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Die Wahrheit · 1915-08-06 · Heft 28 (6.8.1915) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 28 (6.8.1915)
Date
1915-08-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 28. Die Wahrheit Seite 9. vor Ostern und quinta post Passcha die fünfte Woche nach Ostern. Dominica quarta post Pentacosten ist die vierte Woche nach Pfingsten. Am dieser Station will ich etwas länger verweilen, dieser Dominica meine besondere Aufmerksamkeit zürnenden, da sie mir etwas zeitgemäßes Material bietet. Da finde ich nun, daß gleich der Eingang (Introitus) folgende Psalmenstellen anfweist: Dorninns illuminatio mea, et salus mea quem timebo? Dominus defensor vitae meae a qui trepid ab o? Qui tribulant me inimici mei ipsi infirmati sunt et ceciderunt. Si constant adversum me castra non t i m e b i t cor m e u m. Das ist offenbar Psalm 27 (1—8) der im Urtext lautet: Mir kam nun diese Psalmstelle von meinen Kuabenjahren sehr bekannt vor, ich konnte ihn zu meiner eigenen Ueberraschnng fast noch auswendig rezitieren, nur wußte ich nichl, woher und bei welcher Gelegenheit ich ihn rezitieren hörte. Die neuen Prager und Wiener Gebetbücher ließen mich hiebei ganz im Stich. Erst ans einem alten jüdischen Gebetbnche, gedruckt in Wilma 1892, das mir zufällig von einem galizischen Flüchtling in die Hand geriet, informierte ich mich, daß dieser herrliche Psalm von 1. Ellnl bis Ende des Lanbhüttenfestes, Sch’mini Azereth, also 7 Wochen hindurch in der eigentlichen jüdischen Bnßezeit, im Morgen- und Abendgebete rezitiert wird. Ich sand also einen alten Bekannten von siebzig Jahren hier wieder. Hiemit war für mich auch des Rätsels Lösung gefunden und die Erklärung der mich selbst überraschenden Tatsache gegeben, daß ich diesen Psalm so lange im Gedächtnisse behalten. Ja, was des Knaben Mund alljährlich 50 mal, also nur vier Jahre, von meinem achten bis zu meinem zwölften Jahre gerechnet, also mindestens 200 mal herunter geleiert, daran erinnert sich des Greises Sinn noch gerne. Als ich nun daran ging diesem alten Bekannten etwas näher ins Angesicht zu schauen, da traf gerade die Nachricht von der Wiedererobernng Lembergs ein, die mein altes Herz wieder mit jugendlicher Freude erfüllte, die ja die Herzen aller Oesterreicher jung und alt, die Herzen aller Völler von Oesterreich-Ungarn ohne Unterschied der Nation oder Konfession mächtiger schlagen ließ und auf ein baldiges Niederringen unserer Feinde, namentlich der barbarischen Russen erhoffen läßt. Da erfaßte mich eine besondere Seelenfrende über den gemachten psalmistischen Fund. Dieser Psalm, der von dem Sturze der bösen Feinde spricht, schien mir für die Woche wie geschaffen und einer näheren Besprechung wert. Ich sah mir denselben im Originale sowie in der Mendelssohnschen Uebersetznng mit der hebräischen Erklärung Diur von Wvlfsohn sowie auch die Vulgata näher an. Von demselben seien nun die vier ersten Verse wiedergegeben : Mendelssohn: 1. Gott ist mein Heil, Wen sollte ich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Feste, Wen könnte ich scheuen? ' 2. Wenn Uebeltäter an mich heran sich drängen, Nach meinem Fleische gierig, Die-Widersacher, die Verfolger — Sie laufen an und stürzen. -3. Legt auch ein Heer sich wider mich, Mein Herz ist ohne . Furcht Und erhebet sich über mich ein Krieg, Auch da bleibe ich getrost. 4. Eines erbat ich stets vom Ewigen. Dieses wünsch ich sehnsuchtsvoll; Im Hause Gottes zu verweilen Die Tage, die ich lebe. Die Schöne Gottes zu erschauen Im Tempel anfznwarten. Meine metrische Uebersetznng: 1. Gott ist meines Lichtes, meines Heiles Luelle, Vor wem sollte da ich Furcht noch hegen? Gott ist meines Lebens stärkste Quelle, Wer könnte da noch Schreck in mir erregen? 2. Wenn böie Feinde an mich heran sich rücken. Um meinen Leib mörderisch in den Tod zu schicken, Meine Feinde, meine Dränger stürzen alle nieder. Sie fallen und erheben sich auch niemals wieder. 3. Wenn ein feindlich Heer sich stürmisch wider mich erhebt. So bleibet doch mein Herz von jeder Angst befreit. Selbst wenn der wilde Krieg sich gegen mich erhebt. So bleibe ich doch im Gvttverkranen gegen Furcht gefeit. 4. Nur Eins iits was mein Herz von Gott verlangt. Wonach meine Seele sehnsuchtsvoll stets bangt. Zeitlebens in Goires heiligem Haus zu weilen. In Gottes Nähe meinen Seelenschmerz zu heilen. In seinem heiligen Tempel gar bald zu erschauen, Innere, feste Seelenruhe, ohne Furcht und Grauen. (Schluß solgt.) Verschiedene Uachrichte». Wien. Herr Knltusvorsteher Max Zirner und dessen Gartin Gisela Zirner sind von einem schweren Schicksalsschlage betroffen worden. Ihr Sotni, Kapellmeister Joses Zirner, Kad.erc im Dragonerreglinenc Nr. 3, har in den letzten Kämpfen am nördlichen Kriegsschauplätze den Heldentod gesunden. Wien. Samstag, am 24. d. hat anläßlich der Jahrzeirsfeier des vor einem Jatire dahingeschiedenen Obmannes des Bethansvereines „Beth Haifilah", Gorrlieb B e r r e l h e i m, im Sitzungsiaale des Vereines um halb acht Uhr abends die feierliche Enthüllung des Bildnisses des Verblichenen startgefunden. Schon um 7 Uhr erschienen un hellerleuchteten Saale der Delegierte des Kulmsvorstandes Herr Dr. Heinrich Schreiber. d:e Vorstandsmitglieder des Bethansvcreines und des Wohllätigkeitsvereines „Franenhort", die Familie und Freunde der Familie Bettelheim, die Funktionäre des Tempels Rabb. Dr. Schwarz und erster Kantor M a u e r o w i t s ch und viele Andere. Um halb acht U£)r trat der jetzige Obmann Dr. Moritz Sch nepp vor das Bildnis und dielt folgende Ansvrache: „Verehrte Anwesende! Anläßlich der ersten Jahrzeitsseier für unseren unvergeßlichen Obmann Gotriieb Bettelheim haben wir uns heute hier versammelt, um in pietätvoller Pflichterfüllung das Andenken des leider zu früh Verschiedenen zn ehren. Beivegten Herzens nnd wehmütigen Empfindens gedenke ich venle der rastlosen nnd ersprießlichen Tätigkeit emes Mannes, der durch Jahrzehnte hindurch sich um das Wohl und Gedeihen unseres Vereines bemühte. In diesem Saale hat der Verewigte zielbewußi? mit den andern Vorftandskollegen die Angelegenheiten unseres Vereines beraten nnd mir nnvergleichlicher Energie die Jnrereffen desselben gewahrt. Seiner Initiative verdanken wir es, daß, als unser Verein einen Teil der Pflichten der israelitischen Kultusgemeinde bezüglich der Andachtsstälken und Seelsorge für die jüdische Bevölkerung des neunten Bezirkes übernahm, der löbliche Vorstand der israelitischen Kultusgemeiude unserem Vereine in loyalem Entgegenkommnn auch gewisse Rechte erteilte, wodurch das Ansehen unseres Vereines gehoben und sein Bestehen ermöglicht wurde. Unablässig war er bemüht, den Gottesdienst in unserem Vereinstempel schöner nnd weihevoller zu gestalten, um den Andächtigen eine würdige Stätte der Erbauung zn schaffen. Aber nicht nur für den Ritus allein sorgte er: die armen und bedrängten Glaubeusgenoffen sollten durch die Gründung des Wohltätigkeitsvereines „Franenhort" eine Institution bekommen, wo edle Frauen helfen sollten die Nor zn mildern und die Aermsten zn stützen. Vielfach waren die Akte seiner privaten und öffentlichen Wohltätigkeit und ich müßte stundenlang berichten, wodurch Gottlieb Bettelheim sich verdient gemacht hat. In Dankbarkeit für alle seine Bemühungen zum Wohle der jüdischen Bevölkerung hat der Vorstand unseres Vereines beschlossen, zur Ehrung des Verblichenen sein Bildnis für ewige Zeiten im Sitzungssaale des Vereines anznbriugeu. Durch die Mumfizenz der Familie Bettelheim, welche das Bildnis als Weihegabe uns überließ, konnte dieser Beschluß in schönster Weise ansgeführr werden. Es falle nun die Hülle und möge dieses Bildnis die jeweiligen Vorstände unseres Vereines, sowie des Vereines „Frauenhort" stets daran erinnern, was Gottlieb Bettelheim für nuferen Berenr und die Wohlfahrts-

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