Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 34 (22.10.1915)
- Date
- 1915-10-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34. Die Wahrheit Seite 5. und die Bedrückung, welche unsere Glanbensbrüder erdulden mußten, Klage zu führen. Ich will Ihnen ans dieser Zeit eine kleine Episode erzählen. Es war einmal in einer wichtigen Angelegenheit, daß wir beide bei einer hochgestellten, entscheidenden Persönlichkeit vorsprachen und dort Hilfe suchten, ihn Katen, ein Machtwort zu sprechen. Von der betreffenden Persönlichkeit wurden wir sehr freundlich empfangen, aber an einen anderen gewiesen. Voll Entrüstung erhob sich da mein Freund Doktor Kohn und erklärte: „Dann hätten wir hier nichts mehr zu suchen!" Und wir gingen fort. Seither hat sich der Verstorbene in der Vertretung der Rechte unserer Glanbensbrüder nicht nur mir angeschlossen, sondern selbständig in vielen Fällen, häufig auch mit Erfolg, interveniert. Und wenn heute der Eine und der Andere, der zn Amt und Stellung gelangt ist, sagt: „Meine Kraft, meine Verdienste allein haben mir das verschafft", so mag es mit der „Kraft und den Verdiensten" seine volle Richtigkeit haben, dennoch hätte derselbe ohne Opfer an seinem Charakter sein Ziel nicht erreicht, wenn eben nicht der dahingeschiedene Vizepräsident der Kultnsgemeinde für ihn eingetreten nnd wirkungsvoll interveniert hätte. Meine Herren! Man weiß es nicht, man kann es nicht genug schildern, wie und in welcher Weise sich unser dahiugeschiedener Freund aller Agenden angenommen hat. Und wenn eine Arbeitsteilung stattgesnnden hatte, so war das Allgemeine meine Sache, das Persönliche, das viel Mühevollere und viel mehr Arbeit Verursachende, die Seinige. Das allein würde ihm den unaussprechlichen Dank, das andauernde Gedächtnis unser aller in-uns sichern. Aber, wir wissen ja alle, daß das nicht alles war. Die Schulangelegenheiten, die Schule war, man könnte fast sagen, seine ausschließliche Domäne im Vorstande. Diese Angelegenheit ist eine gar mühevolle und arbeitsvolle und es gab mancherlei Kümpfe gegenüber den Behörden und Kämpfe gegenüber den eigenen Glattbensgenossen, von welchen die einen der Meinung waren, daß in der Schule zu wenig, nnd die anderen — eine nicht geringe Anzahl — der Ansicht waren, daß Religion überhaupt nicht Sache der Schule, sondern Sache des Gewissens, des Hauses, der Familie, der Erziehung sei, und niemals in der Schule auch nur annähernd snppliert werden könne. Der Gottesdienst, mit dessen Einrichtungen er sich auch als Obmann des Bethausvorstandes zu befassen hatte, nahm einen Teil seiner Zeit in Anspruch und er schrieb mir in einem dieser letzten Briefe, wie sich der Gottesdienst an den Jomim nauroim abwickelte nnd wie es gelungen sei, für die vielen Tausende der Wiener jüdischen Bevölkerung, der Flüchtlinge, Soldaten nsw., Gelegenheit, Raum nnd Ordnung für gottesdienstliche Veranstaltungen zu schaffen. Und so gab es keine Angelegenheit, keine Sache, welche die Gemeinde beschäftigte, der keine vorherige Beratung zwischen mir und dem Dahingeschiedenen zugrunde lag. Entweder wir sprachen darüber oder wir kannten die Denknngsweise des anderen über die Sache. Und ich glaube wohl, sagen zu dürfen, daß in diesen vollen sechsundzwanzig Jahren, in welchen wir zusammengingen — er selbst war schon mehrere Jahre vorher Mitglied des Vorstandes — kaum je eine wesentliche Dissetlz zwischen unseren Anschauungen sich geltend gemacht hat, nicht etwa, daß eine solche Dissenz nicht bestanden hätte; es bestanden wohl Meinungsverschiedenheiten, aber ein Ausgleich war immer erfolgt, bevor die Sache vor das Vertreterkollegium, bevor sie zur Entscheidrutg vor das Plenum gebracht wurde. Ich habe bereits vorher darüber gesprochen, wie sehr der Verstorbene dem Gedanken zugänglich war, daß der Kultusvorstand auch nach außenhin, auch in anderen, nichtreligiösen Angelegenheiten unserer Glanbensbrüder, dort wo sie zu leiden haben, hilfreich zur Seite zu stehen, sie zu vertreten, berufen ist. Da war es nun eine Schöpfung, welche wir Beide initiierten, initiieren wollten. Die Schöpfung einer Gesamtvertretttug der österreichischen.Judenschaft, welche selbst schon von Seiten der Regierung, vom Parlamente gleich bei der Beratung der Gesetze betreffend Berfassuug der Kultusgemeinden im.Jahre 1890 ins Auge gefaßt worden ist. Er hat sich nach dieser Richtung die unglaublichste Mühe gegeben. Vereint haben tvir alles getan, was möglich war, um eine Gesamtvertretung der österreichischen Jndenschaft, die wir brauchten und die wir unter den derzeitigen Verhältnissen noch viel nötiger hätten, als bisher, zustande zu bringen. Wenn dies nicht gelungen ist, oder wenigstens bisher nicht gelungen ist, so liegen da Hindernisse vor, über welche ich heute hier auszusprechen mich nicht veranlaßt finde. Aber das Eine möchte ich sagen, von Seite unserer Staatsverwaltung, von der Regierung haben und hätten wir in alledem das größte Entgegenkommen gefunden, wie wir es wahrscheinlich auch heute noch finden würden. Ich kann nicht in alle Einzelheiten eingehen, welche im Laufe von mehr als einem Bierleljahrhundert unsere Gemeinde, unsere Jndenschaft beschäftigen. Tatsache ist. daß ans dem patriarchalischen Regime, welches vor 25 Jahren hier herrschte und das gewiß seine Berechtigung, seine Vorteile hat für eine kleine Gemeinde, heule eine große, geordnete und tüchtige Verwaltung geworden ist. Ein großes Verdienst hieran gebührt dem Verstorbenen. Und so könnte ich stunden- und tagelang fortsetzen, stunden- und tagelang aus meinen Erinnerungen schöpfen, um Ihnen darznstellen, was dieser ausgezeichnete, vortreffliche Mann geleistet yat, wie er unermüdlich tätig war. An der Bahre ist uns ein herrliches, meisterhaftes Charakterbild durch unseren ehrwürdigen Herrn Oberrabbiner vorgeführt worden. So lebendig, so anschaulich wurde uns dargestellt, wie er die Pflichteit des Famllienvaters und die Pflichten des öffentlichen Amtes in eurer Weise zn vereinen ivußte, wie man es nicht leicht wieder finden mag. Mir war er ein lieber, guter, herzlich zugetaner Freund. Wir haben immer das Verständnis zueinander gefunden. Er war mir nnd ich war ihm in herzlicher Liebe zugetan. Sein Andenken sei gesegnet!" Nach Verlesung der eingelangten, überaus zahlreichen Kondolenzen von Behörden, Knltusgemeinden, Korporaliotlen, Vereinen und Persönlichkeiten wurde die Sitzltng zum Zeichen der Trauer geschloffen. * * * Statthalter ei - Vizepräsident Heinrich Ritter von Wagner hat folgendes Kondolenzschreiben an den Präsidenten der Kultusgemeinde gerichtet: ..Meine derzeitige ganz außerordentliche intensive dienstliche Inanspruchnahme trägt Schuld daran, daß ich erst heute dazukomme meine wärmste Anteilnahme an dem Verluste zum Ausdrucke zu bringen, den Sie, verehrtester Herr Präsident, durch den so rasch eingetretenen Tod Ihres Stellvertreters des Herrn Dr. Kohn erleiden. Gestatten Sie mir hiemit die Versicherung zu verbinden, daß ich dem Verewigten, mit dem ich fünf Lustra hindurch, und zwar in nicht ausschließlich amtlichen Verkehre gestanden bin und dessen echt österreichische Gesinnung und stete Hilfsbereitschaft für Andere, ich besonders geschätzt habe, ein ehrendes Angedenken bewahren werde." Weitere Kondolenzen sind eingelangt: Repräsentanz der Landesjudenschafl des Königreiches Böhmen, Prag; Kultusgemeinden Holleschan, Karolinenthal; Rabbinat nnd Matrikenführung in Zizkow; Knltusgemeinden Tachau, Friedek-Mistek, Pohrlitz; Seelsorge für Süd-Tirol (Rabbiner Dr. Altmann); Kultusgemeinden Boskowitz. Tabor, Proßnitz, Innsbruck, Pilsen, Agram; Baronin Hirsch-Wohltätigkeitsstiftung. Stadtbandireklor Ing. Goldemund, Dr. Sandor Lederer, Budapest, Wechselstube Leopold Langer, Dr. Alfons Thorsch, Julie Zeruer, Rabbiner Moriz Flesch, Adolf Feigl, Prag, Oberrabbiuer Dr. Margulies, Drohobycz, Oberkantor Leo Koruitzer, Hamburg, A. H. Zupnik, Herausgeber der Drohobyezer- Zeitung, Arnold Weishut, Rabbiner Dr. Schwenger, Lnndenbnrg, Kommerzialrat Emil Czeczowiezka, Bezirkskommission XU—XY, Bethausvorstand XII—XY, Humanitärer Verein