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Die Wahrheit · 1915-10-01 · Heft 32 (1.10.1915) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 32 (1.10.1915)
Date
1915-10-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit ■Dir. 32. schritt, umso mehr griff der Boykott um sich und hätte, wenn nicht derKrieg dazwischengekomenwäre, zum ökonomischen Ruin aller polnischen Juden fuhren müssen. Der Krieg brachte zunächst keinerlei Aenderung in dieser russophileu und antisemitischen polnischen Politik. Die Führer der Narodowa Demokralja benutzten den Kriegszustand als ein Mittel, den Bernichtungskanips gegen die Juden noch rücksichtsloser sortzusetzen. Zunächst setzte in ganz Polen die systematische Denunziation gegen die Juden ein, die man des Verrats und der Spionage beschuldigte; die Politik halte denn auch furchtbare Erfolge: Hunderte unschuldiger Juden wurden gehängt- Tausende andere über Nacht aus ihren Wohnstätten verjagt. Wie unmenschlich und grausam diese Denunzlationspolilik durchgeführt wurde, ist aus vielen Berichten in der deutschen Presse bekannt. Die stammenden Proteste Georg Brandes gegen diese Politik haben gezeigt, wie diese Methode des Kampfes gegen die Inden selbst auf überzeugte Polenfreunde wirken mußte. So rvar in den letzten Jahren die Lage der polnischeu Juden unhaltbar geworden: ihre Existenzbedingungen wurden von Tag zu Tag schwerer und unerträglicher, und vollends das letzte Kriegsjahr brachte ihnen ein Martyrium, das au die schlimmsten Zeiten mittelalterlicher Verfolgungen erinnert. All dies hat nun mit der Besetzung Polens durch die deutsch-österreichisch-ungarischeu Truppen sein Ende gefunden. Die Führer der anlisemnischen Bewegung, die zugleich die Verfechter der antideutschen rusiophilen Politik waren, die in den. letzten Jahren unaufhörlich gegen Deutschland geschürt und frohlockend die Vernichtung der Germanen im kommenden Weltkriege prophezeit hatten, die Dmowski und Genossen, sind mit der russischen Armee aus Warschau geflohen und werden wohl für immer in Petersburg uud Moskau ihr Heil suchen müssen. Mit dem Einzug der deutschen Truppen, die von den polnischen Juden als Netter aus unerträglicher Not begrüßt wurden, hat eine neue Aera für Polen begonnen. Noch ist nicht zu sagen, wie die neue Zukunft Polens sich im eiuzelueu gestalten wird. Aber die polnisch-jüdische Frage muß gleich vom Anbeginn der Erörterung des polnischeu Problems gebührend berücksichtigt werden. Abgesehen von allen Gründen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, die dies fordern, ist eine Sicherstellung der jüdischen Rechte ein Gebot .der deutschen Interessen. Polen wird in Zukunft eine neue Mission erhalten, eine Mission, die es in früheren Zeiten bereits ausgeübt, Bollwerk und Mauer Mitteleuropas gegen Rußland zu sein. Dieser Gedanke wurde sofort nach dem Falle Warschaus von der gesamten deutschen und österreichischungarischen Presse einhellig verkündet und darf als ein von allen anerkanntes heiliges, historisch berechtigtes Kriegsziel betrachtet werden. An der Erfüllung dieser Mission aber müssen und werden die polnischen Juden hervorragenden Anteil nehmen. Von Deutschland aus m das Land eingewandert, durch ihre jüdisch-deutsche Sprache und Literatur der deutschen Kultur schon ohnehin innig verbunden, infolge der furchtbaren Verfolgungen natürliche Feinde der russischen Regierung, sind sie prädisponiert dazu, auf der Wacht gegen Rußland die treuesten uud zuverlässigsten Wächter zu sein. Die Geschichte der polnisch» Juden hat gezeigt, welche Bedeutung ihnen für die wirtschaftliche Entwicklung Polens zukommr; sollen sie sich erst in Zukunft frei und ungehindert entwickeln können, so werden sie das Land einem ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwünge enrgegenführen. Daß aber das feindselige Verhältnis zwischen Polen und Inden durchaus künstlich entstanden und durch keinerlei natürliche Bedingtingen gerechtfertigt ist, ist jedem Kenner der Verhältnisse klar. Zwei Ursachen bestimmteil in erster Reihe die antisemitische Richtung der polnischen Politik: vor allem ihre russophile Orientierung, die sie nach der Aussöhnung mit dem Zarismus auch seine antisemitlschen Methoden übernehmen ließ und sodann die ungesunden Verhältnisse infolge der rnssischen Reaktion, die eine normale, possitive nationale Arbeit erschweren und der nationalen Politik so die rein negative Tendenz des Kampfes gegen die Juden verlieh. Beide Ursachen sind nunmehr beseitigt. Die russophile Politik der Narotw Demokratja hat kläglich fehlgeschlagen und die Mehrheit des polnischen Volkes erkennt bereits, daß ihr die Befreiung nur von den Zentralmächten kommen kann. Damit aber ist auch die Zeit gekommen, daß die antisemitische Tendenz der polnischen Politik ein für allemal ansgegeben wird und die Polen einsehen, daß es auch nur in ihrem Interesse liegt, zu ihren jüdischen Mitbürgern in ein normales, gesundes und gerechtes Verhältnis zu kommen. Denn es braucht nicht erst bewiesen zu werden, wie sehr ein solch künstlich verhetzter Natioualilätenkampf der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung des Landes schadet. Ju Polen ist reichlich Platz für alle Einwohner uud eine Gleichberechtigung der Juden braucht und wird den Polen keinerlei Schaden bringen. Was aber die andere Ursache der antijüdischen Tendenz der polnischen Politik in der letzten Zeit betrifft, so hat sich jetzt nach der Eroberung Polens durch die Zentralmächte den Polen die Möglichkeit einer freien Entwicklung ihrer Kräfte eröffnet und die innerpolnische Politik muß sich jetzt wichtigeren positiven und schöpferischen Ausgaben znwenden, statt wie bisher in erster Linie sich in der negativen Leistung des Kampfes gegen die Juden zu betätigen. So weift alles auf die Notwendigkeit hin, bei der künftigen Regelung der polnischen Frage für die Sicherstellung der jüdischen Rechte, für die Garantie einer freien wirtschaftlichen, kulturellen und nationalen Entwicklungsmöglichkeit der polnischen Jndenheit Sorge zu tragen. Damit wird Deutschland nicht nur sich nützen und an den 2^/y Millionen polnischen Juden dankbare und treue Hüter der Grenzwacht gegen Rußland gefuudeu haben, es wird auch vom allgemein menschlichen und sittlichen Standpunkt.— der gerade in der deutschen Politik stets mehr Berücksichtigung gefunden hat als in der anderer Länder — eine Großtat vollbracht haben. Zu dem Komplex von heuchlerischen Lügen und zynischer Selbstverherrlichung, mit dem die Gegner. Deutschlands den von ahnen herbeigeführten.Krieg heiligen wollen, gehört auch die Phrase von der Befreiung der kleinen Nationalitäten. Es kennzeichnet Deutschlands Stellung iu diesem Welktrieg, daß es weniger als alle verspricht, proklamiert uud deklamiert, dafür aber um so gewaltiger und grandioser handelt. Es wird für alle Zeiten die denkbar stärkste Widerlegung aller Ententephraseologie sein, wenn Deutschland durch die Eroberung Polens jenem Volksstamm Befreiung bringen wird, der seit Jahrhunderten mehr als jeder andere gelitten und darum mehr als jeder andere Anspruch ans Erlösung bat: den polnischen Inden. Rothschild nud Romanow. Den Anleihereiseu des rnssischen Finanzmiuisters widmet die „Jüdische Korrespondenz" folgende zutreffenden Betrachtungen : Der russische Finanzmiuister Bark hat sich auf die Reise nach London begeben. Er hatte kürzlich, wie seinerzeit gemeldet, von der Absicht der russischen Regierung, den Juden Freizügigkeit zu gewähren, nach London berichten lassen. Es ist eine Reise mit unterlegtem Demissionsgesuch. Wenn Herr Bark nach Petersburg telegraphieren muß: „Anleihe abgelehnt", wird er telegraphisch die Antwort erhalten: „Abschiedsgesuch angenommen." und er wird sicherlich sein Bestes tun, um einen solchen Depeschenwechsel zu vermeiden^ Es wird ein gewaltiges Ringen werden zwischen Herrn Bark und der englischen Hochfinanz, wie Jakobs mit dem Engel: Ich lasse dich nicht, du segnetest mich denn! Das Oberhaupt der englischen Hochfinanz, der Chef des Londoner Bankhauses Rothschild, ist zugleich der „ungekrönte König" der englischen Inden. Vielleicht dachte die russische Regierung, läßt sich aus dieser Doppelstellnng Nutzen ziehen. Lord Rothschild, sagte sie sich, will als Bankier von russischen Staatspapieren nichts wissen, und man muß zugebeu, daß er guten Grund dazu hat. Jeder Bankier wird der russischen Regierung sagen, daß niemand Papiere kauft, um schlecht zu schlafen. Aber wenn der Bankherr Rothschild

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