Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 35 (5.11.1915)
- Date
- 1915-11-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr der Anshitttgerungsplan Euglauds wirksam durchkreuzt- und der Weltkrieg gewissermaßen entschieden.; Ist dieses Kriegsziel mit Gottes Hilfe erreicht, daun ist jede Verlängerung des Krieges durch Hartnäckigkeit des Vierverbandes nur zweckloses Maffenverbrechen, ein mutwilliges Vergießen von Menschenblut. Nach dem schweren, unersetzlichen Verlust, den die Wiener Kultusgemeinde vor wenigen Wochen durch den Heimgang des uuvergeßlicheii L Vizepräsidenten Dr. Gustav K o h n erlitten, hat sie nun wieder den Tod eines wackeren und arbeitsfreudigen Mitgliede des Vorstands- und Vertreterkollegiums zn betrauern. Kaiserlicher Rat Adolf Schramek ist Dienstag, den 2. November, nach kurzem Leiden im 71. Jahre feines ganz der Arbeit und dem Wohle der Menschheit gewidmeten Lebens gestorben. Mitten aus der Arbeit heraus, von seinem Schreibtische weg hat ihn der tückische Sensenmann geholt und allzufrüh einen edlen, guten Menschen hinweggerafft. Er war ein wohlwollender Freund und güliger Helfer und Berater der Armen und Notleidenden, der nicht nur von dem reichen Anteil an irdischem Gut. das er durch eigene Schaffenskraft erworben, reichlich und hochherzig gab, sondern auch überall mithalf und mittat, wo Gutes und Edles zn fördern war, und so werden wette Kreise seiilen Heimgang tief beklagen. Geleitet von echtjüdischem Empfinden und wahrhaft frommem Sinne hielt der Verblichene, getreu der Väter Sille, es als seine Pflicht, für Torah, Awodah und Gremiluth. cliassodim mit ganzer Kraft einznlrelen und trotz der großen Lasten, die ihm sein hochangesehenes und weitausgedehntes Geschäftshaus anflnd, hat er nach diesen drei Richtungen im Kultus- und Bethausvorstande, in der Armenaustalt und in vielen anderen gemeinnützigen und Humanitären Körperschaften und Bereinigungen Jahrzehnte hindllrch eifrig und arbeilsfreudig gewirkt und geschaffen. Mit besonderer Liebe und Hingebung widmete sich aber kaiserl. Rat Adolf Schramek dem Bethans-Vereine ^Am Bollert", den er durch seine zielbewußte Leitung und große persönliche Opfer von ganz bescheidenen Anfängen zu allgemeiner Anerkennung und Bedeutung führte und mit hohe, Freude erfüllte es ihn, als es ihm gelungen war, anläßlich des 80. Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers an Stelle des kleinen Vereinsbethanses den imposanten Kaiser Franz Jösef-Huldiguntzstempel zu erbauen und dessen Einweihung in Anwesenheit hoher Persönlichkeiten und der offiziellen Vertreter der Wiener Jndenschaft festlich zu begehen. Dieser Moment war die Krönung eines langjährigen, intensiven und aufopferungsvollen Strebens und Wirkens und die großen Verdienste, die sich der Verblichene hier erworben, werden ihm in den Annalen des Vereines ewige Erinnerung und Dankbarkeit sichern. Aber nicht nur auf dem begrenzten konfessionellen Gebiete, sondern auch für die große Allgemeinheit entfaltete kais. Rat Adolf Schramek eine vielseitige gemeinnützige Tätigkeit, und in letzter Zeit insbesondere als Kassier des Zweig-Vereines für das Rote Kreuz im zweiten Bezirke, wo er zur Gründung und Errichtung des Spitales unermüdlich und werktätig beitrug. So erwarb sich der Verblichene durch seinen lauteren Charakter und durch seine stete Hilfsbereitschaft überall Wertschätzung tlud Anerkennnng und allgemeine Teilnahme wendet sich seiner Familie, der tiefgebengten Gattin und den trauernden Kindern zn. die in dem erhebenden Bewußtsein Trost finden mögen, daß der Heimgegangene durch seinen inhaltsreichen nnd frommen Lebenswandel ein ehrendes Andenken znrückläßt. P'NL “IST Knllinenlwicklnng In Rußland. Bon Prof. Dr. Kahar», Znaim. Das jüdische Volk nennt R. Inda H a l e v i das Herz der Menschheit. Jede Störung, jede krankhafte Erscheinung in dem Organismus der Menschheit empfindet das jüdische Volk am schmerzlichsten. Das jüdische Volk ist der beste Gradmesser für die menschliche Kultur seit bald zweitausend Jahren. Und will man wissen, wieviel Gerechtigkeit, wieviel Menschlichkeit, wieviel sittlicher Ernst in der Seele irgend eines Volkes lebte, so braucht mau nur nach der Stellung zu fragen, die das jüdische Volk in seiner Mitte einnahm. Je tiefer die Kultur eines Volkes, desto traitriger stand es um die Juden in seiner Mitte. Je weiter die Kultur eines Landes fortschritt, desto besser gestaltete sich daselbst das Los der Inden. Und im allgemeinen schritten ja die Völker immer höher auf den Stufen der Kultur, nur Rußland, das große Gefängnis für 160 Millionen Menschen, macht da eine traurige Ausnahme. Dafür nur ein Beispiel. Lebte da in Kremeuitz. Wolhynien, ein jüdischer Gelehrter namens Isaak Beer Levinsvhn, 1788—1860. Dieser schrieb mehrere hebräische Werke, die sich durch außerordentliche Belesenheit und tiefe Gelehrsamkeit auszeichneten, darunter eines betitelt: binttra rmj?n (Eine Mahnung für Israel). Darin fordert er die Inden ans, nicht nur hebräisch sondern mindestens eine moderne Sprache (Russisch) gründlich zu erlernen, sowie allen Zweigen der Wissenschaft und auch dem Ackerbau sich zuznwenden. Für dieses hebräische Werk nun hat Zar Nikolaus I. mit Dekret vom 10. Januar 1829 dem Verfasser t a u send Rubel angewiesen, weil es „die sittliche Bildung des jüdischen Volkes zum Gegenstand hat"! Der damalige Gouverneur von Wolhynien, P. Awerin, richtete an den Verfasser folgenden, deutsch geschriebenen Brief: „Mein Herr! Auf Ihr Schreiben vom 2. d. benachrichtige ich Sie, daß der Befehl, Ihnen die Allerhöchst verliehenen lausend Rubel zu verabfolgen, heute von dem hiesigen Kameral-Hof an die Kreis-R. in Kszemenice abgegangen ist. Es würde mir angenehm sein, wenn Sie mir zu wissen geben würden, daß Ihre Gesundheit hergestellt ist, was ich wünsche, und daß Sie sich wieder beschäftigen können. In diesem Falle würde vielleicht die Regierung Ihnen einige Aufträge geben. Also geben Sie mir diese Kunde. In Erwartung derselben verbleibe ich mit Achtung Ihr ergebener Diener P. Awerin.