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Die Wahrheit · 1915-08-20 · Heft 29 (20.8.1915) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 29 (20.8.1915)
Date
1915-08-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr. 29 Seite 4. ‘ Die Wahrheit werden [tum den kriegführenden Germanenf die Freiheit und üll die schönen Namen vorgcschützt). Und wofür führten Ludwig XIV. und Napoleon die Kriege? Natürlich für die „Libertin" der kleinen Völker! Nun führt auch, nach Lloyd George, Rußland den Krieg für die Freiheit Europas! Im „Faust" heißt es: „sie lispeln .englische, wenn sie lügen." Wenn wir nun statt des adjektivisch gebrauchten „englisch" (von Engel) „Englisch" als Substantiv schreiben werden, so paßt es für die jetzigen englischen Maulhelden ganz genau. * * * In der vorigen Nummer dieses Blattes schrieb ich, haß „russische Spione, um die Behörden irrezuführen, die Juden anzeigten und so das echtrnssiiche System des berüchtigten'Drovokateurs Azew Hier in Anwendung brachten". Und ferner in bezug ans die angebliche Spionage der Inden: „Nun kann mau sich denken, was da .unbestreitbare Mitschuld' einiger Juden heißt in einem russischen Kriegsgerichte, das unter dem Einstusse des russischen Generalissimus steht, des Großmoguts *) aller Judenfresser und Henker unter der Sonne!" Als krasser Beleg für diese Behaltptungen mag folgende Affaire dienen, die die russische Zeitung „Nasche Slowo" berichtete: In Lomza denunzierten zwei Agenten der Ochrana einen jüdischen Kinematographeubesitzer, namens Eisenbiegel. daß sich angeblich bei ihm em Telephon zu Spiouagezwecken befinde. Eisenbiegel wurde verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt. Im Lause der kriegsgerichtlichen Untersuchung stellte es sich heraus, daß der Agent Czupranyk den Telephonapparat in die Wohnung des Eisenoiegel geschmuggelt und dann von ihm 5000 Rubel für die Unterlassung der Anzeige verlangt hatte. Das Gericht ordnete die sofortige Freilassung des Eisenbiegel an, während gegen Czupranyk und Konsorten die strafgerichtliche Untersuchung eingeleitet wurde. Bei der Hauptverhandlunq wurde aber zum Erstaunen des Vorsitzenden Generals Eisenbiegel als Zeuge aus der Haft vorgeführt. Auf die Frage, warum der Mann nicht enthaftet wurde, emaielt der General die Ant-' wort, daß gegen Eisenbiegel noch ein zweiter Spiouageprozeß in Schwebe sei. Der General ließ aber die Sache nicht auf sich beruhen, konstatierte, daß die Erzählung von einem zweiten Prozeß frei erfunden war und ließ Eisenbiegel enthaften. Im Laufe der Verhandlung wurde erwiesen, daß auf die Anzeigen des Czupranyk allein seit K r i e g s b e g i u n nicht weniger als siebzehn jüdische Bürger gehängt worden sind. Die fieberhafte Geschäftigkeit der verbrecherischen Baude war durch einen noch im Zlpril d. Z. erlaffenen Befehl an die Ochrana angespornt, speziell nach jüdischen S p i o n e n z u fahnden. Was sollen wir nun dazu sagen? Frankreichs Verbündeter, der für die Meuscheurechle und Freiheit kämpft! Ach, armes Frankreich! Es lut mir schon lange weh, daß ich dich in der Gesellschaft seh. * * * Wie eine Oase in der Wüste muß in diesem Chaos, wo jede Kulturgemeinschaft zwischen den Völkern in die Bräche ging, die Nachricht erscheinen, daß Vertreter zahlreicher Kulturvereiue in der Schweiz sich versammelten, um eine internationale Kommission „zum Schutze der bedrohten Menschheitsinteresfen" zu bilden. Wir Juden wissen diesen Aposteln der Kultur besonderen Dank, daß sie „gegen das harte Vorgehen der russischen Regierung gegen die jüdische Bevölkerung in Rußland" Protest erheben. Es wäre jedoch zu wünschen, daß diese Vertreter der Kulturvereiue sich nicht mit dem bloßen platonischen Protest begnügen, sondern bei Friedeusschluß mit Nachdruck für die Menschenrechte dieser „letzten Sklaven in Europa" eiutreten sollen. Chauoch Al—k. *) Zufolge eines siuustöreudeu Druckfehlers hieß es an der76e* treffenden Stelle des ' Blattes irrtümlich: „Großmonopol" statt: „Großmogul", was HrÄNrt berichtigt sei. Die Red. " Die öftcrreichisch-de,»Ischen Siege in Molen. Das zweite Kriegsjahr beginnt unter sehr beängstigenden Symptomen für die verbündeten Kriegsspekulanten.' Deutschland und Oesterreich-Ungarn führen bereits die am 6. August l. I. in der „Wahrheit" angeküudigte schmerzhafte Amputation des russischen Staatskörpers von seinen nordwestlichen, festungsreichen Gebieten durch und die wütendsten Gesten des Bierverbandes, feine kühnsten Entstellungen der Wahrheit und übertriebensten Drohungen können die für ihn allerdings trostlosen Tatsachen des Kriegsverlaufes nicht aus der Welt schaffen. Die in der angezogenen Nummer in den Bereich der Möglichkeit gestellte, „für die Russen katastrophale Vereinfachung der Kriegsfront, etwa von Riga über Kowno und Brest-Litowsk bis zur galizischen Ostgrenze", wird bereits rüstig ansgeführl. Die schrecklichen Verwüstungen der Städte und Dörfer, die von den russischen Heeren verlassen werden müssen, beweisen es, daß die russische Heeresleitung selbst nicht mehr glaubt, die verlassenen Gebiete überhaupt wieder rückerobern zu können. Die Zarengewalt hat im Saufe des ersten Kriegsjahres mit dem Blute ihrer Kriegerscharen nicht gespart und nichts unterlassen, ihre Gegner zu überwältigen. Wenn ihr dies bisher nicht gelungen ist. dann ist ein späterer russischer Sieg umso weniger zu erwarten. Die russische Heeresleitung weiß dies zur Genüge und rief deshalb die vermeintlich bis ins Unbegrenzte willfährige Duma zusammen, um mit l h r e r Z u st i m m u n g den „Kampf bis aufs Messer" weiterführen zu können. Aber selbst die so zahme russische Duma zeigt sich widerhaarig. Mit der zarischen, grausamen Judenverfolgung und der sinnlosen Vergewaltigung aller nichtrnssischen Nationalitäten zeigte sich sogar Minister Goremkin nicht einverstanden. Der Kadetensnhrer Miljukow, dessen Rede im amtlichen Auszug totgeschwiegen wurde, wies darauf hin, daß die Opposition der Regierung bereits vor einem halben Jahre in geheimen Sitzungen sagte, was öffentlich nicht auszu sprechen war, die Regierung antwortete aber damals, „daß sie nuferer Hilfe nicht bedürfe und ohne uns fertig zu werden hoffe." Miljnkow sagte weiten: „Jetzt sind wir in einem Momente der a l l e r s ch w e r st e n P r ü f u n g e n des Volkes versammelt. Unsere Unruhe hat sich als begründet erwiesen. Die Versicherungen der Regierung erwiesen sich als leere Worte. Das Volk will jetzt selbst das Versäumte nachholen, es sendet uns hierher mit dem Befehl, der Regierung die Wahr heil zu sagen. Wir müssen jetzt die Anstrengungen verzehnfachen. Man sagt, daß die Zeit für uns sei, dies ist aber nur der Fall, wenn wir es verstehen, die Zeit aufs äußerste auszunützen. Die Aufgabe der Duma, im Lande ein bewußtes politisches Leben einzuführen. wurde von der Regierung in jeder Weise g e h e m m t. Das vollständige Mißtrauen gegen das Volk ist immer noch der leitende Gedanke unseres politischen Lebens. Die Regierung hat alles getan, um die patriotische Begeisterung des Volkes zu vernichten. Selbst die Beziehungen zu den Verwundeten wurden mißtrauisch beobachtet. Unter dem Vorwand des Kriegszwanges wurden die unsinnigste n Verfolgungen fremder Völker, besonders der Jude n. eingeleitet. Wir sahen die a l l e r d ü m m st e n. naivsten Maßnahmen, um unsere Religion und unsere Nationalität in der neuerworbenen Provinz Galizien einznführen. Als Beamte wurde der Auswurf der Provinzbeamten hingesendet, die das Ideal der kleinen Nationalitäten sofort töteten. Erst heute ist nach den früheren Nebelhaften Aufrufen des Generalissimus das Wort von der Autonomie Polens gefallen. Gegen die armen russischen Juden wurde die systematischeste und roheste Drangsalierung unter dem Vorwände der Spionage durchgeführt, wofür keinerlei Beweise erbracht wurden. Maßnahmen, die an die allerwildesten Zeiten des barbarischen Mittelalters erinnern, Rußland in den Augen der ganzen Welt herab-

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