Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 34 (22.10.1915)
- Date
- 1915-10-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: Wien, II., Novaragasse 27 Telephon: Unabhängige Aeitfchrift für jüdische Bezugspreis: Ganzjährig.K 15.— Halbjährig.K 7.50 Administration Aul. 47.6541 - i — K. k. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. 100.918. Interessen. Für Kultusbeainte: Ganzjährig.K 10.— Inserate: — Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Areitng. Für Ausland: Abonnemenisnnd JnserlionS- Ganzjährig.8 Mark betröge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ t> Rubel oder 16 FrcS. Kr. 84. Wie», 22. Oktober HM5 Inhalt: Zeichnet die dritte Kriesgsanleihe. — Die osteuropäische Judenfrage und der Krieg. — Trauerknndgebnug für Dr. Gustav Kohu. — Dr. Gustav Kohu. — Erinnerung an Rabbiner Abr. Schmidt und Rabbiner I. I. Unger. — Die Hilfsaktion der notleidenden Inden in Galizien. — Die galizischen Kriegsflüchtlinge im Egerer Bezirke. — Internationale Bereinigung israelitischer Kantoren. — Verschiedene Nachrichten. Zeichnet die dritte Kriegsanleihe! Aufruf an die Mitglieder der Wiener israelitischen Knltusgemeinde von Oberrabbiner Dr. M. Güde in a n n. Das Vaterland bedarf der zur siegreichen Durchführung des Weltkrieges erforderlichen Geldmittel. Es richtet deshalb an alle Staatsbürger die Aufforderung: „Zeichnet die Kriegsanleihe!" Von allen Kanzeln herab ertönt der Appell: „Zeichnet die Kriegsanleihe!" Auch die Rabbiner unserer Kultusgemeinde werden von den Kanzeln ihren Zuhörern aus Herz legen, daß es ihre heilige Pflicht ist, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Da ich wegen meines Alters den regelmäßigen Dienst auf der Kanzel des Gotteshauses nicht mehr versehe, so habe ich mir vorgenommen, von den Kanzeln der öffentlichen Blätter, von denen der Schall weiter dringt, als von jenen, den eindringlichen Ruf zu verlautbaren: „M i t g l i e d e r der israelitischen K u l t u s g e m e i n d e! Zeichnet die dritte Kriegsanleihe!" Vielleicht übt mein Alter, das sonst die Stimme abschwächt, diesmal die entgegengesetzte Wirkung und verstärkt meinen Aufruf, da ich nicht bloß euch, das gegenwärtige Geschlecht, als treue Patrioten kenne, sondern auch Eure Väter und Großväter als opferwillige Söhne des Vaterlandes gekannt habe und also auch in ihrem Namen die eindringliche Mahnung an Euch richten darf! „Zeichnet die dritte Kriegsanleihe! Ihr erfüllt damit zugleich eine Pflicht gegen unsere Religion, die uns guffordert, für das Vaterland die größten Opfer zu bringen. -Ihr erfüllt aber auch eine Pflicht gegen unsere Ehre. Unsere Ehre ist unsere Geschichte. Wir gehören einem Volke an, das älter ist, als irgend ein Volk der Gegenwart, einem Volke, das die Gotteserkenntnis in die Menschheit eingepflanzt, trotzdem aber mehr gelitten, mehr Opfer gebracht hat, als irgend ein Volk der Gegenwart. Beweisen wir neuerdings die alte Opferfähigkeit und Opferfrendigkeit und zeichnen wir für unser Vaterland die dr»ue Kriegsanleihe, das einzige Opfer unter allen, die wir während unserer langen Geschichte gebracht haben, das sich reichlich verzinst. Der Weltkrieg, der so viele Tränen verursacht Hai, wird auch viele Tränen lrocknen. Unseren Brüdern, die „im Hause der Sklaverei" geseuszt haben, winkt die Erlösung, winkt die Freiheit. Helfet zu ihrer Verwirklichung und zeichnet die dritte Kriegsanleihe! Einer unserer alten Lehrer üvergad einem anderen eine große Summe mit dem Aufträge, ihm dafür ein Landgut zu kaufe». Dieser verteilte das Geld unter die Armen. Befragt, rechtfertigte er sein Verfahren mit der Antwort: diese Anlage sei das schönste Landgut. In ähnlichem Sinne habt Ihr jetzt Gelegenheit, zu einer heilbringenden, segensreichen Anlage Eures Geldes: „Zeichnet die dritte Kriegsanleihe"! Wir Juden beten an jedem Morgen den huildertsten Psalm, der den Namen des Dankpsalms trägt. Danken kommt von Denken. Denket daran, was Ihr dem Baterlande schuldet, daß es Euch aus der Nacht zum Licht erhoben, daß es Euch zu freien Menschen gemacht und Euch allen Staatsbürgern gleichgestellt hat. Das Vaterland bat seine Schuldigkeit getan, tut Ihr die Eurige, beweiset ihm Eueren Dank und zeichnet die dritte Kriegsanleihe!" * . * Aus meinem vollen Herzeit schließe ich mich diesem Aufrufe uuseres ehrwürdigen Oberrabbiners Herrn Doktor Güdemann an. Der Präsideur der israel. Kulrusgeinentde Wien Dr. Alfred Ster n. Die osteuropäische Indeufra-e und der Krieg. Dr. S. M. Melamed, der durch seine Tätigkeit als deutschfreundlicher Schriftsteller in England und besonders in Amerika in weiten Kreisen bekannt ist, hat in einem sehr bemerkenswerten Aufsatz „Die osteuropäische Judeufrage und der Krieg", in der „New-Iorker Staatszeitung" vom 18. Juli 1915 eine Darstellung des Schicksals der östlicheit Inden und ihrer gegenwärtigen Stellung und Zukunft gegeben. Er weist darin vor allem auf jene Tatsache, die hier immer noch nicht genügend gewürdigt ist, hin. daß nämlich die Juden Osteuropas, die vor 500 Jahren unfreiwilligerweise nach dem Osten gezogen sind, trotz des von den Slawen auf sie ausgeübten Druckes in dieser langen Zeit ihr deutsches Sprachtum und ihren deutschen Kulturbesitz bewahrt haben.