Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 31 (17.9.1915)
- Date
- 1915-09-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31. Die Wahrheit Seite 5. Erbarmen, an seine allumfassende Hnld und Gnade hat keine Verfolgung, kein Unglück und selbst die schwerste, trübste Zeit 'uns rauben können. Die Weltgeschichte lehrt uns die Richtigkeit dieses unerschütterlichen Glaubens auf jedem Blatte, lies es nur, vielgeprüfter, leiderfüllter Bruder, und sei stark und fest wie deine Ahnen! Ans Blut und Eisen, Tränen und Leid wird eine neue Welt geschmiedet, der Völker Geschick auf Jahre entschieden, da muß ein jeder mithelfen und Schmerz und Leid zum Wohle unserer Kinder und einer helleren Zukunft tragen! Gottesstimme tönt uns am Neujahrstage als des Gerichtsherrn mahnend Wort entgegen : Sei fest und stark in Leid und Freud, sei groß und würdig der großen, erhabenen Zeit! Eine neue Welt wird geschaffen, neue Kräfte besttmmen ihren Lauf und eine neue, große Zeit bricht an. Das ist Gottesstimme: Sei nie kleinmütig, verzagt, sondern würdig dieser Heldentage, die auch dich emportragen in höhere lichtere Regionen! Sie zogen ans, um Oesterreich, Deutschland und die Türkei in Haß, Rachgier, Länderhunger und Neid zu tilgen, sie müssen am eigenen Leibe nun das Gottesurteil verspüren und Gottesstimme mit eigenem Ohre hören. Diese Schofarklänge des Gottesgerichtes werden von ihnen Rechenschaft fordern für all das Leid, herbe Weh, das ihr Frevelmut über die Welt gebracht. Mögen sie nun wieder erkennen, daß Gott alles entscheidet und Menschenmacht gebrechlich wie diese ist, daß über alle Gott entscheidet und richtet. Das ist unsere tiefste Ueberzengung ans unserem Leben, unserer Geschichte und der Stimme Unseres Herzens. An ihr lasset uns sesthalten in allen Stürmen und Leiden, die noch kommen mögen, bis znm Morgenrot einer neuen, friedeerfüllten Zeit. Prof. Dr. 'L. Hirsch, Krummau. Tinnins Unfns. (Ein Vorbild der Diplomaten des Vierverbandes.) Einst hatte Tinnins Rufus — der seiner Grausamkeit wie seines unbezähmbaren Menschenhasfes halbes in jüdischen Quellen gewöhnlich Tyrannns Rnfus genannt wird — an den berühmten, hochgelehrten Rabbi Akiba folgende Frage gestellt: „Wenn euer Gott die Armen liebt, warum unterstützt er sie nicht kräftigst, warum müssen gerade sie am Hnngertnche nagen, während andere in.Reichtum und Ueberflnß leben und schwelgen?" ..Die Armen", entgegnete R. Akiba, „sind deshalb gezwungen, an unsere Munifizenz zu appellieren, damit uns Gelegenheit geboten werde, uns durch Wohltätigkeit, durch kräftige Unterstützung der Armen unverwüstliche Verdienste zu erwerben und etwaige im Uebermule begangene Sünden zu sühnen." „Diese Behauptung", erwiderte Tinnins Rnfus, „mein Lieber, lst grundfalsch. Ich bin vielmehr der Ansicht, daß ihr durch ein Vorgehen den Zorn eures Gottes erreget, was ich dir durch ein Beispiel beweisen will. Wenn irgend ein Fürst einen seiner Diener, der sich schwer vergangen hat, verhaften läßt und streng verbietet, ihm Speise lyid Trank zu reichen, würde nicht derjenige. der es wagen möchte, dem Verurteilten heimlich Speise und Trank zukommen zu lassen, hart bestraft werden? Und ihr werdet doch eben Diener eures Gottes genannt. Li li bene Jisroel awodim.“ „Diese Frage", erwiderte R. Akiba, „will ich mir erlauben, mit einer Gegenfrage zu beantworten: Denke dir, ein Fürst läßt seinen eigenen Sohn, der sich schwer vergangen hat. in den Kerker setzen, mit dem Bemerken, es darf ihm weder Speise noch Trank gereicht werden, und es wagt dennoch irgend rin edler Menschenfreund, dem Fürstensohn heimlich die zur Erhaltung des Lebens nötige Nahrung zu reichen, wird der Fürst diesen warmfühlenden, gutherzigen Menschen ob dieser edlen Tat bestrafen? Wird er als Vater sich nicht vielmehr dem Wohltäter seines Sohnes zu Dank verpflichtet fühlen und ihn mit allen möglichen Ehren überhäufen? denn welch menschlich fühlender Vater läßt seine Kinder hungern und darben? Und wir Israeliten werden ja auch Kinder Gottes genannt: „Bonim afctem etc.% „Ihr seid Kinder des Ewigen, eures Gottes". „Das ist alles ganz richtig", entgegnete Rnfus, „aber ihr werdet nur dann als Kinder eures Gottes betrachtet und behandelt, wenn ihr seinem Willen gemäß handelt, seine Gesetze und Vorschriften strenge beobachtet, so ihr aber vom rechten Wege ablenket, werdet ihr Diener, Sklaven, genannt und zu schweren Strafen verurteilt. Da ihr eben jetzt im Drucke lebet, so dürfen die Wohlhabenden es nicht wagen, die Hungernden und Darbenden unter ihnen zu unterstützen". „Auch dieser Behauptung", erwiderte Akiba, „muß ich entschieden entgegentreten, denn der Prophet Jesaias ruft Israel im Namen Gottes zu: „Halau porans loroew lackmecho“, „Brich dein Brod dem Hungrigen", waanijim merudim towi wojis“, die Armen, die heimatlos umherirren, also die Verfolgten, die Flüchtlinge oder Gefangenen. bringe ins Hans, unterstütze kräftigst, behandle sie liebevoll." (B. Batra 10.) Wenn man diese Kontroverse mit Verständnis liest, findet man Gelegenheit, die Denkart der Barbaren in grauer Vorzeit wie die der großen Lehrer in Israel kennen zu lernen. Der römische Statthalter in Judäa> Tinnins Rnfus. das Prototyp eines grausamen Barbaren, dachte, daß die Armen, Schwachen, Wehrlosen. Bedrückten und Verfolgten ihrer Sünden wegen von einer höheren Macht verurteilt wurden, ein erbärmliches Dasein zu fristen, in der finsteren Nacht des Druckes zu schmachten, daher diejenigen, die es wagen, diese Bedauernswerten zu llnterstützen, sich schwer versündigen und wie jene bestraft zu werden verdienen. Ein törichter Wahn! Ganz anders aber dachte R. Akiba. das herrlichste und erhabenste Vorbild eines aufopfernden Trägers der Gotteslehre. Er war von den ewigen Wahrheiten der am Sinai geoffenbarten Lehre ganz durchdrungen und hatte die feste Ueberzeugllng, daß eine gleichmäßige Güterverteilung ein gütiger Gott nicht für zweckentsprechend gehalten, denn wenn sämtliche Bewohlter der Erde sich ansnahmlos des blühendsten Wohlstandes erfreuen möchten, würde die Welt keinen Bestand haben. Der Mensch, der nie Not gelitten, nie die Bitterkeit des Wortes Armut empfunden, nie Notleidende gesehen, hat auch nie Gelegenheit gefunden, beim Anblick eines mit Mangel und Not schw er kämpfen d e n Wesens ergriffen zu werden. Selbstverständlich wird das Herz eines solchen Menschen verhärtet und verstockt. Und ein herzloser Mensch kennt kein Gefühl, kann sich daher auch nie für eine große edle Tat erwärmen und begeistern. Er hat stets nur sein liebes Ich vor Augen, sein ganzes Streben, Jagen, Rennen und Haschen ist dahin gerichtet, Reichtümer zu erwerben, Schätze aus Schätze zu häusen, um auf großem Fuße zu leben, andere Glückbegünstigte zu überragen und in seinem Hochmute auf die Minderbegüterten mit Verachtung und Geringschätzllng blicken und die Armen und Notleidenden beherrschen und Niederdrücken zu können. „Es könnte kommen, wenn du zu essen im Ueberfluß hast, schöne, prachtvolle Paläste bauest und sie bewohnest, einen großen Viehstand besitzest, dein Silber und Gold sich vermehrt uiid überhaupt Dein ganzes Vermögen mir jedem Tage größer wird, daß sich, das Herz erhebt, du hoch- und übermütig und daun Gott vergessen würdest" usw. (V. M. 8.) Und stolze, hoch- und übermütige Leute richten nn Kreise der menschlichen Gesellschaft heillosen Schaden an. Menschen aber, die Gelegenheit finden, die bittere Not kennen zu lernen, und beim Anblick derselben vom Mitleid ergriffen werden, so daß sie sich lebhaft angeregt fühlen, dem Pauperismus zu steuern, Tränen zu trocknen und Wunden zu heilen, können Großes leisten und sich unsterbliche Verdienste erwerben. Deshalb heißt es in der Thora: „Xi lau jeclidal ewjon“, „Die drückende Not wird nie aus dem Lande schwinden, darum gebiete ich dir, gegen den armen und dürftigen Bruder in deiilem Lande die Hand anfzutun". Mit Recht hatte R. Akiba dem Rufus geantwortet: „Die Armen sind deshalb gezwungen, an unsere Munifizenz zu appellieren, damit uns Gelegenheit geboten werde, uns