Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 34 (22.10.1915)
- Date
- 1915-10-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 34. Den» die jüdische Sprache, die von fast 7 Millionen Juden gesprochen wird, ist ein deutscher Volksdialekt, der sich bis heute von unserem Hochdeutsch noch nicht so sehr entfernt hat, daß wir ihn nicht verstehen könnten. So kommt es, daß der östliche Jude, der an der Grenze der germanischen und slawischen Welt lebt, bis heute der Vermittler der germanischen Kultur geblieben ist. Allerdings ein Vermittler, der von keiner der beiden Parteien — weder von den Slawen noch von den Deutschen — nach Gebühr geachtet und geichätzt wird. Ganz besonders, wie bekannt, verfolgen ihn die Russen, die im Interesse ihrer Politik der Russifizierung die Juden in jeder Weise unterdrückten und ihnen bis heute noch kein Recht auf Freizügigkeit und Schulunterricht zugestanden haben. Der berüchtigte Staatsmann Pobieudonoszeff hat den Zweck dieser barbarischen Politik offen zugegeben. Er sagte wörtlich: „Infolge unserer Judenpolitik wird ein Drittel der russischen Juden auswandern müssen, ein Drittel wird physisch zu Grunde gehen und ein Drittel wird sich taufen lassen." Wir sehen heute, daß diese Politik völlig Schiffbruch gelitten hat. Und auch der furchtbare Krieg, der durch das Schlagwort des Panslavismus alle Fremdvölker im Russischen Reich einigen sollte. — da das Slawentum allen unter Rußland lebenden Völkern die Freiheit bringen wollte — vermochte nicht, die unterdrückten Nationen, und am allerweuigsten die Juden, mit den Russen zu einem einheitlichen Ganzen zu verschmelzen. Man wußte überall, was russische Versprechungen zu bedeuten hatte», zumal nachdem die deutschen Waffen die Pläne der Panslawisten zu Schanden gemacht hatten. Heute nun, nachdem zu hoffen ist, daß die eroberten östlichen Gebiete mindestens zu einem großen Teil nicht mehr an Rußland zurückfalleu werden, sind die Augen der unterdrückten Juden auf die Zentralmächte gerichtet. In deren Händen liegt ihr zukünftiges Schicksal. Die Zentralmächte sollten daher dahinstreben, daß das neu zu schaffende politische Gebilde sich nicht nach Petersburg orientiert, sondern im Gegenteil zum Deich gegen den Panslavismus wird. Dazu bedürfen aber die Zentralmächte als Gegengewicht gegen die russophilen Strömungen in Pölert und Litauen einer zuverlässigen Stütze. Und diese Stütze können sie in den Inden- Massen jener eroberten Provinzen finden. — die nicht russifiziert und nur zu einem geringen Prozentsatz polonisiert, — ihre. Zugehörigkeit zur deutschen Kulturwelt nie verleugnet haben. Um diese östlichen Inden zn gewinnen, ist es nötig, daß sie Vertrauen zu dem neuen Regiment bekommen und begreifen, daß ihnen in kultureller, religiöser und wirtschaftlicher Beziehung alle Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet werden. Dazu bedarf es aber eines ausgiebigen Schutzes der jüdischen Selbstständigkeit gegenüber dem AssimilationSzroang der Polen. Der in den letzten Jahren von ihnen durchgeführte wirtschaftliche Boykott ist ein Beweis für die dort herrschenden liefen Gegensätze. Die Gefahr, daß die Polen in ähnlicher Weise die Juden zu polonisieren versuchen, wie vordem die Russen sie russisizieren wollten, ist unleugbar vorhanden. Mit einer Emanzipation und Gleichberechtigung der Juden nur in individueller Beziehung würde nicht genug geschehen. Um die Inden vor den Polonisierungsversuchen zu schützen, müssen ihnen in politischer Beziehung die Rechte einer nationalen Minderheit gewährt werden. Nur wenn dies erfolgt, können sie ihren Aufgaben, sich selbst und Deutschland gegenüber gerecht werden. Trauerknndtzebnng für Dr. Gustav Koh». Am 17. Oktober, 11 Uhr vormittags, fand in öffentlicher Plenarsitzung des Kultnsvorstandes im Sitzungssaale der israelitischen Kultus gemeinde eine Trauerkundgebung für den am 8. d. M. verblichenen Ersten Vizepräsidenten Landesschulrat Dr. Gustav Kohn statt. An derselben nahmen die Familie des Verstorbenen, sämtliche Vorstandsmitglieder, Rabbiner und Beamte der Kultnsgemeinde, die Mitglieder der Bethausvorstände, der Bezirkskommissionen, Vertreter zahlreicher Vereine, sowie viele angesehene Gemeindemitglieder teil. Der Präsident Herr Dr. Alfred Stern würdigte die großen Verdienste, die sich der Verewigte um die Gemeinde, sowie um die gesamte Judenschaft erworben hat, in folgender Trauerrede: „Zu einer öffentlichen Sitzung des Borstan dessind Sie, meine Herren, heute eingeladen worden, zu einer öffentlichen Sitzung, in welcher wir eine Trauerknndgebnng veranstalten für den besten, edelsten, hochverdientesten Mann, der je an meiner Seite in diesem Saale Platz genommen hat. Als ich am Sarge des Verewigten das Wort sprach: „Er war der Kultnsgemeinde alles", so lag in diesem Worte keine Ueberschweuglichkeit des Gefühles, wie sie bei solchen Anlässen ganz natürlich ist, es lag darin die volle Wahrheit, das volle Bekenntnis dessen, was der Verstorbene für uns, für die Gemeinde, und ich möchte sagen, für die gesamte österreichische Judenschaft war. Und so möchte ich heute diese an der Bahre gesprochenen Worte rechtfertigen und möchte sagen, daß wir uns heute nicht zn einer Totenklage hier versammelten, sondern zur Anhörung eines Rechenschaftsberichtes, zur Anhörung dessen, was der Verstorbene geleistet hat in seinem segensreichen Wirken. Es sind sechsundzwanzig Jahre her, daß ich zum erstenmale in diesem Saale als Mitglied des Kultnsvorstandes erschien, inmitten von zwanzig Kollegen — es war die Zahl der damaligen Vorstandsmitglieder — und von den zwanzig Herren, die damals hier fungierten, waren bis vor kurzem nur noch zwei und heute ist nur noch einer — ich — am Leben. Dr. Gustav Kohu und ich waren von jenen zwanzig Mitgliedern des Vorstandes die letzten Ueberlevenden. Und da ist es denn begreiflich, daß ich, nachdem wir sechsundzwanzig Jahre hindurch gemeinsam wirkten und sonach Zeuge alles dessen war, was in dieser Zeit geleistet wurde, wohl am ehesten, weil aus eigenem Wahrnehmen berufen bin, über das Wirken dieses Mannes Rechenschaft zn geben. Wenn ich dabei auch nicht umhin werde können, manches vor mir und über mich zn sprechen, so wollen Sie das dem Umstande zugute schreiben, daß unser Wirken ein gemeinsames war. Als ein Zeugnis dessen liegen hier vor mir zwei Briefe des Verstorbenen, noch wenige Tage vor seinem Tode geschrieben, in welchen er mir Bericht erstattete über verschiedene Angelegenheiten der Gemeinde itnd worin er mir seinen baldigen Besuch zur Beratung wichtiger Gemeindeangelegenheiteu in Altssicht stellte. Damals — vor sechsundzwanzig Jahren — galt es als unerschütterliche Regel, daß der Knltnsvorstand, sich strenge an seinen statutarischen Wirkungskreis haltend, sich ausschließlich mit den Angelegenheiten des Kultus, des Unterrichtes und der Pflege der Ritualien zn beschäftigen habe und daß er nicht berechtigt ist. die Gemeinde, die Judenschaft. auch in politischen Angelegenheiten auch nach anßenhin zu vertreten. Ich habe damals, als ich in den Knltnsvorstand eintrat und schon vorher, angeregt, daß der Vorstand, als die einzige öffentliche, autoritäre Repräsentanz der Judeuschaft sich auch mit jenen Angelegenheiten beschäftigen müsse, welche mehr oder weniger in das politische Gebiet übergreifen. Es war die antisemitische Bewegung, die schon damals mächtig einherbrauste und unter welcher die Juden viel zu leiden hatten und auch noch heute leiden. Ich wußte, daß ich mit dieser Anregung niemals Erfolg haben köilnte, wenn ich im Kreise der Vorstandskollegen keine Stütze fände. Und da war es der Dahingeschiedene, der sich meine Anschauung bezüglich der Geltendmachung unserer Rechte nach außen hin, anschloß. Der Erfolg war der, daß wenige Wochen später das Vertreterkolleginm und Plenum den Beschluß faßte, daß das Präsidium deputativ vor den Ministern erscheinen möge, um über die öffentlichen Zustände