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Die Wahrheit · 1915-08-20 · Heft 29 (20.8.1915) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 29 (20.8.1915)
Date
1915-08-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29. Die Wahrheit Seite 5. setzten, unsere Freunde betrübten und unseren Feinden die größte Schadenfreude bereitete. Hinsichtlich des Prozesses gegen die f o z a l i st i s ch e n D u m a m i t g l i e d e r nahm ich Einsicht in die Akten und erkannte, daß dieser Prozeß Mil Symbol rnssischer Rech tsv erd rehnug für älle Zeiten bleiben wird. Die Verurteilten sind v ö I li g n^tschuldig^ Mit dem Abgang des Kriegsministers sei nichts getan, da er die D u m a direkt bet r o g e n habe". Nachdem Miljukow vollständige A e n d erungdesi n » e r e n Kurses und gerichtliche Untersuchung über den Kriegsminister, dessen Handlungen als S t a a t s v e r b r e ch en zu betrachten seien,! verlangt hatte, wurde dessen ungemein beifällig ausgenymmene Rede von einem wahren Beisallssturme belohnt. Bedenkt man, daß Miljukow zu den ehrlichen Patrioten Rußlands gezählt werden muß, dann kann man sich erst vorstellen,, was die anderen Mitglieder der Opposition in der Duma Msagen hatten. Haben dieselben doch durch Androhung derMbHHlktion in der Duma die Abs e n d u n g ein e r H u l d i g ulit.S dxpesche a n den Zaren v e r h i n d e r 1. < Das-,Väterchen' mag nun wohl bei Anhörung solcher „Stimmen der russischen Erde" schaudern. Im Geheimen und Verborgenetz mag er ebenfalls bereits sriedenswillig geworden sein und deh deutsche Reichskanzler hat keinesfalls aus einem hohlen Fasse^ gesprochen, als er neulich einer Abordnung der amerikanischetz „United Preß" versicherte, daß Deutschland an die Siege in Polen vor allem die Hoffnung knüpfe, daß sie die Beendigung des Krieges beschleunigen würden. Er erinnerte dabei au die letzte Kundgebung des benschen Kaisers (31. Juli), nach welcher Deutschland für einen Frieden kämpfe, der ihni und den Mächten, die att seiner Seite den großen Kampf führen, diejenige feste S i cher he i t gewähre, deren Deutschland für einen dauernden Frieden und seine nationale Zukunft bedürfe. Ueber Deutschlands Grenzen , hinaus werde der erstrebte Friede allen Völkern die Freiheit der Meere verbürgen und allen Nationen die Möglichkeit eröffnen, im freien Wettbewerb den Werken des Fortschrittes und der Gesittung zu dienen. Bedenkt man, daß noch vor kurzer Zeit die deutsche Regierung vor Friedenshoffnungen in Anbetracht der Haltung der Gegner warnte, dann muß man wohl vermuten, daß nun in letzter Hinsicht ein gewaltiger Wandel stattgefunden haben muß. Die letzte Verlautbarung Paincarss klingt auch bereits viel bescheidener als seine früheren Proklamationen. Alle Hilfegesuche an Japaner und Italiener, alle Bitten und Drohungen an die Balkanstaaten, zu Gunsten der Entente einzugreifen, fruchteten bisher nicht und einzelne Balkanstaaten drohen sogar im Interesse der Zentralstaaten einzugreifen. Da ist es wohl leicht möglich, daß das schwer bedrängte Frankreich endlich die Lust verliert, noch ferner für die Interessen Englands zu bluten, zumal wenn ihm Deutschland versöhnlich die Hand böte. Nach der „Norddeutschen allgem. Zeitung" w e i st die deutsche Regierung vernünftige Friedensangebote gewiß nicht a limine z u r ü ck. Wohl mögen Italien und England vor dem herannahenden Frieden zittern, denn diesen Staaten dürfte er sicherlich keine Vorteile bringen. Ist aber einmal Rußland und Frankreich sriedenswillig, dann müßten die anderen Mitglieder des Vierverbandes eben auch in den saueren Friedensapfel beißen, denn wenn sie mit den Zentralstaaten gegenwärtig nicht fertig werden können, wo ihre Kräfte so sehr zersplittert werden, dann ist es wohl ganz ausgeschlossen, daß sie Lust verspüren könnten, ohne die weitere Hilfe ihrer mächtigen Verbündeten weiter gegen die siegreichen Zentralstaaten zu streiten. Die im Kriege .verwickelten Kleinmächte können selbstständig überhaupt nicht .handeln und werden naturgemäß von ihren übermächtigen Ranbkomplize» kommandiert. v Hoffen wir also, daß der schreckliche, männermordende Mars bald wieder sein Schwert in -ie Scheide stecken werde» Gewütet hat er bereits lange uMl-gewaltig genug. Die Raubunternehmungew. im Großetz erwiesen - sich im letzten Weltkriege als zu gefährlich und risikoreich. Weder das raubsüchtige Zarentum, noch das herrschsüchtige England und die beutelüsterne italienische Regierung sind auf ihre Rechnung gekommen und werden Federn laffen miiffen. Dies ist im Interesse der Völkermoral sehr erfreulich. Auch der englische Seeriese wird seine Uebermacht znr See zum Segen aller anderen Kulturvölker gewaltig einbüßen und wird es schwer bereuen, , einen Lokalkrieg zum Weltkriege erweitert zu haben. Weniger, prosaische Gründe trieben das betrogene Frankreich zum Kriege und die Sympathien der aufgeklärten Welt bleiben ihm gesichert. Ist der Weltkrieg beendet, dann dürfte es wohl selbst einen Bund mit dem Zarentume in Zukunft perhorreszieren. Ein Raubkrieg dürfte aber in Zukunft ausgeschlossen bleiben und der Wahnsinn des blinden Rationalitätenhasses dürfte auch nicht mehr ausflammen. Die Juden auf dem Erdbälle dürfen mit dem Ausgange des hoffentlich bald beendeten Weltkrieges ebenfalls zufrieden sein und in den kommenden großen Feiertagen ihren Dank am Altäre des Gebetes ihrem Gott bringen. R. L. Marschau. „Hakol tolu bemasol aphilu sepher-tora schebeb.ecbol“. „Alles hängt vom Glücke ab, sogar die Thora in der Lade", so lautet ein alter kabbalistischer Satz. Wir können hinzufügen: auch Städte. Es gibt Dörfer und Flecken, die weltbekannt sind, weil sich in ihrer Nähe wichtige geschichtliche Ereignisse abspielteu, deren Namen also Klio in ihren ehernen Tafeln mit unauslöschlichen Zügen eingrub. Die Namen Marathon und Zama, Waterloo und Sedan werden wohl zu allen Zeiten in Hans und Schule fortleben und den Kindern schon eingeprägt werden. Es gibt hinwiederum Städte, die infolge ihrer Schönheit und Einwohnerzahl eine größere Bekanntschaft verdienen, dennoch aber nur eingeweihten Geographen oder nur ihrem Namen nach bekannt sind, bis sie durch gewaltige historische Ereignisse in den Mittelpunkt des Interesses gelangen. Zu den letzteren gehört auch Warschau. Gleich zu Beginn des Krieges schwebte der Name dieser Stadt ans den Lippen aller und die Hoffnungen der Bewohner Mitteleuropas klammerten sich an den Fall dieser Feste des Moskowitertums. Schwere Tage waren inzwischen hereingebrochen. Tage der bittern Enttäuschungen und der Sorge um die eigene Scholle und um die Freiheit Europas, das unter den Tatzen des nordischen Bären erstickt zu werden drohte. Und siehe da! Nach den Siegen bei Gorlice, Tarnow, Przemysl und Lemberg tauchte der Name Warschau wieder auf, ohne von den anderen Ereignissen sich verdrängen zu lassen. Mit besonderer Aufmerksamkeit wurden die Generalstabsberichte gelesen, die den Namen dieser Stadt erwähnten, jedes Wort darin wurde gedeutet und verschlungen. Dann ging es Schlag ans Schlag. Unsere Truppen nähern sich Warschau. Westlich Warschau wird heftig gekämpft. Bor Warschau wurden die Russen aus der Blonie-Stellung in die äußere Fortlinie geworfen. Die Stadt wurde heute vormittags durch unsere Truppen besetzt. . . Mitteleuropa atmete auf und die Entente — trauert. Wie anders, ganz anders stellten s i e sich den Krieg vor! Väterchen Zar saß in Zarskejo Selo und träumte von einer Weltherrschaft, „so was vom Regiment der Welt, was einem jeden wohl gefällt", denn im Kopfe hat das keine Schranken, das waren so seine liebsten Gedanken. Er berief seine Dunkelmänner, die ihn in seinem Wahne bestärkten/ ergab das Signal zum höllischen Tanz, setzte die Jakobinermütze auf, um Frankreich im Wirbel mit sich zu reißen. „So wurde das republikanische Frankreich im fernen Osten die Magd der Machtbegierde und Unklngheiten Rußlands. . . Frankreich bereitete unbewußt die Konflikte vor, die später ausbrechen sollen, es schürte unbewußt Abenteuer, in die es eines Tages hineingerissen werden konnte und dieselbe reaktionäre Politik, die die Freiheit gefährdete, brachte auch den Frieden in Gefahr."

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