Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 35 (5.11.1915)
- Date
- 1915-11-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 5. Nr. 35. Die Wahrheit Zytomirz, den 16. März 1829. ' An den Herrn Isaak Beer Loewiusohn. Später bat die rnssische Regierung zweitausend Exemplare dieses Werkes angekaufl. um sie in den von der Regierung errichteten jüdischen Schulen zu verteilen. In den 86 Jahren, die seitdem verflössen sind, ist gar vieles' anders geworden. Alle Wissenschaften haben sich zu einer nie geahnten Höhe entwickelt und die Menschen mit ihnen. Aber die Entwicklung der russischen Kultur von der Förderung eines hebräisch schreibenden Inden unter Nikolaus I. bis zum Pogrom-Zaren Nikolaus H. steht wohl einzig da! Heldentat eines jüdischer» Habettaspirante«. Ans dem Kriegspressequartier wird gemeldet, daß der Thronfolger Erzherzog Karl Franz Josef am 24. Oktober am nördlichen Kriegsschauplatz das k. u. k. Infanterieregiment Hoch- und Deutschmeister Nr. 4 besichtigt und bei diesem Anlässe einigen Helden des Regimentes die ihnen verliehenen Allerhöchsten Auszeichnungen persönlich überreicht hat. Der Kadett i. d. R. Wilhelm Peutliöka wurde mit der großen silbernen Tapserkeitsmedaille ausgezeichnet. Derselbe ist der Sohn des Kaufmannes Samuel Peutliöka iu Wien, II., Mayergasse 14, 21 Jahre alt, im Zivil Fabriksleiter einer Spiritusraffinerie. Er war vor einigen Monaten als Einj.-Freiw. Korporal ins Feld gegangen, avanzierte am 16. September zum Kadetlaspiranten und wurde am 13. Oktober infolge seiner aus einem gefährlichen Patrouillengauge bewiesenen Tapferkeit zum Kadetten befördert. Einem uns zur Verfügung gestellten vom 16. Oktober datierten Briefe, den der Dekorierte an seine Eltern in Wien richtete, entnehmen wir folgende Einzelheiten: „Von der Division kam der Befehl, zur Aufklärung der auf dem jenseitigen Ufer eines großen Sumpfes befindlichen feindlichen Truppen unbedingt Gefangene einzubringen. Zur Ausführung des Befehles meldete sich der Kadettaspirant Pentliöka, der zunächst nur mit zwei Mann wiederholt die feindliche Stellung auskulldschaftete. Am 13. Oktober 4 Uhr morgens ging er mit einem Gefreiten. 18 Mann und 4 Booten an die Ausführung seines bei den vorangegangeneu Rerognoszierungen gefaßten Plaues. Um V45 Uhr, so heißt es in dem Briefe, stießen wir von unserem Ufer ab. Nach schwieriger Fahrt durch Schilf kamen wir ungefähr um 3/46 drüben an. Wir krochen dann am Bauche ungefähr 150 Meter entlang des Ufers nach links, um der Feldwache, eine solche sollten wir überrumpeln, in die Flanke zu kommen. Wir konnten dies gedeckt ausführen, nun hieß es an den Graben herankriechen, dies waren 200 bis 300 Meter. Durch Krautücker, am Bauche liegend, schoben wir uns langsam vor, um vom russischen Posten nicht bemerkt zu werden. Da kam uns endlich eine kleine Planke zu Hilfe, hinter der wir uns sammelten. Der Graben war geschickt maskiert, auf den Trümmern eines zerschossenen Meierhofes, den unsere Artillerie schon vorigen Monat, als wir die Stellung ansbanteii, m Brand gesetzt hatte. Als wir schon auf 80 Meter nahe waren, bemerkte ich den russischen Posten. Jetzt beratschlagte ich mich mit dem Gefreiten, ob wir stürmen sollten, da wären aber zwei Planken zu übersetzen gewesen, ich fürchtete für das Gelingen, deshalb beschloß ich, mich iroch näher heranzuschleichen. Wir krochen einzeln durch ein Loch, daun durch eine Rinne in einen Krautacker, der wieder bis zu einer Planke führte. Dort angekommen, legten wir uns in zwei Linien hintereinander. Ich sollte die erste zum Sturm führen, die zweite mit dem Gefreiten sollte mir den Rücken gegen etwa herankommende Reserven decken. So lagen wir eine Weile auf etwa zwanzig Schritte, zum Teile schon im Rücken des Grabens. Sahen immer einen Russen drinnen ansstehen und nach vorne beobachten, dann setzte sich derselbe wieder mit dem Gesichte zu uns, so daß ich schon glaubte, er hätte uns entdeckt und es wäre von ihnen nur eine Finte. Jetzt schien mir der Moment gekommen. Ich sprang auf und mit einem lauten Hurrah stürmten wir auf die ganz überraschten Russen ein. Auch die zweite Linie ging gleich mit. Einige Schüsse fielen vor uns, ohne daß aber jemand von uns verletzt wurde. Ich, allein voran, schwang eine Handgranate. Als die Russen uns sahen, sprangen sie aus den Löchern, schwangen die Kappen und streckten die Hände ru die Höhe. Besonders Augst halten sie vor der Granate und machten ängstliche Gebärden, daß ich sie nicht werfen solle. Ich rief ihnen zu: „Gewehre weg!" Sie warfen selbe fort und liefen wie die Hasen durcheinander. Wir fingen sie zusammen, es waren zehn Mann, nahmen schnell noch einige Gewehre mit mit» trieben sie zum Ufer zil den Booten, wo ich zwei Mann als Wache und Bedeckung gelassen hatte. Ich hatte Glück gehabt, da die Feldwache ans 20 Mann bestand, die Hälfte aber um Menage nach rückwärts gegangen war. Hätte aber nicht einen Mann mehr in den Booten aufnehmeu können, da schon fast alle im Wasser saßen. Nlln ruderten die Russen fest nnd ich kam um :V4 8 Uhr glücklich wieder auf nnserem Ufer an, wo wir mit lautem Hurrah empfangen wurden.Um 8 Uhr erstattete dem Kompagnie- Kommandanten Bericht, der große Freude harte, da ich gleich zehn Manu brachte, die meisten waren aus Odessa." Nachmittags kam vom Brigadeoberften K. folgende Depesche: „Der Kadettaspiraut Peutliöka der 2. Komp. J.-R. Nr. 4 übersetzte heule mit Patrouille auf 4 Booten den Snmpi. griff die beim Meierhofe D. eingegrabene feindliche Feldwache an und machte zehn Gefangene des 60. Rgt. Hiedurch wurde eine für Klärung der Lage beim Gegner außerordentlich wichtiger Dienst geleistet. Der geschickreu, schönen Führung, der heldenmütigen Entschlossenheit jedes einzelnen Mannes ist dieser, trotz schwieriger Terrainverhältnisse errungene Erfolg zu danken. Auch die umsichtige, ausdauernde Vorbereitung des Unternehmens, die durch mehrere Tage erfolgte Rekognoszierung hat einen Anteil an diesem ohne eigene Verluste erreichten Erfolge. Ich spreche dem tapferen Kommandanten und jedem einzelnen Manne wärmsten Dank und Anerkennung im Namen des Dienstes aus. Gleichzeitig verlautbare ich die soeben eingelangte telegrafische Depesche des Herrn Divisionärs: Dem br ven Kadeltaspiranleu der Komp. 2/4 und seiner tapferen Patrouille vollste Auerkennuug. B. G.-M. Dies ist allgemein zu verlautbaren" Abends 7 Uhr war ich zur Regimentsmesfe im Beisein des Herrn Oberstbrigadiers und Lverstlentnant. Regimentskommandanten und vieler Offiziere geladen. Mußte alles genau erzählen. Um 8 Uhr kam telegrafisch meine Beförderung zum Kadetten von der Division. Der Herr Oberst ließ mir sofort die goldene Borte aufnäheu. Herr Hauptmailu V. brachte einen Toast in Versen auf mich ans, der mit den Worten schloß: „Und jetzt fcitt’ ich. Kameraden, Rusts Hurrah dem jungen Held. Der in dieser ernsten Stunde, Würdig seinen Mann gestellt." Eine patriotisch-religiöse Pietätspflicht. Der Brünner Oberkantor und Chordirektor, Herr Josef Heller, derzeit als Militärspitalseelsorger tätig, schreibt uns: In der großen wekterschülternden Zeit, die die Menschheit jetzt durchlebt, werden die schwersten Opfer an Gut und Blut gebracht. Keine wie immer geartete Anregung für das Wohl der Allgemeinheit bleibt ungehört. In edlem Wetteifer ist jedermann bestrebt, das Beste zu leisten. Auch die Inden — als einzelne und als Gesamtheit — dürfen es mir stolzer Befriedigung anssprechen, daß sie freudig ihre Pflichten gegen Herrscher und Reich voll und ganz erfüllen. Aber nicht nur gegen die Lebenden, auch gegen Tote haben wir