Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 32 (1.10.1915)
- Date
- 1915-10-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 5. Nr. 32.. . Die Wahrheit russischen Regierung mit unerhörter Grausamkeit einsetzte unö aus vielen Städten' (vor allem Moskau) die gesamte jüdische Bevölkerung ansgewieseü wurde, ergoß sich ein Strom jüdischer Einwanderer ans Rußland nach Polen, die nnw neue Industrie- und Handelszweige schufen. Der gesamte polnische Uhrenhandel, der ganz Rußland versorgt, die Lederünd Konfektionsindustrie sind heute fast ausschließlich in den Händen der Juden. Aber auch im Handwerk nehmen sie eine bedeutende Stellung ein, man kann in Warschau den jüdischen Anteil am Handwerk auf gewiß 50 Prozent schätzen. Diese wenigen Angaben, die sich mit Leichtigkeit.vermehren lassen, zeigen zur Genüge, welche führende Stellung die Juden in Polen einnehmen. Wenn sie schon ans Grund ihrer Zahl allein Millionen gegenüber 8% Millionen Polen; in manchen Städten bilden sie die Hälfte der Bevölkerung), einen integrierenden Teil der Bevölkerung ausmachen, so verleiht ihnen ihre führende Anteilnahme am wirtschaftlichen Leben des Landes eine Bedeutung, die über diese numerische weit hinansgeht und macht es jedem objektiven Beurteiler klar, dag sie bei der Regelung der Zukunft Polens in starkem Maße berücksichtigt werden müssen. Dies aber muß umso nachdrücklicher gefordert werden, als der großen wirtschaftlich politischen Bedeutung der polnischen Jndenheit eine ebenso starke und ausgesprochene Sönderart ihre Innenlebens entspricht. Es muß jetzt, da es gilt, sich in Deutschland über die tatsächlichen Verhältnisse Polens klar zu werden, gleich zu Beginn der Erörterung der polnischen Frage mit aller Entschiedenheit darauf hingewiesen werden, daß das Judentum nicht nur ethnographisch und religiös, sondern auch national und kulturell eine vom Polentum gesonderte Bevölkernngsschicht bildet, die ein kräftig entwickeltes, geistiges und kulturelles Leben führt. Vor allem die Volkssprache der jüdischen Massen Polens, das Jüdisch-Demsch, kennzeichnet diese Sonderart. und diese Sprache ist zum Träger einer vielseitigen und hoch entwickelten Literatur geworden. Zumal in den letzten Jahrzehnten hat diese Literatur einen ungeahnten Aufschwung genommen und Zeitungen wie der „Haint" und „Moment" in Warschau mit Anflageziffen von weit über hunderttausend zeugen auch äußerlich von der Verbreitung und dem Einfluß dieser Literatur. Diese Literatur ist aber sehr stark an der deutschen Kultur orientiert, viel stärker als die polnische. Und wenn jetzt das Schicksal Polens so geregelt werden soll, daß es dem Einfluß Rußlands entzogen und in den Knlturkreis Mitteleuropas, vor allem aber des Deutschtums, hineinbezogen wird, wird Deutschland gerade an der jüdisch-deutschen Kultur des polnischen Judentums einen Faktor finden, der ihm in der Verwirklichung dieser Ziele die besten und wirkungsvollsten Dienste leisten kann. Für die Berücksichtigung der Rechte der Juden aber muß Deutschland umso mehr gleich zu Beginn der kommenden Neuordnung der polnischen Verhältnisse sorgen, als von Seiten der polnischen Majorität zunächst wenigstens keinerlei Rücksicht auf die berechtigten Interessen ihrer jüdischen Mitbevölkernng erwartet werden darf. Das Verhältnis der Polen zu ihren jüdischen Mitbürgern bildet den schwierigsten und unangenehmsten Teil der polnisch-jüdischen Frage und bedarf daher eingehender und rücksichtsloser Klarstellung, schon deshalb, weil er für die Frage der Sicherstellung der deutschen Interessen bedeutsam unb belehrend ist. Bis znm letzten Viertel des 19. Jahrhunderts konnte von einem polnisch-jüdischen Problem im heutigen Sinne eigentlich nicht gesprochen werden. Das Verhältnis der Polen zu den Juden war relativ normal; der Pole sah zwar auf den Inden als auf einen, der ihm zu dienen verpflichtet sei, herab, dachte nicht daran, ihn als seinesgleichen zu betrachten, aber von einer Feindschaft nnd einem Kampf gegen ihn war keine Rede. Dies änderte sich um die 70er Jahre des vorigen Jahrhnnderts. Als nach dem polnischen Aufstand um 1863 und der hierauf ansetzenden brutalen Unterdrücknngspolitik der russischen Regierung sich in Polen die Gesellschaft der „Osswjata" (Bildung) bildete, die im Gegensatz zu der Großgrund besitzerpatei der „Ugodowzi" (Opportunisten) keinerlei Verständigung mit Rußland wollte, sondern den schärfsten Haß gegen das- Zarenreich predigte, schrieb diese natoualpolnische Partei auch die Bekämpfung des jüdischen Einflusses auf ihre Fahne. Roman Dmvwski, der Führer der heutigen polnischen Antisemiten, nahm schon an dieser Bewegung führenden Anteil und saß deshalb sogar einige Zeit auf der Warschauer Zitadelle. Im Jahre 1905. zur Zen der Revolution, blieb die polnische Politik oppositionell und schloß sich den russischen Liberalen an, die in ihr Programm die Autonomie Polens ausgenommen hatten. Mit der dritten Duma jedoch beginnt eine starke Wandlung der polnischen Politik. Die Polen, die nach der Auflösung der ersten nnd zweiten Duma einseheu mußten, daß die russischen Liberalen zu machtlos waren, ihnen zu helfen, schlossen sich nunmehr der Regierungspartei der Okrobristen an. Für die Autonomie waren diese allerdings nicht zu haben; io ließen denn die polnischen Führer — Dmowski. der Lener der Narodowa Demokratja (Nationale Demokratie) an der Spitze — dieses Ideal zunächst fallen nnd beschränkten sich ans die Forderung einzelner Zugeständnisse inbezng auf Schule und Verwaltung. Vornehmste Forderung aber war die, daß man ihnen gestatten solle, den Kampf gegen die polnischen Inden ausznnehmen und wenigstens so wirtschaftlich und kulturell Polen restlos zu polonisieren. Die Oktobristen im Grunde ihres Heizens ebensolche Jndenhasser wie die anderen russischen Reaktionäre, stimmten gern zu, nnd so ward der Pakt geschlossen, bei dem die Juden als Versöhnnngsopfer dienten. Die russische Regierung war naturgemäß mit dieser neuen Wendung der polnischen Politik sehr zufrieden, nnd so begann der Kampf der Polen gegen die Inden in ungehinderter Schürfe. Zunächst setzten es die Polen durch, daß in der neuen städtischen Selbstverwaltung, die ihnen gewährt werden sollte, den Juden, die in vielen Städten die Majorität der Bevölkerung bilden, alle Rechte entzogen wurden. Während bisher in allen polnischen Gesetzen eme Unterscheidung der Konfession unbekannt war, blieb es Dmowski Vorbehalten, dieses russische System nach Pole,! zu verpflanzen. In seiner vollen Schärfe wurde der Kamps aber erst »m Jahre 1911 entfesselt. Anlaß war die Wahl des Warschauer Tumadepnnerlen. Die Juden Warschaus, ein Drittel der Bevölkerung, weigerten sich, den von der Narodowa Demokratja ausgestellten Kandidaten, einen ausgesprochenen Antisemiten, zu wählen und gaben ihre Stimme dem Vertreter der polnischen Arbeiterpartei Jngiello, der dann auch dnrchdrang. Diese Niederlage der Narodowa Demokratja war das Signal zu einem wirtschaftlichen nnd politischen Kampfe gegen die Juden, wie er in dieser Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit beispiellos dasteht. Es wurde ein systematischer, das gesamte Land umfassender wirtschaftlicher Boykott gegen die Inden organisiert. Alle polnischen Zeitungen ohne Ausnahme stellten sich in den Dienst desselben; selbst radikale freiheitliche Politiker wie Alexander Swientochowski und Andrei Nemojewski schlossen sich der Bewegung an. In allen Städten wurden Genossenschaften gebildet und polnische Konkurrenzgeschäfte geschaffen nnd in Warschau als Zentrale eine neue Bank gegründet. Die Zeitungen veröffentlichten die Namen der jüdischen Firmen und wiederholten täglich die Mahnung: kauft nicht bei Juden. In den Dörfern gingen die Pfarrer zum Markte und wachten darüber, daß kein Bauer beim jüdischen Händler kaufe, trotzdem der polnische Konkurrent viel teurer verkaufte und schlechtere Ware lieferte. Welchen Grad diese Verhetzung annahm, illustriert die Tatsache, daß die polnischen Aerzte beschlossen, keine Arzneien von ausländischen Firmen zu kaufen, deren Vertreter in Polen Juden seien. Zugleich wurden in allen kleinen Städten Petitionen au die Regierung organisiert, mit der Bitte, die jüdische Bevölkerung auszu- ' weisen. Die Regierung, der solche Gesuche genehm waren, beeilte sich meist dem „Willen des Volkes" Folge zu leiften, und so wurden Tausende jüdischer Familien aus ihren Wohnstätten vertrieben, Tausende andere wurden durch ben Boykott wirtschaftlich völlig ruiniert. Je mehr die Zeit fort»