Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1915-11-05 · Heft 35 (5.11.1915) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 35 (5.11.1915)
Date
1915-11-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3062972-3063862-3063897--09787-3077068
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 35. Die Wahrheit. Seite 7. jung-türkischen Komitees Midhat Schükri und Dr. Nasim Bey empfangen. Die Mitglieder des Herrscherhauses und die Vertreter der Regierung sprachen sich in anerkennender Weise über die jüdische Bevölkerung aus, der thr besonderes Wohlwollen gesichert sei. Dr. Nossig und Kommerzienrat G. Simon wurden durch Verleihung des Medjidje-Ordens ausgezeichnet. Ans Veranlassung des Deputierten von Koustanlinopel, Emannel Carasso und Dr. Nossigs gründete ein Kreis namllelfter türkischer Inden mit Einwilligung der Regierung eine Vereinigung unter demNamen „Osmanlsch-JsraelitischeUniou". Unter dem Vorsitz von Carasso gehören dem leitenden Komitee folgeitde Personen an: der Deputierte von Smyrna Nissim Mazliah, der Vorsitzende des Konsistoriums der Jüdischen Gemeinde von Konstautinopel Farhi Bey. Professor Abrevaya, der Präsident des Sanitälsrates der Marine Oberst Galamidi Bey sowie andere hervorragende osmanische Inden. Die Vereinigung bezweckt die Pflege frenndschaftlicher Beziehungen zwischen den Inden verschiedener Länder und den Osmanen, sowie die festere Angliedernng der osmaniichen Inden an die anderen Bevölkernngsgrnppen der Türkei. Ferner sind der „Osmanisch-Jsraelitischen Union" ans Grund der ihr von der türkischen Regierung verliehenen Satzungen in der Angelelegeuheit der gesetzlichen Regelung der Einwanderung von Juden nach der Türkei wichtige Befugnisse übertragen worden. Es ist besonders hervorznheoen, daß das jung-türkische Komitee „Einheit und Fortschritt", dessen Verhältnis zur türkischen Regierung bekannt ist, einen ständigen Vertreter in den Vorstand der „Osmanisch-Jsraelitischen Union" entsendet. Die Vereinigung gedenkt auch mit den, die ostjüdische Bevölkerung betreffenden Fragen gelegentlich der internationalen Verhandlungen nach Beendigung des Weltkrieges sich zu befassen. In dieser Angelegenheit fand auch bereits zwischen der türkischen Regierung und der deutschen Botschaft in Konstautinopel ein Meinungsaustausch statt, der ergab, daß die türkische Regierung ebenso wie die deutsche und österreichischungarische, den Bestrebungen zur Besserung des Loses der Juden des Ostens durchaus wohlwollend gegenüberstehen. Nähere Mitteilungen über die Dr. Nossig in Konstautinopel erteilten Erklärungen sowie über die Aktion der „Osmanisch-Jsraelitischen Union" werden gelegentlich einer Konferenz erfolgen, die demnächst nach Berlin einberusen werden wird. Dr. David Keimdörfer 40 Jahre im geistlichen Amte — 8. November 1875 bis 8. November 1915. Von Dr. phil. Zolinsky, Hamburg 20. Die Bibel hat im zweiten Buche der Könige 2, 11, die Zahl der Regieriliigsjahre Davids genau 40 Jahre, 7 Jahre in Hebron und 33 Jahre in Jerusalem angegeben. An diesen Bibelvers erinnern wir uns jetzt, wo 40 Jahre der rabbinischen Tätigkeit von Dr. Leimdörfer. 71/, in Nordhausen. 321/2 Jahre ui Hamburg abgelanfen sind. Freilich zählt die Bibel diese 40 Jahre ans, nachdem die Lebenskräfte des Königs David gewichen waren. Hier soll von einer 40 jährigen Lebensarbeit die Rede sein, die ein David in voller Frische und Manneskraft unter Gottes Beistand noch lange, lange zum Wohle seiner Gemeinde und ganz Israels fortsetzen möge. Es folge in Kürze die Skizze des Lebens und Wirkens eines als Kanzelredner und Gelehrter in Israel hochberühmten Rabbiners der Gegenwart. Geboren in Hlinik (Lehmdorf oder Vügagyagos) in Ungarn am 19. Elnl — 17. September 1851, erhielt Leimdörfer seinen ersten Unterricht iil biblischen und Profanen Elementargegenständen bei Rabbi Israel Rosenzweig, einem bedeutenden Theologen des Trencziner Komilats, besuchte .dann das Franziskanergyinnasinm in Sillein und zugleich die Talmudschnle des Rabbi Josef Grnnbaum dortselbst, ging dann nach den Talmudakademien (Jeschiboth) in Waizen : (unter Salvm Ullmaun) und Preßburg (unter Kethab Sofer). später nach Absolvierung der acht Lateinklasfen in Budapest lind Preßburg an die Universität nach W-en und an die dortige theologische Hochschule (das große Bethamidraich), geleitet vom Oberrabviner Dr. Adolf Jellinek. den Lektoren I. H. Weiß und M. Friedmann, von denen er nach seiner Promotion zum Doktor der Philosophie in Wien das Rabbinatsdiplvm erhielt. Im Oktober 1875 berief ihn die Synagogengemeinde Nordhanie» in Preußen zu ihrem Rabbiner, und die königliche preußische Regierung bestätigte am 8. November 1875 seine Wahl, nachdem er als k. k. österreichisch-ungarischer Feldrabbiner mir Hanptmannsrang ans dem österreichisch-ungarischen Scaatsverband ansgetreten war und seine Naturalisation vollzogen hatte. Bis zum 1. April 1883 wirkte er. nach dem Zeugnis des Gemeindevorstandes in Nordhansen, in ansgezeichneter Weise auf Kanzel und Katheder wie als Seelsorger. Nun folgte er der Bernfnng als Prediger an den Hamburger Tempel, in dem Gotthvld Salomon. der Vater der jüdischen Kauzelrede, einst Gottes Wort verkündet halte. Sein Lehrer Jellinek halte ihn. ..seinen besten Schüler", wie er schrieb, warm empfohlen, aber noch mehr wirkte der Eindruck seiner Pei iönltchkeit. seine Leistrrngen. seine meisterhafte Rvetorik, sein Wissen, die gründlich riefe lalmndische und philosophische Gelehrsamkeit und der packende, prophetisch zündende Vortrag, der lebhaft an J-ll'.nek erinnert. Der Dichter Ludwig August Frankl nennt Leimdörfers Predigten Gedichte in Prosa. Vor kurzem erst rezensierte ein Redakteur der „Wiener Lehrerbnnd-Zeitnng" Leimdörfers Kriegspredigten in ihrer Klassizität und bezeichuete L'imdörfer als Erbe Jellineks. Wer Leimdörfer jemals gehört hat, wird hingeriffen von seinem prächtigen, sonoren Organ ln allen Stimmlagen, von dem geistvollen Inhalt, der edleit schwnngreichen Sprache und dem feurigen Bortrag, dieses Urteil nllterschreiben. Als gemäßigt-liberaler Rabbiner streng religiös lebend, vermochte er mit seiner bescheidenen und versöhnlichen Persönlichkeit alle Parteinnterschiede zu verwischen, den Frieden in der Hamburger Gemeinde zu festigen und Orthodoxe ivie Liberale für die hohen ethischen Ideale zu begeistern, denen in erster Linie die Beredsamkeit und Redekunst Leimdörfers geweiht ist. Auch außerhalb der jüdischen Gemeinde, im Senate, in der Bürgerschaft und bei den christlichen Geistlichen und Gemeinschaften Hamburgs, die Leimdörfers tolerantes und friedliches, leutseliges und vor allem wohltätiges Schaffen und Waken würdigen, nimmt Leimdörfer eine hervorragende Stellung ein. Bekannt ist sein Briefwechsel mit dem seligen Grafen Waldersee, der als Inspektor des IX. Armeekorps zu Altona Leimdörfers patriotische Reden in 100 Exemplaren den Soldaten eigenhändig verteilt hat; bekannt ist das intime Verhältnis des Pastors Clemens Schultz zu Leimdörfer, in dessen Jünglingsvereinen Leimdörfer alljährlich pvpulärwissenschafliche Vortrüge zum Verständnis der jüdischen Lehre und zur Besfergestaltnng des konfessionellen Einvernehmens hielt. Insbesondere wurden Leimdörfers patriotische Reden zu den Kaiserfesten und Staatsfeiern, auch seine Kriegspredigten und Kriegsbetrachtuugen vom Senat und den Bürgermeistern. der preußischen Gesandschaft. den verschiedenen Koosnlaten und Behörden, sowie auch die der Kriegshilfe zugeivandte Tätigkeit Leimdörfers hochanerkannt. U. a. erbat das Generalkommando in Altona 1000 Exemplare einer Kriegspredigt für das Heer. Etliche vor der österreichisch-ungarischen Kolonie gehaltene Kaiserreden sind ans Befehl des Kaisers Franz Josef der Fideikommiß-Blbliorhek in Wien einverleibt worden. Durch die Kraft seines Wortes gelang es Leimdörfer, philantropische Werke von großem Werte anznregen, zu schaffen und zu fördern. In Nordhausen bewirkte sein Wort die Gründung einer Altersversorgungsanstalt durch seinen Freund Jacob Plant anläßlich der Goldhochzeit Kaiser Wilhelm» I. Als Kurator dieser Anstalt schuf Leimdörfer für die Protestanten eine Kapelle im Hanse, damit die schwachen Greife ihren eigenen Gottesdienst hätten. In Hamburg warb Leimdörfer» Wort

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.