Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 32 (1.10.1915)
- Date
- 1915-10-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 32. Die Wahrheit wankte der russische Koloß, die Haupthoffnungd der Entente, auch das verspätete Eintreten des verräterischen Italien in den Vierverband brachte keine vorteilhafte Aenderung der Kriegslage für den Vierverband und die verzweifeltsten Anstrengungen der Franzosen und Engländer, die Dardanellen und den Bosporus den tapferen und tüchtigen Osmanen wegznnehinen. um auf diesem Wege den schwer bedrängten Russen zuhilfe zu kommen, scheiterten bisher. Nun stiegen die Balkauvölker und besonders die Bulgaren in der Wertschätzung der Entente. Sie überbol sich in Versprechungen und Anerbietungen, um das kriegerische Eingreifen der tapfer» Bulgaren gegen die Türken an den Dardanellen zu erlangen. Die Bulgaren hatten aber die treulose Behandlung vom Jahre 1913 noch nicht vergessen und setzten zum lebhaften Verdrufse der'Entente allen Bitten und Drohungen nur taube Ohren und beleidigenden Unglauben entgegen. Die bulgarische Regierung beantwortete nun letzthin die demütigenden und bloßstellenden monatelange mit Engelsgeduld unternommenen Versuche, die hochgeschätzte bulgarische Kriegshilfe zu erlangen, mit einem Vertrage mit der Türkei, welcher ihnen sofort namhafte Gebietsabtretungen einbrachte, und mit einer Mobilisierung z n m Z w e ck e d e r G r e n zb e r t ch t i g u n g nach dem Vertrage von 1912. Die moralische Depression der Russen zeigt sich nun besonders darin, daß sie sich selbst bei den Serben und - Griechen keinen Gehorsam mehr erzwingen können. Der Widerstand derselben, trotz dringenden Abralens der Entente, gegen die bulgarischen Forderungen erleichterte der bulgarischen Regierung wesentlich ihre anllrussische Politik und die habgierigen italienischen Prätensionen ans die Ostküste der Adria und auf klein asiatische Inseln und Festlandsgebiete.hintertrieb gewaltig die Wiederherstellung des Balkanblockes. Wir stehen nun vor einem gewaltigen Aufflammen des Weltkrieges auf der Balkanhalbinsel, der vor einer Woche mit Beschießung serbischer Städte an der Donau und Drina eingeleitet wurde. Die Besetzung mazedonischer Gebiete durch bulgarisches Militär steht bevor und dürfte gewaltige Kämpfe auslösen. Die eingreifenden Heere des Vierverbaudes dürften aber dann außer der serbischen Hilfe keine andere erlangen, denn Rnmäuieu und Griechenland werden von den verbündeten Zentralstaaten mit nahmhaften Entschädigungen vertröstet und sie zeigen keine Lust, so wie es Italien machte, sich in .den verderblichen und unsicheren Kampf zu stürzen, wenn sie auch im Frieden Erwerbungen machen können. Der Zarismus schwebt gegeilwärtig auch in innerpolitischen Gefahren und muß er seine Haupthoffnung auf die Erlangung Konstantinopels begraben, daun dürfte er wohl bald kriegsmüde werden. Am kriegseifrigfteü dürfte England bleiben, denn ein Friedensschlnß ivürde wohl für den britischen. Seeriesen am ungünstigsten ansfallen, die wütenden Kriegsversicherungen der Franzosen sind keineswegs so ernst zu nehmen, denn in Frankreich können Kriegsmacher über Nacht weggeweht werden, wenn ihnen die klugen Reichsdeutschen elitgegenkommen. zumal die schlauen Briten immer weniger Lust zeigen könnten, die Nordküste Frankreichs wieder z»l räumen. R. L. Die jüdisch-polnische Frage. Unter dem Titel „Das polnisch-jüdische Problem" bespricht Rachum Goldmann in der Breslauer „Jüdischen Volkszeitnng" das durch die Besetzung Polens' durch die verbündeten Zentralmächte aktuell gewordene Thema der jüdisch-polnischen Frage in folgender, die weitesten Kreise interessierender Darstellung: Warschau ist erobert und ganz Russisch-Polen ist von deutsch-österreichisch-ungarischeu Truppen besetzt. Damit erhebt sich naturgemäß eine große Zahl bedeutsamer Probleme, deren wichtigstes gewiß das Verhältnis zu der Bevölkerung der okkupierten Lande ist. Und in.der Tat wird bereits seit einiger Zeit in der gesamten deutschen und österreichischen Presse die polnische Frage gründlich und eingehend erörtert. Und darüber sieht es fast ans, als würde man wiederum jenen Teil der Bevölkerung Polens ganz vergessen, der mehr als jeder andere es verdient, daß man seiner gedenke: die polnischen Juden. Nichts aber wäre verfehlter und verhängnisvoller als eine solche Außerachtlassung der polnisch-jüdischen Frage. Eine' fruchtbare nnd nutzbringende Lösung des polnischen Problems, vor allem aber eine Lösung die den deutschen Interessen entspricht, kann nicht erfolgen,, ohne daß auch die polnisch-jüdische Frage eine gerechte und dauernde Regelung erführe. Zwei Faktoren bestimmen das Wesen dieser Frage: Zunächst die Stellung der Inden innerhalb Polens, ihre Bedeutung für das wirtschaftliche nnd kulturelle Leben des Landes, und sodann ihr Verhältnis zu den Polen. lieber beide Faktoren gilt es sich klar zu werdest, will man die Eigenart des Problems nnd die Wege zu seiner Lösung erkennen. Für die Stellung der Inden innerhalb Polens ist es — besonders vom deutschen Standpunkt — wichtig zu wissen, daß die polnischen Juden in ihrem ursprünglichen Kerne ans Deutschland eingewandert sind. Sie kamen /mit' deutschen Einwanderern gemeinsam, und zwar gerufen von den polnischen Königen, die durch die einwandernden jüdischen und deutschen Elemente den bis dahin in Polen. fehlenden städtischen Mittelstand neu schaffen wollten. So traten sie von vornherein als Bürger nnd Träger deiitscher Kultur ans. Wie die deutschen Einwohner das deutsche Recht mit hinübernahmen, das in der Form der Magdeburger und Knlmer Stadtrechte und des Sachsenspiegels vis zum.Beginn des 19. Jahrhunderts in Polen Geltung hatte, so brachten die kinwandernden Juden ihre jüdische deutsche Sprache mit, die im wesentlichen jenes Mittelhochdeutsch ist, das um das 1b. Jahrhundert in Deutschland gesprochen wurde. Mit ihrer Einwanderung begann im wirtschaftlichen Leben Polens eine neue Epoche; ein kräftiger, städtischer Mittelstand war geschaffen, und Handel und Industrie begannen in das vordem rein agrarische Land Einzug zu halten. Und seitdem blieben die polnischen Inden gemeinsam mit den in Polen wohnenden Deutschen die vornehmsten Schöpfer und Träger der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes, die in inniger Verknüpfung mit Deutschland verblieb. Die ersten Eisenbahnen, die im 19. Jahrhundert in Polen erbaut wurden, führten bezeichnender Weise nicht nach Rußland, sondern nach Deutschland; die erste Bahn nach Bromberg über Alexandrowo, die andere nach Westprenßen über Mlawa: ihre Erbauer waren Inden: Kronenberg und Bloch, dieselben, die auch später die erste Badn nach Rußland, die sogenannte Terespoler Bahn (nach Brest-Litowsk) bauten. Dieselbe Erscheinung läßt sich auf fast allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens Polens beobachten! die Juden als Vertreter und Förderer der kapitalistisch-indltstriellen Wirtschaft gegenüber der primitiven, agrarisch-naturwissenschaftlichen Wirtschaftsform der polnischen Landbevölkerung traten auf allen Gebieten als Träger des wirtschaftlichen Fortschritts auf. Die ersten Papierfabriken in Polen errichteten die Inden Nathanson nnd Epstein, die erste große Eisenindustrie schuf der Jude Löwenstein (heute die große Warschauer A.-G. Lilpop, Ran und Löwenstein), die ersten Zuckerfabriken bauten Epstein, Bloch und Kronenberg, die wichtigste und größte Bank in Polen, die Warschauer Handelsbank, ist eine Schöpfung Kronenbergs. In der Lodzer Textilindustrie aber künden Namen wie Posnansky,. Silberstein, Cohn, jedem Kenner der Verhältnisse von dem hervorragenden Anteil der Inden. Diese außerordentlich starke Anteilnahme der Inden am wirtschaftlichen Leben Polens hat sich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts noch sehr erweitert und vervielseitigt. Seit unter Alexander IEL die antisemitische Politik der