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Die Wahrheit · 1915-10-01 · Heft 32 (1.10.1915) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 32 (1.10.1915)
Date
1915-10-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 32.__ Die Wahrheit.__Seite 7. russische Anleihen verschmäht: könnte man sie nicht dem Juden Rothschild annehmbar machen? . Wir wissen nicht—so schreibt die *93. Z. a. M." — was Lord Rothschild von den Zugeständnissen der russischen Regierung hält. Am Ende könnte er der Meinung sein, daß die neue „Freizügigkeit" der russischen Juden nur darin besteht, daß man sie aus ihren hauptsächlichsten alten Wohnsitzen -(im . Westen) vertrieben hat und gegenwärtig (in Kiew) noch vertreibt. Und wenn man Tausenden und Abertausende» von deutschen Kolonisten Befehl gegeben hat, zu ziehen, und so einen plötzlichen Massenverkanf von Gütern erzwungen hat, so mußte jnau woffl, um nicht einen Sturz der Güterpreise herbeizuführen, auch Juden als Käufer zulasten. Die russische Regierung verspricht .und verpfändet das Blaue vom Himmel chernnter, und man mag ihr, wie jedem Verzweifelnden, glauben, daß sie's in diesem Augenblick ernst meint. Das Geschäft, das der Chef des Kaiserhauses Romanow dem Chef des Bankhauses Rothschild antragen läßt, ist nicht „gesund". Von einem Staat, dem man nicht unbedeckten Kredit geben will, verlangt man ein Pfand. Es ließe sich also z. B. denken, daß Rußland irgendwelche Zolleinnahmen verpfändet, oder es könnte sich einer gewissen Finanzkontrolle unterwerfen. Aber der Vorschlag, gewissermaßen die russischen Juden zu „verwerten", taugt nichts: weil das Pfand daber in den Händen des Schuldners bleiben würde, statt zur Verfügung des Gläubigers zu stellen. Man rühmt den Juden emen besonders entwickelten Geichästssinn nach. So könnte man von Lord Rothschild lagen: Er wird zu sehr Jude sein, um so sehr Jude zu sein, daß er gutes Geld für diese schlechten Versprechungen wagen würde. Eine Anleihe gegen Jndenrechte gewähren, hieße nicht, diese Rechte sichern, sondern vielmehr die russischen Inden . zu einem nie versagenden Ansbentnngsobjekt der russischen Regierung machen: Die Drohung, die für die erste Anleihe gemachien Zugeständnisse znrnckznnehmen oder einzuschränken, würde eine zweite Anleihe erpressen, und so fort. Herr Bark wird, aller Wahrscheinlichkeit nach, wenn er 'Lord Rothschild feinen Besuch abstattet, nicht den Juden, sondern bloß den Bankherrn zu Hanse finden. Und der wird „schlecht zu sprechen" sein. Das Hans Romanow ist noch immer eines der größteii, aber es hat nie als ganz solid gegolten, und nach den großen Verlusten, die es in der letzten Zeit erlitten hat, ist das Vertrauen vollends erschüttert. Die Ostjnde» in Drag. Von Max Brod. I. Mit den Sehenswürdigkeiten und Eigentümlichkeiten einer Stadt geht es wie mit den Badeorten. Die vornehmen berühmten Reiseziele enttäuschen oft. Kehrt aber einer von feiner Sommerreise heim und hat die Zeit in einem von ihm „entdeckten", noch nicht mondänen, stille» Winkel verbracht, dann spricht aus seiner Begeisterung meist auch ein echtes Erleben und Dankbarkeitsgefühl. — Genau so geht es auch daheim. Die offiziellen Veranstaltungen, bieten meist nur das, was sie versprechen, und oft nicht einmal das. Dringt man aber einmal tiefer ein. gibt man sich die Mühe, einem versteckten, sozusagen reklämelosen Dasein ans die Spur zu kommen : so kann es geschehen, daß man aus unerwartete .Freuden stößt und von geheimer Schönheit, Echtheit ergriffen wird. Man glaube nicht, die Ostjuden zu kennen, weil man so viel in den Gassen des Zentrums herumgehen sieht. (Nebenbei bemerkt: Unbeschäftigte Menschen ziehen sich immer gegen das Zentrum der Stadt hin. Es scheint ein Naturgesetz zu sein. So ist es auf den Pariser Boulevards, so in Berlin. Was sollen die polnischen Inden, so weit sie nichts zu tun haben, anderes machen! Man tut Unrecht, ihnen das zu verübeln, was in ihrer Lage das Natürlichste ist.) — Immerhin: auf der Gasse wird man nicht kennen lernen. Man muß sie schon zn sich einladen oder ihnen als Gast in ihre Konventikel folgen. Eine versteckte Eigentümlichkeit des heutigen Prag sind sie, obwohl sie scheinbar überall an der Oberstäche zu sehen sind. Wie. vieles, wie vielerlei habe ich schon unter ihnen erlebt! Wie viel Belehrung, wie viel Eindrücke schrecklichster nnd freundlichster Art habe ich ihnen zu verdanken. Unaufdrillglich, oft allzu demütig umgibt einen der uralte Knstnrkreis dieser Leute. Und oft ist es gerade nur etwas Angelerntes, Äeußerliches, Fremdes, was sie mit hysterischer Nervosität vorführen, so daß der Ruf der Aufdringlichkeit sich ihnen anheftet. Das Große und Wahrhafte ihrer Ueberlieserung drängen sie niemandem auf, allzu lief und heilig sitzt es in ihren Herzen. Sucht mau gerade diesen innersten Kern ans, so wird man nur langsam vor wärtskommen. Dann aber steht man bezaubert in einer geisterhaft milden, zarten und dabei wie kraftvollen Tempelwelt. II. Beginnen wir bei den Kleinsten! Eine stille Gasse in Karolinenthal, in die nur inanchmal ein vorbeisansender Eisenbahnzng vom Abhang des Zizkaberges sekundenweise seinen Lärm herabbläst. Ein unscheinbares Allerwellshaus. Hier gibt es aber eine seltsame Mietpartei: den der „Klub jüdischer Franeli nnd Mädchen" unter werktätiger Mitwirkung der vornehmsten Prager Gesellschaftskreise eingerichtet hat. Käme eine der Damen, die so großherzig, Geldmittel mit) Materialien zn Verfügung stellen, auch einmal in eigener Person nnd schaute sich ihr himmlisches Werk an. wie es von einigen tüchtigen Mädchen, Pragerinnen nnd Ostjüdinnen, freildig. hingebungsvoll, ja mit mütterlicher Lust, verwaltet wird: ich glaube, die wohltätige Dame würde manches reglernentsmäßige Vergnügen opfern, um diesen schönen Besuch nur recht oft wiederholen zn können. Man glaubt in eine lebendig gewordene Puppenstube einzntreten. Miniatnrsesselchen stehen um Minialurlischchen. Und nur die Kakaotöpfchen auf den Tischchen haben erfreulicherweise die natürliche Größe. Das ist aber auch sehr nötig, denn die kleinen Gäste, die hier beinahe den ganzen Tag znbringen, entwickeln einen gesegneten Appetit. — Erstaunlich ist die Selbständigkeit nnd Reife der Kinder, die doch noch tief unter dem schnlpstichtigen Alter sind. Man erzählt mir, daß einzelne Dreijährige auf ihrem Schulweg ganz allein, unbegleitet halb Prag zn durchqueren haben nnd sich nie dabei verirren, stets pünktlich ankommen. Auch wissen sie sehr genau die Gebäude anzngeben, nach denen sie sich bei ihrem Marsch richten. — Ist es nicht, als ob die Natur den kleinen Bübchen und Mädekchen, ans die ja ein außergewöhnlich harter Lebenskampf lauert, von vornherein besondere Kräfte der Energie und des Scharfsinns mitgegeben hätte? Manches Rätsel der östlichen Volksseele löst sich, wenn man es schon an der kindlichen Seele zu studieren beginnt. Doch hier im Kinderhof gibt es keinen Kamps, nur Fröhlichkeit und Spiel. Wie wohl fühlen sich die kleinen Menschlein, wie liebevoll hängen sie an den guten Lehrerinnen. Ungeniert sagen sie (denn es ist ein kleines Schulfest, zu dem ich gekommen bin) ihre Sprüchlein ans, im Chor klingt kräftig das „Gott erhalle". Auch eine kleine Primadonna von zwei Jahren gibt es hier, die ihr Solo vorträgt: „Kommt ein Vogerl geflogen". Vor einigen Monaten sprachen die Kinder kein Wort deutsch, sie haben es überraschend schnell erlernt. Und außerdem singen sie auch in hebräischer und jüdischer Sprache mit jenem Elan, der nur das Verständnis der Sprachen gibt. Wahrlich, diese drei- oder gar vierfprachigen Kinderköpflein verdienen schon einige Bewilndernng. Endlich bleibt ein kleines Müderl im Aussagen stecken. Es wäre ja auch beinahe zu gut, unwahrscheinlich gm gegangen. Es wird gelernt, es wird Gartenarbeit getrieben, es wird gespielt. Es wird auch gewaschen, gekämmt und fleißig gebadet. Eine mächtrge, funkelnagelneue Badewanne vermittelt die Segnungen der westlichen Kultur. Charakteristisch ist das Benehmen der Eltern. Die meisten sind verständnisvoll, innig dankbar. — Kam da aber auch einmal eine Mutter nnd fragte, was ihr dreijähriges Söhnchen eigentlich lernen werde. „Nnn er wird spielen

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