Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 36 (19.11.1915)
- Date
- 1915-11-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ie Wahrheit Redaktion und Administration: Wien, II., Novaragasse 27 Telephon: Redaktion Automat 42.889. Administration Ant. 47.b54k St. k. österr. Postsparkafla- Echekk-Konto Nr. 100.918. Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnementsnnd JnsertionSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. «abhängige Zeitschrift für jüöische Interessen. Erscheint jeden Areitirr,. Netto: „Das 8ie»el Gottes ist Wahrheit!“ Bezugspreis: Ganzjährig.K 15.— Halbjährig.K 7.50 Für KultnSbeauite: Ganzjährig . . . . K 10.— Für Ansland: Ganzjährig.8 Mark 6 Rubel oder lti FrcS. Ar. 36. Wien, 19. Uovember 19,3 Inhalt: Großsprechereien des Vierverbaudes. — Aus Das jüdische Schulwesen in Russisch-Polen. Literatur. — Oesterr.-ungar. Kantorenverein. der Wiener Knltusgemeinde. — — Die galizischen KriegSflüchllinge im Egerer Bezirke. — Die Lage in Palästina. — — Berictnedene Nachrichten. — Großsprechereien des Kierverbnndes. Der englische Prenlierminister Asqnith hielt es in seiner am 2. November l. I. im englischen Unterhause gehaltenen Rede noch für nötig, Schönfärberei zu treiben. Der kühne, wahrlich nicht beneidenswerte Mann behauptete, das englische Volk (?) (soll wohl heißen die englische Regierung) sei heute ebenso entschlossen wie je, den Krieg bis znm erfolgreichen Ende w e i r e r z n s üh r en. Doch ist es noch nicht gewiß, für wen dieses Ende erfolgreich sein wird. Asqnith versichert, General French befehlige an der deutschen Westfront f a st 1,000.000 M a u n. vergißt aber, daß diese Uebertreibung für die Kriegstüchtigkeit der Deutschen eine glänzende Anerkennung, für die der britischen Krieger aber einen bösen Stachel enthält. Schönfärber Asqnith zog wohl die Hunderte Millionen Menschen in Rechnung, die im weiten britischen Weltreiche leben, nm seine Kriegsverluste auf Vu^/o festzusetzen, setzt er aber die englischen Todesopfer mit den verwendeten Kriegern ins Verhältnis, daitn erscheint ein ungleich höherer Prozentsatz. Asqnith meinte in seiner Rede hohnlachend, Deutschlands Kriegsflotte sei in der Ostsee eingeschlosfen, über die Großtaten der englischen Kriegsflotte bleibt er aber die Anfklärnng schuldig. Asqnith behauptet, das britische Reich spiele seine Kriegsrolle gegenwärtig gilt, auf eingehenden Nachweis dieser Behauptung läßt er sich aber nicht ein. Asqnith ist übrigens auf dem Schlachtfelde sehr genügsam, denn er jubelt darüber, daß die Deutschen feit April auf der in feindlichen Landern befindlichen Westfront nicht weiter vorwärts gekommen seien. Ueber die Katastrophe am östlichen Kriegsschauplätze geht Asqulth mit der höchst unlogischen Bemerkung hinweg, England habe nach wie vor das größte Vertrauen (?!) zu den Fähigkeiten seines großen Alliierten Rußland. Nun uns kann es recht sein. lieber den Kampf an den Dardanellen stammelt Asquith zwar kleinlaut, aber er meint, wenn derselbe unterblieben wäre, würden nun die Gefahren am Kankasns und in Egypten noch größer sein, seine ohnmächtige Wut über die Balkanaktion der Mittelmächte, welche die Gefahr in Egypten wieder erhöht, vermag er aber nicht zu bemeistern. England, Frankreich und Rußland können nicht erlauben, sagt Asqnith, „daß Serbien das Opfer dieser finsteren ruchlosen Kombination werde." Er hat auch Ursache zu dieser Wut, denn diese Aktion stellte nur den Kontakt aller mitteleuropäischen Kriegsgegner her nnd durchkrenzl den englischen Anshungernngsplan. Nach dem Falle so vieler wichtiger serbischer Feftnngelr wird der Vierverband die Unabhängigkeit Serbiens wohl schwerlich sichern können. Asqnith versichert, es bestand der stärkste Grund zur Annahme. Griechenland werde seinen Pflichten gegen Serbien Nachkommen — eingeschreckt nnd bestochen mag er ja früher genug haben, nm dieses Ziel zu erreichen. Trotz alledem ist Asqnith nach wie vor entschlossen, diesen Krieg z n g e w i n n e n. Ist er mit jener Allmacht ansgestattet, um seinen Entschluß znm Erfolge zu wandeln? Asqnith gibt übrigens m seiner Rede selbst zu „er habe von allen Seiten Vorschriften, Ratschläge, Ermahn u n g e n nnd W a r n n n g e n erhalten, er werde aber trotzdem nicht als Missetäter ans der Anklagebank erscheinen nnd nicht als Büßer um Ver g eb n n g bitten." Trotzdem Asqnith zugibl. daß dieser Krieg reich war an U e b e r r a s ch u n g e u und E n l t ä u s ch u n g e n, verlangt er vom englischen Volke doch „grenzenlose Geduld nnd unerschöpflichen Vorrat an Mut zur Tat nnd znm Ansharren." Der verlangte „richtige Sinn für Ausblicke" könnte ihm aber denn doch gefährlich werden nnd nicht nur „Klageweiber", sondern auch entrüstete Gegner ins Ungemessene vermehren. Wahrhaft empörend wirkt es aber, wenn Asqnith fragt, ob es „selbst unter denen, die nnanssprechliches Leid erdulden, unter den kinderlose urE l l e r n. verwitweten F r a u e n, verlassenen Kameraden lind Freunden, welche gibt, die daran denken (1), daß Großbritannien anders hätte handeln können." Bei der schlnßversicherung Asquiths, „,ch bin ebenso vertraneusvoll wie vor 16 Monaten, daß wir eine gerechte Sache (?) znm siegreichen Ende führen", mag man an einen witzigen alten Juden denken, der bei ähnlichen Gelegenheiten zu sagen pflegte: „So muß er sagen, so soll er sagen und wird er sagen." Eine ähnliche Rede hielt der neue französische Ministerpräsident Briand gelegentlich seiner BorstKlnng und Programmentwicklung in der französischen Kammer am 3. l. M. Er forderte die Abgeordneten auf, „der Meisterschaft des großen Führers (Josfre) voll und ganz zli vertrauen". Sie sollen Stoizismus zu allen Opfern, „selbst zu den grausamsten nnd schmerzlichsten" an den Tag legen nnd „den Wechselfällen des Krieges" mit unentwirrbarer Gelassenheit