Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 31 (17.9.1915)
- Date
- 1915-09-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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.Nr. .31. Die Wahrheit. Seite 7. großer Treue und zäher Widerstandsfähigkeit gegen alle ffremden Einflüsse bewahrt haben. Diese Kultur- und Sprachengemeinschaft der Deutschen mnd.der östlichen Inden eröffnet dem Deutschtum in Polen Zweite EntwicklungSmöglichkeiten. Der Kaftanjnde Ueber die Tracht der polnischen Juden ist bereits oft lehr viel gesprochen, geschrieben, referiert, registriert, ^ournalisiert. debattiert und raisoniert worden. Man hat aber .vergessen, daß die Juden im allgemeinen, die polnischen insbesondere, in jeder Beziehung konservativ sind, sich daher von ihren allen Gewohnheiten nicht so leicht emanzipieren Wunen; eine nationale Eigenschaft, oder richtiger Tugend, .die ihnen Kraft und Mut verliehen hatte, den Stürmen .aller Zeiten trotzen und ihre Peiniger überdauern zu können, „Infolge der Verdienste", so bemerken unsere Weisen, „die sich unsere Ahnen in Aegypten dadurch erworben, daß sie .trotz des unsäglich schweren Druckes, den sie dort Jahr- .Hunderte lang erdulden mußten, weder ihren Namen noch ihre Sprache, noch ihre Tracht und Lebensweise gewechselt haben, wodurch sie selbstverständlich vor der giftigen Krankheit, ^Assimilation" genannt, geschützt wurden, wurden sie rechtzeitig aus dem Golns befreit, erlöst." Allerdings kann es nicht geleugnet werden, daß die Thora bloß für den Priester eine bestimmte Kleidertracht vorgeschrieben hat, daher dem Laien es frei steht, sich nach üblicher Laudessitte zu kleiden; allein, da in Polen das Thorastudium sich stets der schönsten Prosperität erfreute, so daß man dort äußerst selten einem Laien, der nicht, wenigstens in der Jugend, in Thora und Talmud unterrichtet worden wäre, begegnete, hielt sich fast jeder polnische Jude für einen Talmnd-Chacham. für einen Rabbi und glaubte sich gleich einem solchen lleiden zu müssen. Auf diese Weise hatte sich der Kaftan in Polen als heiliges Kleid eingebürgert. Jeder Unbefangene wird es daher bereitwilligst einsehen, daß es diesen Leuten eine große Ueberwiudung kosten würde, sich -.von einer seit Jahrhunderten bestehenden Sitte, die man als einen sanktioniert religiösen Usus betrachtet hat, zu emanzipieren. Man lasse daher die polnischen Glaubensbrüder unbehelligt ihres Weges gehen, behandle sie tolerant und milde, vermeide alles was geeignet wäre ihre religiösen Gefühle zu verletzen, mit einem Worte, man lasse jeden nach seiner Fasson selig werden — Zadik beemunoso pehje; denn so lange der polnische Jude, besonders der, der allen profanen Wissens bar ist, den Kaftan mit besonderer Vorliebe trägt, wird es ihm gewiß nicht in den Sinn kommen, dem -Glauben der Väter abtrünnig zn werden. Uebrigens hatte selbst Kaiser Leopold II. bezüglich der Tracht der polnischen Inden sich zn ihren Gunsten geäußert. In Wolfs „Jndentanfen" (S. 14.) heißt es unter anderem: „Eigentümlich genug, daß. nachdem Kaiser Josef II. am 7. Mai 1489 die besondere Jndentracht abgeschafft hatte (ein Anonymus, der darum.beim Kaiser petitionierte, gibt an, die Inden verstecken unter den Oberkleidern die Diebstähle; die Kleidung veranlasse großen Putz und Luxits und es schämen sich die Christen deshalb mit Inden zusammen zu sein), schon unter Leopold II. der Kamps gegen die galizischen Juden begonnen, welche die jüdische Tracht nicht a b l e g e n wollten. Damals petitionierten sämtliche Webermeister in und um Wien, daß es den Inden gestattet werde, noch zwei oder drei Jahre die Kleidertracht zu behalten, 'damit die Weber ihren Vorrat an Kitai (eine Art Baumwollstoff) verkaufen können. Die niederösterreichische Regierung befürwortet diese Bitte und begründet sie: 11.000 Menschen ernähren sich von dieser Arbeit nild der Werl des Vorrates beläuft sich auf 111.000 fl. Auch die Sammtbandmanufaktnr würde durch diese Maßregel einbüßen. Während jetzt 250 .kostbare Maschinenstühle im Gange sind, würden diese, wenn .das Gesetz aufrecht erhalten wird, ans die Hälfte reduziert werden. Kaiser Leopold reskribierte hierauf 26. Mai 1490: „So billig es ist, den Juden in ihrer Tracht keine Unterscheidungszeichen von den übrigen. christlichen Untertanen aufzudringen; so will ich sie dennoch nicht zur Ablegung einer Kleidung nötigen, an die sie gewohnt sind; es hat daher gänzlich von diesem Zwaugsgesetze abzukommen und steht den Juden frei, sich nach ihrem Gntfinden zu kleiden, wonach also auch das Gesuch dieser Bittsteller feilte Erledigung erhält". Fr. Isaak Jakob Keines. Rabbiner Isaak Jakob Reines in Lida ist gestorben, der Gründer der Fraktion Misrachi, der große Talmudist und Gründer der berühmten Jeschiwa in Lida. Mit ihm verliert die zionistische Betvegung wieder eine ihrer hervorragendsten Persönlichkeiten, die orthodoxe Fraktion im Zionismus einen Mann dessen hingebungsvolle Mitarbeit im zionistischen Lager das gesetzesrrene Judentum des Ostens dem zionistischen Ideal zu gewinnen verstand. Die jüdische Orthodoxie Rußlands aber verliert in Isaak Jakob Reines einen ihrer bedeutendsten Führer, dessen Autorität und deffen organisatorische Fähigkeiten auch von Gegnern stets anerkannt wurden. Isaak Jakob Reines war 1839 in Karlin (Gouvernement Minsk) geboren.. Im Jahre 1869 wurde er Rabbiner in Swenziany im Gouvernement Wilna, 1885 Rabbiner in Lida (Gouvernement Wilna). In weilen Kreisen, bekannt wurde Rabbiner Reines, als er im Jahre 1882 dem Kongreß der russisch-jüdischen Gemeinden in Petersburg einen ansgebeiteten Plan über die Organisation des Jeschiwawesens vorlegte, wonach die Jeschiwa den Forderltngen der modernen Pädagogik angepaßl werden sollte. Dieser Reformplan drang nicht durch. Reines eröffnete dann aber selbst eine Mnsterjeschiwa in Swenziany, in der auch weltliches Wissen neben dem rabbinischen gelehrt wurde. An diese Gründung knüpften sich große Kämpfe, in deren Verlauf die Jeschiwa geschlossen wurde. Im Jahre 1905 aber konnte Rabbiner Reines seine Jeschiwa wieder eröffnen, und zwar in Lida. Rabbiner Reines war schon der Chowewe-zionistischen Bewegung sympathisch gegenübergeftanden und mit Mohilewer und Pinsker in lebhafter Korrespondenz gewesen. Auf Herzls Ruf aber schloß er sich ganz der zionistischen Bewegung an. Seine Arbeit im orthodoxen Judentum für den zionistischen Gedanken, die zur Gründung des Misrachi führte, bedarf einer besonderen Würdlgitng. Den westjüdischen Zionisten war er von den zionistischen Kongressen bekannt, wo seine ehrwürdige Gestalt mit dem klugen, gütigen Antlitz auf der Tribüne immer wieder aitffiel. Oft nahm er aitch in wichtigen Debatten das Wort, um den Standpunkt des Misrachi zn vertreten. Stets wurde seine Rede, wo nicht mit Zustimmung, so doch mit höchster Beachtung ausgenommen. Wie er dem gesetzeskundigen Ostjuden als einer der hervorragendsten Gaonim erscheint, der eine besondere Auffassung des Religionsgesetzes vertreten und gelehrt hat, so war er für die gesamte zionistische Bewegung eine schöpferische Persönlichkeit von unschätzbarem Ansehen und nie versagender zionistischer Hingabe. Jetzt vor einem Jahre kam Rabbiner Reines mit einigen anderen russisch-jüdischen Rabbinern durch Berlin. Das war sein letztes Zusammentreffen mit der zioulstischen Leitung. Drei Tage vor Rosch haschonoh fuhr er nach Schweden, um nach Rußland zu kommen und seine Jeschiwa in schwerer Zeit nicht zn verlassen.. . Internationale wissenschaftliche Uereiuignng ifrael. Kantoren. Semiros Jfroel. Durch einen in diesen Blättern vor wenigen Wochen erschienenen Ausruf ist nun endlich der Komponist des