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Die Wahrheit · 1915-08-20 · Heft 29 (20.8.1915) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 29 (20.8.1915)
Date
1915-08-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 6 Die Wahrheit Nr. 29. Diese Worte schrieb kein Deutscher, sondern Lin Franzose. der Frankreich leidenschaftlich liebte, den sie aber vor dein Kriege aus dein Wege schafften... Dieses schrieb vor zehn Jahren Jaur-b in seiner am gehaltenen „Berliner Rede". Und der Fall von Warschau gibt ihm Recht und rächt'sichbitter au dieser Abelueiter- - und Revanchepolitik. Das Künstlich zltsammenAekoppelte Bündnis zur Einkretsnng Deutschlands: löst sich auf. eine riesige Bresche ist darin geschlagLn und Rußlarid wird aus den-Angeln.gehoben. Wie schmerzensreich mußten sie in den Eutenteländern dieses wahrnehmen! Nach dem russtich-japauischen Kriege war ..Mnkdeu" das Schreckenswort für den Zarismus. In der Duma wie in der russischen Literatur kehrt dieser Name immer wieder, wenn vom korrupten russischen Regime die Rede war. Doch was ist Mnkden im, Verhältnisse zu Warschau? Ein Scharmützel,. eine Plänkelei! Das russische Heer geschlagen, aus der Hanplstadl Polens verjagt, das ist etwas, was zn denken gibt. . . und auch einen Zaren verbittern kann. Von besonderen Interesse muß auch für uns Juden der Fall van Warschau sein. Denn man darf wohl behaupten, daß keine jüdische Gemeinde unter dem russischen Regime so sehr geknebelt wurde, wie diese größte jüdische Gemeinde Europas mit ihren 300.000 Seelen. Dank der verhetzerischen Tätigkeit der zarischen Tschinowniks gestaltete sich in den letzten Jahre» das Verhältnis zwischen Juden und Polen in der polnischen Hauptstadt immer unerträglicher, bis es auf dem Siedpunkte anlangte. Die russische Regierung, die nach dem römischen Grundsätze divide et impera die Nationen auf eiuander und alle aus die Juden zu hetzen verstand, fand in Warschau nur zu sehr den günstigen Resonanzboden für ihre wühlerische Arbeit. So wurde nach verschiedenen Kombinationen den Inden in Warschau das Uebergewicht bei den Wahlen in die Duma eingeränmt, um dann der polnischen Bevölkerung das Ammenmärchen von einer Bedrohung Polens von Seiten der Inden anfzntischen. Tatsächlich waren die Juden durch ihre ..Majorität" vor die Alternative gestellt, entweder einen Antisemiten in die Duma zu entsenden, da die Allpolen mit ihrem Terrorismus keinen bürgerlichen, freiheitlichen Polen kandidieren ließen, oder einen Juden zu wählen, was natürlich Wasser ans die Mühle der Regierung wäre, um „beweisen" zn können, daß die Inden die Hauptstadt Polens und somit ganz Polen an sich gerissen haben. Beim ausgeprägten jüdischen Bewußtsein in Russisch-Polen wiesen sie selbstverständlich das Ansinnen der Allpolen, einem Antisemiten ihre Stimmen zn geben, mit Entschiedenheit zurück, sie vermochten aber nicht überhaupt von den Wahlen Abstand zu nehmen, da dieses als ein Verzicht auf ihre ohnedies spärlichen politischen Rechte gedeutet werden könnte. Sie machten daher notgedrungen einen Kandidaten ausfindig, der ursprünglich schon aus Rücksicht für die Regierung gar nicht in Betracht kam, und der auch ganz und gar nicht geeignet war, ihre Interessen in der Duma zu vertreten: sie wählten einen sozialdemokratischen Arbeiter, den Polen Fagello. Nun brach die Hölle los! Die Allpolen, an deren Spitze der bekannte, russophile Roman Dmowski steht, erklärten den Juden den Boykott. Banden wurden mit Knuten ausgerüstet und vor die jüdischen Läden geschickt, und wehe dem Christen, der es wagte, einen jüdischen Laden zn betreten.. Ein Volksblättchen „Diva Grosche" wurde gegründet, in dem täglich giftgeschwollene Artikel gegen die Inden erschienen, Verläumdnngen niedrigster Art den Juden augedichrel, und worin auch die Namen derer an der „Schandsäule" genagelt wurden, die mit den Juden den geschäftlichen Verkehr fortsetzten. So wurden die Fackeln der Zwietracht in die untersten Schichten des Volkes getragen, die niedrigsten Instinkte der Massen ansgestachelt, deren Folge die täglichen Ausschreitungen gegen die Inden waren, weil die Juden keinen Antisemiten, sondern einen Sozialdemokraten wählten. Die Leiden der Inden unter diesen Verhältnissen seit Ausbruch des Krieges, die bei den Russell als deutsche Spione, bei den Deutschen als russische Spione von den Polen denunziert wurden, spotten? jeder Beschreibung und werden erft nach dem Kriege veröffentlicht lueibeitföiuten. ■>. Nim hoffen wir, daß mit-der Befreiung Polens vom russischen Joche und mit dem Einzug der Deutschen in! Warschau diesem empörenden - Zustand - ein Ende bereitet , wird. Auch die Polen wissen es jetzt,' daß dieselben, welche! den ruchlosen, Bürgerkrieg entfacht hatten, gemeine Hand-. j langen der Rüssen waren: Denn, die Leidensgeschichte Poleirs:! unter; der russischen Knute vergessend, als ob sie mit der Vergangenheit gebrochen hätten, entdeckten die'Dmowski plötzlich bei dem Zarismus ein polenfrenndliches Herz und sprechen nun von den Banden, die das ruffische und-polnische Volk: einigt. Schänder der Namen der Märtyrer, die in den polnischen Aufständen gehenkt oder verbannt wurden, sind: es, die jetzt mit dem Zaren liebäugeln und von „den Gräbern der Vergangenheit" sprechen. Ihre Namen verdienen auf jenem Obelisken zu „prangen", den die russische Regierung den acht polnischen Verrätern in Warschau errichtet hatte, mit der höhnischen Aufschrift: „Den ans Treue zu ihren Monarchen gefallenen Polen", und bei dessen Anblick jeder Pole die Fäuste ballt. Die Juden aber, die schon so oft ihr Blut für die Freiheit Polens vergossen haben uitb deren viele noch jetzt in der Warschauer Zitadelle schmachten, werden gewiß die ersten sein, die die Hand zur Versöhnung bieten und so wiederum ihre Liebe zn Polen und ihr Verständnis für die polnischen Interessen bekunden werden. Sache der Polen aber wird es sein, in die entgegengestreckte Hand einznschlagen. Denn ein geknechtetes Volk, das auf Sympathien anderer angewiesen ist, verwirkt sein Recht auf: Mitleid und Befreiung, sobald es andere unterjochen und vernichten will. Erst durch die Duldung anderer und die Eintracht aller könnte für das befreite Polen die Sonne besserer Tage aufgehen, wodurch auch das Los zweier Millionen Inden gebessert werden, wird. „Wenn die Nationen erniedrigt und unterdrückt sind', dann tragen sie bebend das ihnen anferlegte Joch und bereiten die Erlösung vor, indem sie von Generation zu Generation eine traurige Erbschaft von Haß und Rachedurst überliefern." Diese schönen Worte schrieb vor Kurzem das Oberhaupt der katholischen Kirche. Wir Inden können nur wünschen, daß dieser edle Satz bei allen Herrschern und Völkern Eingang findet. Auch manchen Zeitungen, die stolz das christliche Banner zn ihrem Schilde erhoben haben, wäre diese Stelle als Leitstern zu empfehlen, damit sie sich des Vorwurfes entledigen, daß sie wohl römisch aber nicht katholisch sind. A—k. Kestgottrsdienst und Kestverjainmtnilg der Knltnsgememde. Aus Anlaß des 8b. Geburtstages des Kaisers fanden Mittwoch, den 18. August in sämtlichen Synagogen Wiens Festgottesdienste statt. Der Hauptgottesdienst wurde wegen Platzmangels im Tempel der Inneren Stadt im Leopoldstädter Tempel abgehalten, an welchem der gesamte Kultusvorstaud, unter Führung des Präsidenten Dr. Alfred Stern und des Vizepräsidenten Landesschulrat Dr. Gustav Kohn — der zweite Vizepräsident Hoftat Dr. Benjamin Rappaport ist nicht irr Wien — der Bethausvorstand, die Mitglieder der Bezirkskommisftouen, die Beamtenschaft der Kultusgemeinde mit dem Sekretär Dr. Emil Adler sowie viele hervorragende Gemeindemitglieder teilnahmen. Es waren ferner Mitglieder des Gemeinderates, der Bkzirksvertretnng Leopoldstadt und Abordnungen vieler Vereine erschienen. Der Festgottesdienst wurde eiugeleitet durch einen von Professor Josef S u l z e r für diese Feier komponierten Psalm Nr. 21. Die Festrede, die einen nachhaltigen Eindruck auf die Anwesenden äusnbte, hielt Herr Rabbiner Dr. M. Grunwald, worauf bei offener Bundesläde das Küisergebet gesprochen und die Völkshymne gesungen wurde. Obei'kaütor Morgensterntrug,

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