Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 30 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: Wien, II., Novaragasse 27 Telephon: Redaktion Automat 42.883. Administration Aut. 47.554 K. k. österr. Postsparkassa» Scheck-Konto Sit. 100.918. Inserate: Die viernial gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnements- und JnsertionS» betröge sind in Wien zahlbar und klagbar. «abhängige Zeitschrift für Mische Iitterejseu. Erscheint jeden Kreit»;;. Netto: „Das LisAsI Oottss ist Wahrheit!“ Bezugspreis: Ganzjährig.K 15.— Halbjährig.K 7.50 Für Knltusbeaiute: Ganzjährig.K 10.— Für Ausland: Ganzjährig.8 Mark 8 Rubel oder 18 FrcS. Kr. 30. Wien, 3. Keptemder . tiM5 Inhalt: Das Jahr 5675. — Der Sieg über die Russen und seine Folgen. — Eine Reminiszenz zum 85. Geburtstage des Kaisers. — Rnjsis ch e Tage. — Egerer Landstürmer. — Eine psalmistische Sommerstudie. — Verschiedene Nachrichten. — Oesterr-ungar. Kantorenverem. ■oron raus De» geehrten Lesern, Mitarbeitern und Freunden unseres Blattes entbietet die herzlichsten Glückwünsche zum neuen Jahre die Redaktion. Das Jahr 567S. Wieder rollt ein Jahr seinem Ende zu. Ein Jahr! Achttausendsiebenhnndertsechzig Stunden der Aufregung und Sorge, des Kummers und der schwersten Bedrängnis. Das jüdische Neujahr ist nicht von konfessioneller Bedeutung, wie dies bei anderen Völkern der Fall ist, sondern ist ein Neujahr der Weltgeschichte. Denn „hajom harath olom“, „heute ist der Tag, an dem die Welt entstand", erschallt es am Nenjahrstage in unseren Bethänseru. Mit Wetimnt blicken wir beim Beginn des neuen Jahres auf das vergangene zurück, und „Sichronotli“, Erinnerungen werden nn Gebete eingeschaltet, Momente des Gedenkens, auch der Weltgeschichte. An der Wende dieses ereignisvollen Jahres wollen wir einen Rückblick ans das, was dieses Jahr uns Juden gebracht hat, werfen. Denn, wenn auch das Schicksal der Inden in diesem Weltkriege mit dem der Völker, in deren Mitle sie leben, zum größten Teile eng verknüpft ist. wenn sie auch die schwersten Opfer an Gut und Blut auf dem Altar des Vaterlandes zu bringen und alle Entbehrungen aus sich zu nehmen gezwungen sind, so haben wir Inden doch stets doppelt zu leiden: als Menschen und Inden. „Ki lokeho . . . kiphlaim becliol chatauselio“ ruft Jejaias Jerusalem zu, „sie erhielt das Doppelte für ihre Sünden". Dies hat sich in der jüdischen Geschichte seitdem stets bewährt : wir erhielten immer das Doppelte. So war es nun voransznsehen, daß die Juden in diesem Völkerringen ungeheuer schwere Opfer bringen würden, zumal es gegen unseren Erbfeind, den Zarismus, ging. Es war daher selbstverständlich, daß in Rußland und überall, wo es dem Zarismus gegönnt sein wird, Fnß zu fassen, ein Vernichtnngskamps gegen die Juden nach bewährtem Muster einsetzen wird. Daß aber alle Befürchtungen von der Wirklichkeit übertroffen wurden, daß die moskowitische Teufelsbrut, an Pogrome gewöhnt, sich selbst zu überbieten vermag. ist jetzt sattsam bekannt und ist nur.nach den Reden Wiljnkows und ches .jüdischen Abgeordneten Fr iedmann in der Duma zur ilnbestreilbaren Tatsache erhärtet worden. Allein, was als Trost in dieser Not gelten kann, ist, daß in diesem Jahre zwei Millionen Juden in Russisch-Polen vom russischen Joche befreit wurden und daß die begründete Hoffnung vorhanden ist. daß auch für die anderen Inden Rußlands mit der Niederlage des russischen Absolutismus, die jetzt schon besiegelt zu sein scheint, eine neue Aera heranbricht. Pobjedonoszew war Oberproknratur des Heiligen Synods. Er war einer jener Priester, die ihren Altar zu politischen Zwecken ansnützen, beiläufig wie es jetzt Eulogius, Patriarch von Wolhynien, ist. Beiläufig, weil jener der Allmächtige war. und nach den Rechtgläubigen, der Verwalter Gottes ans Erden. Dieser Priester glaubte, die Jndenfrage in Rußland auf einfachem Wege lösen zu können. „Ein Drittel", sagteer, „würde answandern, ein Drittel sich taufen lassen und ein Drittel in Pogromen ausgerottet werden." Die Juden ausrotten! Billiger wollte es dieser noble Gottesmann nicht machen. Nun scheinen die Zentralmächte das Judenprobtem in Rußland auf ganz radikale Weise lösen zu wollen. Ein Drittel in Russisch-Polen ist hoffentlich für immer befreit itnd die anderen werden es wohl mit dem ganzen rnssischen Volke durch den Zusammenbruch des Zarismus werden. Denn jetzt schon, nachdem die „Dampfwalze" mangelhaft und reparatltrbedürftig ist, nachdem sie statt nach dem Westen nach dem Osten sich bewegt, wird der wankende Zarismus nachgiebig und erklärt, daß die mnere Politik durchdrungen sein muß ..von dem Grundsätze der Unparteilichkeit und des Wohlwollens gegenüber allen treueit russischen Bürgern ohne Unter schied der Nationalität, des Glaubens und der Sprache". Jawohl, nur lassen sich unterdrückte Nationen nicht ködern und mißtrauen Konzessionen, die in der Not gemacht werden und vollends, wenn sie gar von einem Reaktionär wie Goremykin gemacht werden. Die Inden wie die anderen Nationen Rußlands wiffen, wessen sie sich zu gewärtigen haben, wenn die nationalistische Welle ins Uferlose sich erheben soll. Erst wenn die Goremykius hiuweggefegt werden, wenn dieser Sippe von Schmarotzern die Herrschaft über Millionen entrissen wird, kann auch für die Juden die Sonne besserer Tage anfgehen und erst dann werden sie ein menschenwürdiges Dasein führen können. In Frankreich, einem Lande, das stolz ist ans die Kulturwerte, die es der Menschheit gegeben hatte, sind gewisse . Anzeichen vorhanden, daß mau dort mit den Traditionen, die die „Gloire" des Landes bilden, zu brechen beginnt. Die antisemitischen Blätter mit „Petit Parisien" an der Spitze,