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Die Wahrheit · 1915-12-03 · Heft 37 (3.12.1915) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 37 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die Wahrheit. Seite 7. Nr. 37. vielmehr teilte die Egerer Bevölkerung den Jubel der Kriegsflüchtliuge. Die allhistorische Stadt Eger wird gewiß in ihrer Chronik diesem Ereignisse aus großer Zeit ein Plätzchen gewähren. Und immer weiter eilten die verbündeten Heere, die aufgelösten russischen Horden vor sich hertreibend. Bald waren die Bukowina und Westgalizien frei vom Feinde; nur ein kleiner Teil von Ostgalizien verblieb in ihren Händen. Das Errungene wurde gesichert und nun konnte man auch daran schreiten. Bevölkerung dieser Landesteile lvieder in ihre Heimat zu entlassen. Am 3. Angnst 1915 wurde an der Amtstafel der k. k. Bezirkshanptmannschaft Eger der erste Aufruf an die galizischen Flüchtlinge, in ihre Heimat zurückzukehren, angeschlagen. Es wurden die folgendeir Bezirke Galiziens für die Rückkehr der Flüchtlinge freigegeben: Biala. Oswiecim, Chrzanow, Zywiec, Nowy Targ. Wadowici. Bochnia, Myslenice, Limanowa. Nowy Sacz, Brzesko, Dabrowa, Mielec. Kolbnszowa, Pilzno, Ropczyce, Grybow. Strzyzow, Krosno. Stary Sambor und die nicht zum Feftnngsbereich gehörigen Gebiete der Bezirke Krakau. Wieliczka und Podgorze. Ein weiterer Aufruf folgte am 14. August 1915 für die Bezirke Lancnt, Nisko und Tarnobrzeg. Es wurde jedoch bei allen diesen Bezirken verlangt, daß die Flüchtlinge in einem dieser Bezirke ihren ständigen Wohnsitz hatten, nicht arbeitsunfähig und gleichzeitig erwerbsbezw. snbsistenzlos seien und erhielten sie freie Fahrt auf allen Bahnen. Nach der Rückkehr in ihren ständigen Wohnsitz wurde ihnen noch durch vier Wochen die staatliche Flttchtlingsunterstütznng ausbezahlt. Durch diese Abtransporte in die freigegebenen Bezirke sank mit 1. September 1915 der Stand der Kriegsflüchtlinge im Egerer Bezirke auf 772 Personen. Ende September 1915 wurde dann noch die Rückkehr in folgende galizische Bezirke freigegeben: Tarnow, Rzeszow, Brzozow, Sanol, Dobromil, Przeworsk, Jaroslan und den Bezirk Gorlice mit Ausnahme der Stadt Gorlice und der Gemeinden Strozowka, Lnzna. Nieznajowe und Mizanka. Damit schloß sür das Egerland eines der eigenartigsten Erlebnisse, von dem gewiß unsere Kinder und Kindeskinder noch erzählen werden. Im allgemeinen erfreuten sich die Kriegsflüchtlinge bei ihren Gastvölkern keiner besonderen Wertschätzung, nicht nur diejenigen, welche der jüdischen Konfession angehörten, sondern auch die Andersgläubigen. So erfuhr ich beispielsweise aus Chotzen und Kolin, daß die tschechische Bevölkerung nicht die geringste Sympathie den stammverwandten polnischen Flüchtlingen entgegenbrachten, daß sie sich um die Evakuierten überhaupt nicht kümmerten. Aber auch bei unseren Feinden ergeht es den Heimatlosen nicht besser. Die echt russischen Städte wehren sich energisch dagegen, ihre Tore den Flüchtlingen zu öffnen und die Polizei, unter Assistenz der Kosaken, ist oft gezwungen recht unsanft die Ellenbogen zu breiten, um den Geflüchteten Platz zu verschaffen. Selbst die Belgier, die Verhätschelten aller unserer Feinde, um derer verletzten Neutralität angeblich John Bull entrüstet vom Leder zog, konnten sich die Liebe ihrer Gastvölker nicht erwerben, so daß die Zeitungen oft über Keilereien zwischen Belgiern und Engländern oder Franzosen zu berichten wußten. Von den Leiden der Flüchtlinge der Balkanhalbinsel wollen wir ganz schweigen. Drr psichologische Grund für diese Antipathie ist. glaube ich. folgender: Schon in Friedenszeiten sehen die breiten Schichten des Volkes dem übergroßen Anwachsen von fremdsprachigen Menschenmassen in ihrer Mitte ungerne zn, erst recht während des Krieges, da die Lebensmittel, die doch vor allem den Kriegern zngeführt werden müssen, knapp werden und die Einheimischen um die Verteuernng derselben fürchten. Die galizischen Flüchtlinge zum Beispiel zählen wahrlich nicht zn den Feinschmeckern und Schwelgern, sie begnügen sich oft Tage lang mit dem Genüsse von Heringen und Brod. Der Fleischkost können sie hierzulande schon deswegen nicht teilhaftig werden, weil das Schächten und Znbereiten des Rindfleisches ihren strenggläubigen Anforderungen nicht entspricht und weil in den meisten Fällen die Mittel auch nicht vorhanden waren, sich eine solche teuere Kost zn gönnen. Sah man jedoch beispielsweise auf dem Egerer Marktplätze einige Flüchtlinge, die sich um das Erwerben irgend welches Geflügels bestrebten, da hieß es: Die Flüchtlinge kaufen alles zusammen und zahlen die höchstgeforderten Preise n. s. w. Man bedachte dabei nicht: 1. daß von den 1000 Flüchtlingen, die sich in Eger anfhielten, nur höchstens zehn am Markte zn sehen waren. 2. daß die Käufer von Geflügel nur zumeist Vermögende waren, die auf jegliche Unterstützung, sei es vom Staate oder von Privaten, Verzicht leisteten. 3. daß der Flüchtling, wenn er eine Henne oder eilte ungemästete Gans, welche er zur Heiligung seiner Festtage zn haben müssen vermeinte, erstehen wollte, nur tatsächlich den Konkurrenten ans dem Felde schlagen konnte, wenn er um so imd soviel teurer zahlte. Niln. Gottlob, ziehen sie allmählich wieder in ihre Heimat zurück. Wir werden ihnen keine Tränen nachweinen. Allein die Dankbarkeit, die die Flüchtlinge für die genossene Gastlichkeit in Eger zollen, ist gerade rührend. Hunderte von Dankschreiben an verschiedene Parteien in Eger gaben davon Zeugnis, daß das Winzigste, was mau zu ihren Gnnsten tat, von ihnen voll gewürdigt ivurde und darum darf uns die Mühe, die wir uns um die Flüchtlingsfürsorge anferlegten, nicht reuen. Genug edle Menschen in unserem Bezirke leisteten Hervorragendes für diese Aermsten der Armen, den Wunsch äußernd, nie in der Oeffentlichkeit genannt zn werden. Möge der ltebe Gott ihr edles Tun lohnen! Verschiedene Uachrichlen. Wie». Sonntag, den 5. Dezember 1915, 4 Uhr nachiniltags, findet un Restaurant T o n e l l o, II,. Lilienbrunngasse 2. für die Schützlinge des Kaiserin Elisabeth-Heimes, sowie sür die Verwundete» des Bereins-Reservespitales Nr. 11, israel. Konfession, eine Chauukafen'r. statt. Wie». (Bet-Hamidraich „Talmud-Thora," II., Malzgafie 16). Die p v p u l ä r - w i s s e n s ch a s t l i ch e n F r e l c a grabend-Vorträge wurden am 26. November nur dem Bortrage Sr. Ehrw. des Herrn Rabbiners H. Schenk eröffnet und die stattliche Zuhörerschaft lauschte mit Aufmerksamkeit aus die Worte des Redners, der außerdem auch täglich in den Abendstunden religiöse Borträge hält und am Sabbat um 11 Uhr für junge Kanfleute spricht. Der nächste Freitagabend-Bortrag findet am 10. Dezember um halb 8 Uhr'abends von Herrn Rabbiner L. Go lüfte in statt. Der Vortrag ist auch Frauen zugänglich. Wien. (F r a tt e n h i l f s ko IN i r e e für galizische Flüchtlinge.) Das Frauenhilfskomitee sür Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina im X. Bezirk, welches seit Kriegsbeginn eine Ausspeisung und eine Beteilnug von Naturalien und Milch ständig sür die im Bezirke wohnenden Flüchtlinge unterhält, dankt ans diesem Wege allen Helfern, Spendern, Vereinen und Freunden, die die Bestrebungen des Komitees in diesem Jahre durch Geldspenden, durch kostenlose Ueberlassung von Lokalen und Wohnungen, durch Geschenke an Kleidern, Schuhen. Möbeln und Naturalien unterstützt hauen, sür ihre opferwillige und hochherzige Hilfsbereitschaft. Namentlich gebührt herzlicher Dank dem Israelitischen Hnmauitätsverein im X. Bezirk, der B'nai B'rith, der Israelitischen Allianz und dem Bankhause S. M. v. Rotschild, durch deren größeren Beträge die ständige Hilfsaktion in größeren Umfange ermöglicht wurde. Zugleich richtet das Komitee, welches noch immer etwa 300 Flüchtlinge ans Ostgalizien unterstützt und besonders m letzter Zerr sehr m Anspruch genommen wurde, an alle seine Freunde und Helfer die innige Bitte um werteres gütiges Jntereffe, dainit es seine Fürsorge bis zum Ende des Krieges in gleich wohltuender Weife fortsetzen kann. Für das Fraueuh'lsskomitee für galizische Flüchtlinge Wien. X. Bezirk, Qnellengasse 139. Frau Rabbiner Dr. A. L. Mandel, Frau Fanny Sieger, Frau Oberkantor Sophie Schlesinger. Fräulein Olga Seligmauu, Fräulein Fanny Klein. Wie». (Kranke Soldaten bitten um Aufheiterung.) Wir erhalten die folgende Zui'chrisr: Unter diesem Titel brachte die „Oesterreichljche Volks-Zeitung" eine Notiz, daß die 800 lungenkranken Soldaten des Reservejpitals Nr. 19 um Erheiterung in Form einer Barielsoorstellung bitten, und dies veranlaßt mich, auf das stille Wirken eines Mannes ans diesem Gebiete ansinerksam zu mache». Es ist dies der unermüdliche Obmann des Artistenklubs „Die lustigen Ritter in Wien", der seit einem Bierteljahrhundert aus dem Gebiete der Wohltätigkeit wirkende Schriftsteller und Humorist Josef Ko l l er.

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