Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 30 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. . .' Wahrheit •€€ Nr. 30. Slowaken bewohüten Kpmitaieü. Von Kafchanfuhr er'-^ l überall Edageil nttd K'örHaimpferden,'' '.Ürpn' eine Eisens Üahn gahs damals in der ganzen nördlichen Halste jbc§:",jJ Laüdes nöchs/nichk, gegen Westen m das SHardfcherV Zipfers '' Liptüüsr Inch Arpaer Koniitüt. dje ganze läÄAe^GirFcke;des'' 7'i MpaMschen Waldgebirges ünd der "Hohett "Mtra eiltlchrg,? ' und hatte so Gelegenheit, die Wnnderbgren NätlirsWstlhejten '' jener Landestefle, aber airch die damalige Anrrilt ihrer ' Äewvh^r W sehen. V^’ J /. t: -KaK'^KrtzjjHste, ’ «iPuDtöiü'Üe iiädäMste'dsr' ßlüsamiten '' Komitate ist das zuletzt genannte Arvaer Komilat. worauf " schon sein Name Arva, das auf ungarisch Waise bedeutet, hinweist. Der Hauptort dieses von dem Flusse Arva durchflossenen Komitates ist das Städtchen Alsokubin am Fuße des großen Chotfch, auf dessen Gipfel ein sächsischer König, der ein bedeutender Botaniker war und in den Karpathen botanische Studien machte, eine an ihn erinnernde Pyramide hat errichten lassen, bie ich noch vor ungesähr 60 Jahren gesehen habe. In Alsokubin ist auch eine jüdische Gemeinde, die schon damals eine deutsche modern eingerichtete Schule hatte, die von einem Doktor Rosenstein, Sohn des damaligen Berliner Rabbiners, geleitet wurde und der auch, zugleich deutscher Prediger der Gemeinde war. Neben ihm wirkte auch noch ein anderer aus Deutschland berufener Lehrer, ein gewisser Davidson, der später die Leitung der einzigen in Ungarn bestehenden jüdischen Realschule zn Nenstadtel au der Waag übernahm und erst vor wenigen Jahren in sehr hohem Alter daselbst starb. Die jüdische Gemeinde zu Alsokubin, die sich, wie überalldie Juden, durch Patriotismus und Kaisertreue auszeichuete, hatte zum Empsange des Kaisers, obgleich sie nicht groß und unbemittelt war, eine besondere Triumph- Pforte errichten lassen, die mehr als 600 fl. Konventionsmünze gekostet und von der daher noch lauge Zeit nachher gesprochen wurde. Au den beiden Pfeilern der Pforte, die der Kaiser zn allererst passieren mußte, weil sie in der Höhe der Synagoge am oberen Ende der einstraßigen Stadt, auf dem Wege nach Lipto-Rosahegy, wo der Kaiser übernachtet hatte, errichtet war, waren zwei Galerien angebaut, auf welchen die jüdischen Schulkinder, unter welchen auch ich mich befand, standen, um beim Herannahen des kaiserlichen Wagens die Volkshymne zu singen. Zwischen den Galerien unten standen die Gemeindemitglieder mit dem Gemeindevorstande und dem alten Rabbiner Steiuhart und dem jungen Prediger Rosenstein an der Spitze, unter einem Baldachin Thorarollen mit Silbergerät geschmückt, hallend. Die Ankunft des Kaisers war aus 10 Uhr vormittags augekündigt. Der Kaiser kam aber etwas früher und da er mit einem gewöhnlichen Ofliziersmantel — es regnete ein wenig — bekleidet war und eine Osfizierskappe auf dem Haupte trug, so wußte man im ersten Momente nicht, ob es wirklich der Kaiser schon ist, bis der ihm zur Seite sitzende Adjutant Graf Grünes ein Zeichen gab. Jetzt wurde von den etwa 200 an der Zahl in freudiger Erwartung schon lange dastehenden Knaben und Mädchen mit jugendlicher Begeisterung losgesungeu und Blumen geworfen. Das erhabene Bild des JünglingskaiserS — der Kaiser war damals 21 Jahre alt — lebt noch heute frisch in meiner Erinnerung, ebenso frisch wie das Bild aus Den Jahren 1891 und 1901, wo mir die hohe Auszeichnung zuteil wurde, dreimal von Se. Majestät angesprochen zn werden, und zwar einmal in Prag in meiner damaligen Eigenschaft als Religionslehrer an einer dortigen Schule und zweimal als Rabbiner der Kultusgemeinde Weinberge beim Besuche dieser Stadt. Bon der Trinmphpforte der jüdischen Gemeinde fuhr der Kaiser unter endlosen Vivatrufen vor das Komilatshaus, wo zwei mit Reisig geschmückte, hohe Mastbäume ausgestellt waren. Dort empsing er die Komitatsvertretung, den katholischen und protestantischen Geistlichen und den jüdischen Gemetndevorstand mit den beiden Rabbinern. Mau erzählte sich, daß der Kaiser sehr gnädig und leutselig mit der jüdischen Abordnung sprach, insbesondere mit dem alten, ehrwürdigen "Mbbiner, der ein sehr ehrwürdiges Aussehen^ -hatte Md ein "glrößer^ Talmüdgelehrter lvar.- ' -?r'v-'- ,,? ' Nach ßktba WetMndiNeür Attfeiflhälte in Kubin fuhr '''Wr7KWr^noch'^Wch''-dkr7 ettba- 10 Kilometer") entfernten, ' wlttlderbarelt Felsenbürg ArvavtirÄja (Unterschloß)- um dieses auch lir historischer Beziehn ngherich in te Bauwerk zn besichtigen. Die (rvekte BurK ) vöü' eurem -Hohen,°'schlnnken Turm ge- ‘ kröüt, rnht'Dlf einMt NllgMenl choheüi -isoliert dastehenden MserikbE cher voü^dbr Arva gaW iitüflofsen wird. An der Außenseite - des Turmes ist' eine"-kleine Elsengalerie angebracht, von Üer man in die unerineßtiche schwindlige Tiefe hlnabschaueil und die ganze prachtvolle Gebirgskette der hohen Tatra überblicken kann. Die Burg, die einstmal von dem berühmten polnischen Könige Johann Sobieski bei seinem Zuge nach Wien zur Bekämpfung der Wien belagernden Türken belagert und in der auch einmal ein Bischof durch viele Jahre interniert war, diente zur Zeit des Kaiserbesuches als Kerker für schwere Verbrecher. Jetzt ist dort eine Sammlung von Natnrprodllkten des Komitats Arva, darunter auch mehrere dort erlegte Bären und Wölfe, unter gebracht. - Sie gehört, glaube ich, zn dem im Komitat befindlichen Gute des Grafen Zichy. Von der Besichtigung des Schlosses zurückgekehrt, fuhr der Kaiser noch am selben Tage nach Kralovan, wo die Arva mitten in einem Bergkessel in die Waag einmündet und wo jetzt eine große eiserne Eisenbahnbrücke der Kaschan- Oderberger Bahn gerade über der Arvaeiumünduirg sich befindet. Auf der Waag blühte damals die Holzflößerei und ein lebhafter Holzhandel, wozu die drei waldreichen Komitate Arva, Liptan und T'.mrotz das Material lieferten, wurde nach Komorn. wo die Waag in die Donau mündet, und von dort nach Budapest betrieben. Die reichen jüdischen Holzhäudler in Suczauy au der Waag, Schulz und Löwinger. harten dort ans einem großen, festgebmrdenen Floße ein Prachtzelt errichten lassen und in diesem machte der Kaiser eine Floßfahrt aus der Waag durch die Stromschnellen bei Stretschna am Fuße des 1800 Meter hohen kleinen Krivan bis Sillein im Trentschiner Komitnt, wo er abends arrkanu Bon dort führte 'die Kaiserreise zurück nach Wien. Der Kaiser ist seit jener Zeit, soviel mir bekannt ist, nicht mehr in die damals durchreisten Gegenden des unter seiner Regierung aufgeblühteu Ungarlandes gekommen. Aber bei seinem wunderbaren Gedächtnisse wird er gewiß beim Empfange der Nachrichten über die Besiegung und Vertreibung der Moskowiter ans den Karpathen seiner vor 64 Jahren dort gemachten Reise und Erlebnisse sich erinnert haben. ■ Russische Tage Weil eine Reihe von schönen Tagen, nach des Dichters Ausspruch, schwer zu ertragen ist, hat uns das Schicksal anfangs September vorigen Jahres eine schier endlose Zahl trauriger und häßlicher Tage beschieden, an die wir nur mit grauenhaftem Schrecken und Entsetzen znrückdenken. Ende August zogen sich unsere wackeren Krieger, nachdem sie den Russen bei Mahala die erste verlustreiche Schlacht geliefert, über döheren Kommandobefehl zurück und wir wußten nun, daß dem Ennnarsch des Moskals in Czeruowitz kein Hindernis mehr im Weg stehe. Wer am meisten vor dem Unhold fürchtete, das war natürlich die jüdische Bevölkerung, der es nicht unbekannt geblieben, wie sehr man im Zarenreiche vor der Peil,che zittert und daß der Jude dort unter dem Drucke Harrer Verhältnisse nur selten in die Lage kommt, eine men, chen würdige Existenz zn führen. So malte sich denn ans allen G.sichlern große Angst und Bestürzung ans und jeder von uns rechne.e dnmit. daß der Einzug des mordlüsternen Feindes gtelchsam sein Leben beschließen würde. Zwei Tage lang inni leien wir vergebens ans die uns drohende Gefahr der inisi'ch n Invasion nnd als am dritten Tage, das ist üm 3. L'plember 1914, die erste russische Patrouille in der russiicül i, Gasse sichtbar wurde, entstand eine furchtbare Panik.