Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1915-11-19 · Heft 36 (19.11.1915) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 36 (19.11.1915)
Date
1915-11-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063862-3063898--09797-3077079
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. Die Wahrheit Nr. 36. und Kaltblütigkeit folgen. Briaud versichert, der Krieg werde bis zu m Siege zu Ende geführt, „der den Feind aus allen besetzten Gebieten vertreiben wird". Wie man sieht, sind die Franzosen bereits bescheidener geworden, von Elsaß- Lothringen sprechen sie nickt mehr so deutlich als früher. Briaud jubelt darüber, daß auch Japan keinen Sonderfrieden schließen will, welche Verpflichtung der Entente natürlich ein Hauptinteresse E n g l a ri d s bildet. England, Rußland und auch Italien haben freilich ein gewaltiges Interesse, die Katastrophe Serbiens zll verhindern, aber für Frankreich bleibt außer der Ritterlichkeit kein vernünftiges Interesse, an den Dardanellen und in Südserbien an der aussichtslosen Kriegsaklion mitzuwirken. Dies beirrt aber Briaud nicht und er ruft emphatisch aus: „Frankreich und die Alliierten werden die heldenhafte Nation, deren Widerstand die Welt zur Bewunderung zwingt, nicht im Stiche lassen!" Erheiternd wirkt die Behauptung Briands, die erfolgreiche Offensive der verbündeten Zemralmächte am Balkan wäre nur zu dem Zwecke unternommen worden, um die Augen der Welt von dem Mißlingen der weiteren Vertreibung ihrer Fronten in Ost und West abzulenken. Kühn ruft auch Briaud am Schlüsse seiner Rede ans: „Wir haben den Willen zu siegen und wir werden siegen." Es ist für England und Frankreich sehr ärgerlich, am Balkan keine fremde Hilfe zu finden und inan mag darauf wetten, daß auch Rußland und Italien herzlich gerne viel Krieger nach dem Balkan senden würden, wenn sie solche überzählig zur Bersügung hätten, aber sie können an ihren Kriegsfronteu keinen Mann v e r m i s s e n, ohne ein weiteres Eindringen des Feindes befürchten zu müssen und müssen sich deshalb mit boshaften Küstenbeschießungen begnügen. Die Entente hat durch ihre rücksichtslosen Kriegsmethoden Griechenland in eine arge Bedrängnis gebracht, trotzdem ist es noch unsicher, ob sie den Kleinstaat gewaltsam mit Haut und Haaren an ihre Seile bringen wird. Und was Rumänien anbelaugt, so dürste sich wohl dieser Staat nicht mehr in den verderblichen Weltkrieg hineintreibeu lassen. Meisterhaft weist der bulgarische Gesandte in Berlin. D. Rlzow, in einer Erklärung an der Hand der Geschichte nach, daß nicht Bulgarien als „Verräterin an der slavischen Sache", sondern vielmehr Rußland so gebandelt hat. „Es mar", sagt Rizow, „das ilavische Rußland, welches im Jahre 1913 drei uichtslavischen Staaten (Rumänien, Griechenland und die Türkei) erlaubte, das slavische Bulgarien auszuplündern". Rizow meint, eine Besiegung des russischen Zarismus werde dem russischen Volke die Freiheit bringen und das bulgarische Volk könne auf solche Weise seine Dankbarkeit für seine einstige Befreiung quittieren. Rizow weist auf die Doppelzüngigkeit Englands hin, welches Bulgarien 35 Jahre lang versicherte, mit der Freiheit und Unabhängigkeit Bulgariens wäre es zu Ende, sobald Rußland in den Besitz Konstautinopels gelange. Die angeblich io Vertragstreue Entente habe auch Italien dazu gedrängt, nach 33 Jahren einen Vertragsbruch zu begehen und einem Verbündeten in den Rücken zu fallen. Asquilh und Briaud haben übrigens auch oppositionelle Gegenreduer gesunden und besonders die Rede des Pairs im englischen Oberhause, Lord Loreburn ist hochinteressant, weil sie beweist, daß die Wahrheit selbst in England bereits durchbricht. Der edle Lord sagte unter anderem: „Jede große Nation glaubi, daß der Krieg ihr aufgezwnngen ist." „Alle glauben, daß sie i m R e ch t e s i n d und nur dnrchhalteu müssen, um zu siegen". „Die Verluste au Menschen, die bereits auf 15,000.000 Tote und Beschädigte geschätzt werden und die vielen tausende Millionen Kriegsschulden kberden die gesamte Zivilisation veräudern." „Wenn der Krieg endlos sortgeht. so werden Revolutionen und Anarchie folgen." „Große Teile auf dem Kontinent werden eine Wildnis sein mit einer Bevölkerung von Greisen, Frauen und Kindern." „Die Menschen müßten seltsam konstruiert sein, die nicht jede ehrenvolle Gelegenheit ergreifen würden, um einen A n fre i b n n g s k r i e g z n verhindern, der das schrecklichste Unglück wäre, das die Menschheit treffen könne." Lord Conrtney meinte: „Die alte, von vielen Generationen aufgebaute Zivilisation ist fast zerstört." ..Der Krieg setzt das Niveau der Zivilisation herab". „Die Leidenschaft für die nationale Unabhängigkeit ist ruhmvoll, aber sie muß mit der Möglichkeit i ule r u a t i onale r Freundschaft verso out werden, wenn die Zivilisation bestehen bleiben soll." „Der Gipfel der Tragödie ist, daß genau dasselbe, rvas wir sagen und glauben, in Deutschland mit derselben ehrlichen Ueberzengnng gesagt und geglaubt wird." „Dies führt ebenfalls zu dem Schluß, daß es einen Ausweg aus der Sackgasse gibt." Bedauerlich ist es nur. daß die Reden Asquiths und Briands Deutschlands offizielle Stimmen zur Erklärung drängten, alle Friedensgerüchte zu dementieren. Doch die Logik der Tatsachen siegte schließlich immer über Leidenschaften und Völkerhaß. Wehe aber den gewissenlosen Kriegshetzern. welche unnötige und fruchtlose Opfer aus die Schlachtbank bringen. Sie werden nach der Kriegsentscheidung nickt nur von den hart geprüften Völkern, sondern auch von der furchtbarsten Richterin, der Weltgeschichte, zur Verantwortung gezogen werden. R. L. Ans der Wiener Knllnsgemeinde. (Plenarsitzung des Knlrusvorstandes am 14. November 1915.) Nach den großen Verlusten au Persönlichkeiten und Arbeitskraft, die der Knltnsvorstand in letzter Zeit erlitten hat, ist die Frage der Kooptiernng der vakanten Mandate, die den Vorstand schon früher beschäftigt hatte, neuerdings aktuell geworden und hat in der Plenarsitzung vom 14. November eine, wie wir wohl mit Sicherheit annehmen können, allseits hochbesriedigende Lösung gesunden. Die Nengewühlteu sind durchwegs Männer, die vermöge ihrer sozialen Stellung und ihrer persönlichen Fähigkeiten dem Jndentum und der Gemeinde zur Zierde gereichen und insbesondere wird es allgemein mit Freuden begrüßt werden, daß ein Mitglied jener hochaugesehenen Familie, die mit vollem Rechte überall in der Judenschaft an erster Stelle genannt wird und deren Repräsentanten in London und Paris an der Spitze des dortigen Judentums stehen, nunmehr sich auch in Wien bereit erklärt hat, an den Arbeiten des Kultiisvorstandes teilzunehmen. Der vertraulichen Sitzung, in welcher die Kooptiernng stattfand, ging eine öffentliche voran, deren hauptsächlichster Gegenstand eine Tranerknndgebung für das verewigte Mitglied des Bertreterkollegiums kais. Rat Adolf S ch r a m e k und den Bethansvorsteher Salomon Adolf W a s s e r v o g e l war. Im Nachstehenden der Bericht. Im Einlauf befindet sich an Spenden: Bon Herrn Joses Weis, derzeit im Felde durch Herrn Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n. anläßlich einer Rettung aus Gefahr für Arme K 1000.—, von Herrn Heim zur Verteilung an Arme E 400.—, von k. k. Prof. Dr. Julius Schnitzler für den Palästina-Fond E 100.—, von Frau Hermine I a n o w i tz für die Ansspeisung eines armen jüdischen Mädchens EI 9.—, von Frau Engenie Herzfelder anläßlich der Erinnerung an einen teueren Verstorbenen für hilfsbedürtige Waisen EI 20.—, von Frau Aurelia M e l z e r für arme Wöchnerinnen EI 5.—, von Familie k. k. Kommerzialrat Emil Czeczowicka anstatt Blumen auf das Grab des auf dem Felde der Ehre verschiedenen k. u. k. Oberleutnants Oskar Münz s. A. für einen Humanitären Verein EI 50.—, von Herrn Dr. Veit Fried für Arme EI 30.—. Weiters eine Zuschrift des k. k. Statthalters Dr. Richard Freiherrn von Bieuerth betreffend die Trauerknudgebung für das verstorbene Mitglied des Landesschulrates Vize-Präsident Dr. Gustav Kohn in der Plenarsitzung des k. k. n.-ö. Landesschulrates.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.