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Die Wahrheit · 1915-09-03 · Heft 30 (3.9.1915) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 30 (3.9.1915)
Date
1915-09-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 30 begauneu in diesem Jahre von neuem die Hetze auf „Iss Zchckssirakles“, die Unerwünschten, worunter die rumänischen und russischen Inden gemeint sind, die der Verfolgnvgswut entgangen, in Frankreich ein Asyl gefunden haben. Diese Hetze hatte zur Folge, daß auch die Lage derjenigen russischen Juden, die zu Beginn des Krieges sich zur Fremdenlegion gemeldet hatten, unerträglich wurde, da sie von den Offizieren uicht anders als mit „Schweinehunde" bezeichnet wurden. Als aber die jüdischen Legionäre gegen diese unwürdige Behandlung in Carency Protest eingelegt hatten, wurden nenn von den Beschwerdeführern hingerichtet und achtzehn zu Zwangsarbeit verurteilt. Bemerkt sei noch, daß gegen dieses himmelschreiende Unrecht keiner der großen Vorkämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit seine Stimme erhob, mit Ausnahme von Gustav Herve, der im „Guerre Sociale" dieser Affäre mit einem gewisien Schamgefühl Erwähnung tat. Auf das neue französische Gesetz, das alle russischen Juden zum Eintritt in die französische Armee zwingt, wenn sie nicht an Rußland ansgeliefert werden sollen, sind von mir in diesem Blatte bereits einige Streiflichter geworfen worden. Znsammenfassend kann also gesagt werden, daß das bundesgenössische Rußland seinen zersetzenden Einfluß auf Frankreich auszuüben verstand und daß -diejenigen enttäuscht sein werden, die das Umgekehrte erhofften. Was wunderts denn da, daß die bloße Üeberschrifl: „Die Lage der Inden in Rußland" in der „Hnmanite" von der Zensur beanständet und auf deren Befehl sofort entfernt wurde! Exempla trahunt! Auch England scheint in der Jndenfrage eine Schwenkung nach rechts gemacht zu haben. Der jüdische Minister wurde seines Einflusses beraubt und, wie die Blätter zu melden wissen: auf die Vorstellungen ans Petersburg hin. Allerdings, vor Tische las maus anders. Da versprach Grey Mr. Zungwill sich für die Verbesserung der Lage der Inden in Rußland eiuzusetzen und fand bei diesem nur allzu große- Gehör. Nun wird gegen die Scheußlichkeiten in Rußland uicht nur von England kein Protest eingelegt, sondern das jüdische Blatt „Jewish. Times“, das gegen die Verfolgung der russischen Juden Stellung nahm, eingestellt. Und doch ist es gar nicht so lange her, daß ein geharnischter Protest Londoner Notabeln in einem Meeting in Guildhall (1890) gegen die Judenverfolgung in Rußland lautesten Ausdruck fand. Jetzt muß man halt Rücksicht auf . den Bundesgenossen nehmen. Wahrlich! Es fehlt nur noch, um die Herren an der Sängerbrücke zufrieden zu stellen, so ein kleines Schauspiel von einem Judenmassaker in Whitechapel zu bieten und die Herren an der Themse und Newa würden sich die Hände reichen können. Ja, es ist wirklich nicht ratsam, mit einem Tartaren aus einer Schüssel zu essen! In Oesterreich-Uugarn und in Deutschland hat die altbewährte jüdische Vaterlandsliebe die Feuertaufe glänzend bestanden, was auch von höchster Stelle anerkannt wurde. Seite an Seite kämpfen und kämpften sie mit den anderen Nationen durch Not und Gefahr vereint, kämpften und — starben. Ein beredtes Zeugnis für die jüdischen Heldentaten in diesem Kriege sind die vielen Auszeichnungen, die diesen würdigen Nachkommen der Makkabäer zuteil wurden. Haben doch in Deutschland allein bisnuu 3600 Juden das Eiserne Kreuz zweiter Klasse und elf das Eiserne Kreuz erster Klasse erhalten. Es genügt aber auch, einen Blick auf die Verlustlisten der Verbündeten zu werfen, um da eine Unzahl von den „bekannten Namen" zu finden, die dem Judentume für alle Zeiten zum Ruhme gereichen werden. Ein jüdischer Legionär in Frankreich schrieb an einem Abend vor seinem Heldentode: „Der Tod flößt uns keine Furcht ein, wenn wir daran denken, daß er nicht unbemerkt vorübergeheu wird, daß für die verfolgte jüdische Rasse irgend etmas Gutes daraus folgen wird. Wir werden... zeigen, daß die Juden für ein Vaterland zu sterben verstehen, das keinen Unterschied zwischen seinen Söhnen macht". So denken die jüdischen Helden und so besiegeln sie ihre Treue zum Vaterlande mit - ihrem Blute. Dies gilt insbesondere von den jüdischen Jünglingen i n d e r Türkei, die, größtenteils aus Rußland stammend, sofort nach der Kriegserklärung der Pforte zn den Fahnen eilten und eine zionistische Legion bildeten. Sie kehrten ihrer stiefmütterlichen Heimat den Rücken, nahmen das ottomanische Staatsbürgerrecht an und kämpfen heroisch gegen ihre ehemaligen „Landesgenossen" im Kaukasus. Auch die anderen aus Rußland stammenden Inden ließen sich in der Türkei naturalisieren, insoferne sie nicht in Rußland ihre Güter zurückgelassen hatten und ans die Geldsendungen von dort angewiesen waren. So zeigen sie, was für sie ein Vaterland ist, „das keinen Unterschied zwischen seinen Söhnen macht". Dieser Krieg, der die Welt in zwei Lager teilte, mußte auch die Juden der neutralen Länder in Mitleidenschaft ziehen und sie Partei ergreifen lassen. Nun ist es von Interesse zu lesen, was die deutschen Zeitungen im Reiche von einem Amerikaner zu erzählen wissen, der zu Beginn des Krieges in Deutschland war und dann eine Rundreise durch die neutralen Länder machte. Dieser sei zur Ueberzeugung gekommen, daß die Christenheit der ganzen Welt Deutschland leidenschaftlich hasse und daß Deutschland und Oesterreich-Ungarn einzige, wirklich treuen Verbündeten die Mohammedaner und die einzigen Frennde Deutschlands in der ganzen Welt die Juden sind. Der Amerikaner war erstaunt, .in Saloniki Juden und Griechen raufen zu sehen, weil die Griechen deutsche Flaggen verunglimpften und die Fahnen der Entente umhertrugen, während die Juden diese Wegnahmen und zerfetzten. Bemerkt sei noch, daß dies s p a n i o l i s ch e I u d e n waren, die mehr Beziehungen zu England und Frankreich als zu Deutschland unterhalten und auch eher französisch als deutsch sprechen können. Es ist nur natürlich, daß man bei der Entente, insbesondere aber in England, unablässig bemüht war, die Sympathien der amerikanischen Juden für Deutschland zu vergiften. Ein Sündenregister wurde gegen Deutschland ansgestellt, alte, antisemitische Reden ins Gedächtnis gerufen, was dem deutschen Botschafter in Amerika, Grafen Bernstorff, veranlaßte, eine Erklärung dem Redakteur des „Tug" abzngeben. wonach in Deutschland ein neuer Kurs beginnt und die letzten Schranken gegen die Juden, durch die Erfahrungen des Krieges fallen werden. Dem sei nun wie es will, die Juden der ganzen Welt wissen, daß sie keinen Sieg der Verbündeten Rußlands herbeiwünschen können. Mil vollem Vertrauen blicken sie daher ans den Reichskanzler, der versicherte: „Ein Neues muß entstehen . . Ehe noch das Jahr den neuen Kreis beginnt, wollen wir auch der Toten dieses Jahres gedenken. Denn der jüdische Nenjahrstag wird nicht durch Feste und Schwelgereien gefeiert, sondern alt und jung wallt sehnsuchtsvoll und den inneren Frieden für die zwiespältige Seele suchend ins Gotteshaus und so manche Frau wird da ihres geliebten Sohnes oder Gatten gedenken, den sie in fremder, kalter Erde gemeinsam mit solchen, die er nie gekannt und vielleicht nie gesehen hat, hingebettet haben. Es ist uicht jüdische Sitte, an der Bahre der Verstorbenen Kränze niederzulegen. Zn den Gräbern aber ihrer Lieben pflegten unsere Mütter in diesen „surchtbringeuden Tagen" zu pilgern und dort lindernde Tränen zu vergießen. Allein, jetzt ist mancher Mutter auch dieser Trost nicht gegönnt, da sie auch den frischen Hügel nicht kennt, wo ihr Liebstes die ewige Ruhe fand. So wird sie vor dem Altar Gottes ihr Herz ausschntten und an die biblische Rahel erinnern, von der es heißt: Rahel weint itm ihre Kinder. Wenn es aber sür manche als Trost gelten kann, daß ihre Lieben den Heldentod für eine heilige Sache gefunden, daß durch den Einsatz ihres Lebens das Land der Knechtung und Entrechtung, die Frauen der Schande entgangen sind, so haben wir Juden in diesem Jahre auch Märtyrer zu beklagen, die nicht kämpfend ihre Seele anshauchten, sondern von einem grausamen Feind grundlos gemartert und hingerichtet wurden. Für die Hinterbliebenen dieser Opfer ist kein Trost da, sondern die göttliche Verheißung, die unsere

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