses aber gelänge, so könnte vielleicht hier der Grundstein zur Schaffung einer segensreichen, jüdischen Organisation gelegt werden, die, aus dem engen Rahmen einer Delegation hervorgehend, zu einer dauernden, g e m e t n s a m e n, ersprießlichen Arbeit aller jüdischen P a r t e i r i ch t u n g e n ans gemeinsamer Plattform nach Beseitigung der R e i b u u g sflächen führen würde. In der Tat bat der Mangel an Organisation und die Zerfahrenheit innerhalb des Judentums während des Krieges solche Lucken in unsere Reihen gerissen, daß es einem Selbstmord gleichkäme, wenn wir nicht die Lehren ans diesem furchtbaren Kriege ziehen würden, um in Zukunft gegett jede Eventualität gewappnet zu sein und nicht mit Improvisationen zu arbeiten, die tiur eine Ausgeburt der Hilflosigkeit sind. Dieses können wir aber nur bei einer Vereinigung und Organisierung aller unserer Kräfte erreichen, wodurch wir erst unsere, von Feinden so oft mißbrauchte Solidarität bekunden werden. Denn dann können wir infolge unserer Begabung und Bedeutung ein Machtfaktor werden, mit dem zu rechnen ist. Ich will nur ein kleines Beispiel anführen, das symptomatisch sein dürste. Unsere Geldmacht wird von unseren Feinden stets im Munde geführt. Wissen wir aber von dieser, zu unserem gemeinsamen Nutzen Gebrauch zu machen? Im Jahre 1906. in der Zeit der furchtbarsten Pogrome in Rußland, führten jüdische Bankhäuser eine russische Anleihe in Deutschland durch. Muß da nicht einem jeden Inden die Schamröte ins Gesicht steigen beim Gedanken, daß dieses Geld vielleicht auch dazu beiqetragen hat, die Hnligans zu organisieren? Ein Gegenstück! Das Hans Rothschild iu London hält sich prinzipiell von Geschäften mit dem Pogromstaate fern. Und da wurden in letzter Zeit gleißnerische Versprechungen nach London gedrahtet und die Zukunft der Inden in Rußland rosig geschildert, um doch den Baron Rothschild für eine Beteiligung an der rnssu'chen Anleihe günstig zu stimmen. Das vermag der liebe Mammon! Hätte man es aber mit einer öffentlichen jüdischen Meinung zu tun. so würde es einigen Inden nicht möglich sein, ihr Volk mn des schnöden Profils willen zu verraten, und könnte auch der Geheimtuerei der jndenfeindlichen Regierungen, insofern es sich um jüdisches Geld handelt, ein Riegel vorgeschoben iverden. Vielleicht lag eine solche, weit umfassende jüdische Organisation auch in der Absicht der Gründer der Alliance und der Benai-Berith. Daß diese aber obige Ausgaben nicht erfüllen, mag traurig sein, ist aber wahr. II. Es ist selbstverständlich, daß sich das Hauptaugenmerk unserer Führer aus die Lage der Ostjnden richten muß. Denn im Westen, wo unsere Brüder mehr oder weniger sich bürgerlicher Rechte erfreuen, tritt die Judenfrage, d. h. die wirkliche und nicht nur auf dem Papier gewährleistete Gleichberechtigung der Inden nicht in den Vordergrund des Interesses. Während Millionen Juden nämlich die primitivsten Menschenrechte, wie die Freizügigkeit rc. versagt bleiben, ist es Nebensache, ob Inden zu Ministerstellen n. s. w. zngelassen werden. Obgleich aber einer Aktion zur Besserung der Lage der Ostjnden auf dem Friedenskongresse selbst wenig Erfolg winkt, da es immer von der betrefienden Regierung abhängt, ob sie die versprochene Gleichberechtigung in die Tat nmznsetzen gewillt ist — man denke nur an Rumanielt und den Berliner Kongreß! — so können wir doch bei einer starken Organisation, im vorerwähnten Sinne, die Einhaltung des Versprochenen durch die uns zu Gebote stehenden Mittel erzwingen. Anders ist es allerdings mit der p o l n i s ch - j ü d ischen Frage, die in letzter Zeit an Schärfe zugenommen hat nnd dringend einer Erledigung harrt. Die Versuche, die jetzt schon hüben und drüben unternommen werden, um die Rtchtliuien für die Regelung dieser Frage festzustellen, sind sicherlich verfrüht, da diese mit der polnischen Frage überhaupt eng verknüpft ist. Allein die Unkenntnis des oft-