Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 32 (1.10.1915)
- Date
- 1915-10-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 32. lernen", erwiderte die Vorsteherin. „Spielen? Das kann er doch schon von selbst. Er soll lernen lesen, schreiben, Religion". Und brachte das Kind eilig in den „Cheder", die galizische Form der Elementarschule. — Ich gestehe, die Antwort dieser Mutter kommt mir durchaus uicht klein und lächerlich vor. Sie repräsentiert deutlich das eine Extrem der Erziehung, die radikale Geistigkeit, die den Körper rücksichtslos unterwirst. Wir im Westen steuern (nach englischem Muster) einer Erziehung, ja einer Lebensführung des andern, rein, materiellen Extrems zu. Vor lauter Hygiene, Sport uud Schießübung wird die unsterbliche Seele etwas au die Wand gedrückt. „Man muß seine Bibliothek verkleinern uud sein Badezimmer vergrößern", erklärte mir einmal ein Bekannter im Bewnßtsein. die aktuellste überlegenste Weisheit vorgebracht zu haben-. — Nun. hätte ich zwischen den beiden Extremen zu wählen, ich glaube, ich würde eher der galizischen Mutter folgen. Ich weiß auch nicht, ob wir gerade heute so viel Ursache haben, ans unsere komfortabel ungeistige Zivilisation, deren letzte Konsequenzen wir erleben, stolz zu sein. Ja, auch in dem stillen Kinderhort wird man an den Krieg erinnert. — Ein Eisenbahnzug braust oberhalb des kleinen Hofgärtchens vorbei: russische Gefangene. Sie winken den Kindern und lachen, die kräftigen großen Menschen. — Und doch blicken wir kalt uud feindselig empor zu ihnen. Ein Blick auf die Kinder; die vertriebenen, vielleicht aller Habe beraubten, genügt, um uns an die Verbrechen dieser „gutmütigen" Russen zu erinnern. (Prager Tagblatt.) Kriegsspruche IV. Ein besonderes Augenmerk verdienen die Kriegssprüche in den Psalmen. Jede Seelenstimmung in unserer bewegten Zeit findet in ihnen einen entsprechenden Ausdruck. Die kernigen, kraftvollen Lieder widerhallen lebhaft in unserer Brust. Der allen gemeinschaftliche Zug ist die Demut, welche die Erfolge der Führer und Krieger dem ewigen unsichtbaren, Kriegsherrn znschreibl und daher Hochmut und Grausamkeit nicht anfkommen läßt. „Ich wüßte kein Volk, bei dem der Kriegsgesang, mir so fausten Ideen vermischt wäre, als dies; die zarteste Bitte und Klage kann an die tapferste, auch wohl härteste Gesinnung grenzen. Offenbar wars die feinere moralische Volksverfassung Moses', die selbst den Kriegsgesängen früherer Zeiten diesen sanften Ton gab; das Herbe m ihnen ist Schuld der Zeit; das Zartere, feinere Religionswirkung. In unseren Kriegsliedern sind die treffendsten Psalmenausdrücke dieser Art welke Lorbeeren." (Hades: Vom Geiste der hebräischen Poesie.) „Könnte man ein Volk barbarisch nennen, das nur einige solcher Nationalgesäuge hätte, und wie viele dergleichen hatte dies? Hätten wir viele derselben auch für unsere Sitten und Lebensweise! So rein, so kurz, so voll Gesanges wie diese für Israel waren." (Hades: Vom Geiste der hebräischen Poesie.) Wir begreifen es. daß der deutsche Kaiser die erhebenden Sentenzen der Psalmen in seiner feierlichen Ansprache an die Krieger einsticht, um sie zu ermutigen, ihren Eifer anzuspornen und ihnen die Hoffnung anslden Sieg, den Sieg des Rechtes, einzuflößen. Humane Motive und edle Motive liegen diesen Kriegsnud Siegespsalmen zugrunde, deren Kernsprüche hier zu sammengestellt werden sollen: Ich fürchte nicht vor Myriaden Volk, das rings um mich her ausgestellt ist. (3, 7.) Diese mit Wagen, jene mir Rossen, wir aber gedenken des Namens des Ewigen, unseres Gottes. Sie litieen nieder und fallen, wir aber stehen aufrecht. (20, 8. 9.) Wenn ein Heerlager mich umgibt, fürchtet mein Herz uicht; wenn ein Krieg sich wider mich erhebt, dennoch vertraue ich. (27, 3.) Dem König wird nicht geholfen durch ein großes Heer, der Held nicht gerettet durch große Kraft. Trügerisch ist das Roß zum Sieg und durch seine große Stärke rettet es nicht. <33, 16. 17.) Dr. Fr.-Gr. ll-Koot Abzeichen. - .'Die neu iilszenierteH-Boot-Abzeichenaktion schreitet in geradezu hervorragender-Wxise vorwärts, insbesondere die Bürgermeisterämter Oesterreichs . fördern die. Aktion, indem sie bei den Ortseinwohnern! Subskriptionen ans H-Boot- Abzeichen anfnehmen und hat die Landbevölkerung auch in den kleitrsten Orten durch Ankauf ihr Scherstein zur Schaffung, eines Unterseebootes aus freiwilligen Gaben zur Ehrung unserer tapferen Marine und als Protest gegen den Treubruch Italiens. quasi als weiteren sichtbaren Beweis des patriotischen Denkens Oesterreichs Völker beigetragen. Aber auch die großen Jndilstrleunlernehmnngen wollen nicht nachstehen, indem sie namhafte Beträge für diese Aktion zeichnen und die II-Boot-Abzeichen, welche pro Stück K 2.— kosten, ihren Beamten und Arbeitern verschenken. Jedermann trage ein solches H-Voot-Abzeichen. Verschiedene Nachrichten. Wien. Der Sohn des Reichsratsabgeordneten Hofrat Camill Kur an da, Fähnrich Raphael Kura »da in der Schützeneskadron eines k. u. k. Dragonerregimentes, hat am 12. September auf dem nördlichen Kriegsschauplätze den Heldentod gefunden. Wien. Der Direktor des Spitales der israelitischen Kultusgemeinde Herr Dr. Karl Fleifchmann und Herr kaii. Rar Dr. Krüger, Leiter des Reservefpitales Nr. 11, sind mit dem Offiziers-Ehrenzeichen des Roten Kreuzes mit der 'Kriegsdekoration ausgezeichnet worden. Wien. (Das Doppel-Jubiläum des Kantors Philipp Bassel.) Die Feier seines 70. Geburtssestes und des 40 jährigen Amtsjubiläums als Kantor des Tempelvereines Wieden- Margarethen fand am ersten Snkkothtage an der Stätte seines Wirkens im Kaiser Franz Joses I.-Regierungsjubiläums-Tempel, Y.. Sieben» brunnengasse, in besonders festlicher Weise statt. Als Ehrengäste hatten sich eingefnudeu: In Berrretung der Knltusgemeinde Amtsleiter Meißner; für die Bezirkskommission: Obmannstellvertreter Jakob S. S t r a ß b e r g; für den Tempelverein YH. und YIU. Bezirk: Borstand Philipp Weiß; für den Bethansverein Machasike Thora: Obmann Philipp N u ß b a u in und Vorsteher Jg. W o r t m a u u; für den österr.-ungar. Kantvren-Verein Oberkantor Simon W e i ß. Der Sitzplatz des Jubilars war festlich geschmückt, das Gotteshaus von einer andächtigen Menge, insbesonders Frauen dicht besetzt. Der Jubilar,, mit der ihm anläßlich des Festes vom Rabbinare verliehenen Morenu als Schelischi zur Thora gerufen, las. umgeben von dem gesamten Vereinsvorstande, in seiner unerreicht korrekten Weise den Thoraabschnitt vor. Ein vom Oberkantor Weiß verfaßter und meisterhaft vertonter NisLÜsberaeb, ebenso ein sinnig verfaßter und vom Gemeinderabbiner Prof. Reich gesprochener Nisobebsraoli wurden vom Jubilar in tiefer Rührung beantwortet. In der darauf folgenden Predigr schilderte der Prediger die Aufgaben eines Scheliach Zibur im Sinne unserer Gotteslehre und bewies, daß der Jubilar dieser Aufgabe stets voll und ganz gerecht wurde. Nach Schluß des Gottesdienstes versammelten sich der gesamte Vorstand und die Ehrengäste im Zeremoniensaale um den Jubilar. Der Präses Adolf H o f m a n n beglückwünschte den Jubilar m herzlichen Worten namens des Vorstandes und überreichte ihm das ansehnliche Ehrengeschenk des Vereines und des Vorstandes. Amtsleiter Meißner überbrachte die Glückwünsche der Kultusgemeinde; ebenso beglückwünschte der bibelfeste Obmannstellvertreter der Bezirkskommission Herr Jakob S. Straßberg den Jubilar mit Hinweis auf einschlägige Talmndstelleu. Namens des Oesterr.-nngar. Kantoren-Vereines und in eigenen Namen begrüßte Oberkantor Simon Weiß, der stimmbegabte Kollege des Jubilars, derzeit im Kriegsdienste stehend, den Jubilar, worauf dieser, umgeben von seiner Gattin und einem der vier im Kriegsdienste stehenden Söhne, welchem ein kurzer Urlaub gewährt war, in tiefster Rührung seinen Dank allen abstattetete, die gekommen waren, ihn zu ehre». Er versprach, so lange ausharren zu wollen, als -.ihm die Vorsehung Gesundheit und Kraft verleihe, sein schwieriges Amt erfüllen zu können. Vom israelitischen Franenverein erhielt der Jubilar zwei kostbare Silberleuchter nebst herzlichem Schreiben. Ebenso kamen ihm zahlreiche telegrafische und schriftliche Glückwünsche und Ehrengaben zu, welche ein beredtes Zeugnis für die Beliebtheit und das Ansehen des Jubilars bilden. Oesterr.-nngar. Kantoren - Verein. Die geehrten. Mitglieder werden ersucht, d,ie restlichen Vereinsbeiträge an den Kassier. Erster Kantor S. I u rb erg er, II., Tempelgasse 3, zu senden. Zuschriften sowie Mitgliedsänmeldnngen sind an den Präsidenten Oberkantor I. Bauer II., Novaragasse 2T zu richten.