Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 28 (6.8.1915)
- Date
- 1915-08-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Nr. 28. Seite 8. Die Wahrheit Held und Sänger, ist von der alles verheerenden Seuche in Serbien hinweggei afft worden! Der ehrwiirdige israelitische Kantorenstand in Oesterreich-Ungarn verliert an David Weiß eines der hervorragendsten und vornehmsten seiner Mitglieder, dessen Gesangskunst von einer internationalen Welt bewundert und bejubelt wurde. Die ersten Fürstlichkeiten der Welt besuchten oft den Karlsbader Tempel und waren stets entzückt von der allgewaltigen Stimme und von der künstlerischen Vortragsweise Oberkantor Weiß, was sich tausendfach in Wort und Schrift knudtat und wenn er die heilige Stätte vor der Bundeslade verließ, standen in Doppelreihen die Scharen der Andächtigen und sie neigten sich vor dem Sänger des Herrn und dailkten ihm sür seinen erbauenden Vortrag. Gleich nach der ersten Mobilisierung rückte Oberkamor Weiß nach Eger ein. Er mar selbstverständlich mein täglicher Gast. Eines Abends waren bei mir mehrere Kantoren versammelt, Frau Oberkantor Goldeuberg aus Marienbad, eine virtuose Klavierspielerin, saß am Flügel. Natürlich mußte auch OberkautorWeiß uns was Vorsingen. Und er sang „DieUhr" von Löwe,. daß es allen ans Herz packie. Wer dachte es, als der Heldensänger den Schluß sang: „Sieh, Herr, ich Hab nichts verdorben, sie blieb von selber stehn!" daß nach Jahresfrist auch sein Herz nicht mehr schlagen wird. Der fürs Vaterland dahingeschiedene Held war in Ungarn geboren, absolvierte seine Gesangsstudien in Wien, war ein Schüler des Oberkamor Bauer in Wien und kam nach Csaskalurn als Kantor, wo er an der Seite meines Bruders, Oberkautor Wilkowitsch in Warasdin, sich zu einem Kantor ersten Ranges ausbildete. Karlsbad war sein zweiter Posten. Angebote von amerikanischen ersten Kultusgemeinden wies Oberkantor Weiß öfters zurück. So war es ihm, dem Idealisten und Patrioten, vergönnt, fürs Vaterland den Heldentod zu sterben. Oberkantor Wilkowitsch. Eine psalmistische Sommerstndie. (Zur Wiedereroberung Lembergs.) Wir haben bereits in der im vorigen Jahre in dem „Wiener Union-Kalender" sowie in der „Schweizer Israelitischen Wochenschrift" veröffentlichten „Psalmistischen Kalenderstudie" einige Psalmen, die der katholischen Liturgie zugrunde liegen, näher analysiert und darauf hingewiesen, daß es befremdlich erscheint, daß in der jüdischen Liturgie während der Wintermonate die Psalmen, namentlich der Psalm 104, der mit dem Worte: Borclii nafscbi beginnt, ein Psalm, den schon Herder wegen seiner herrlichen Natnrmalerei als den schönsten aller Psalmen gerühmt und ins Deutsche übertragen hatte, sowie die 15 kleineren Stnfenlieder oder Pilgerlieder (Psalm 120—134) zum Sabbathabende rezitiert werden, während in den Sommermonaten an ihrer Stelle die sogenannte Pirke-Aboth treten. Im Sommer dürre Prosa und Philosophie und im Winter Natnrsreude und Poesie. Nach dem Inhalt dieser Psalmen sollte mau doch das Gegenteil erwarten. Psalm 104 preist das Wirken in der Natur, in Wald und Flur, in Sonnenschein und Regen, in Wind und Wetter, in Donner und Blitz und die kleinen Pilgervder Wanderlieder sind schon an und für sich für den Sommer gewiß mehr geeignet als sür den Winter. Und die Pirke-Aboth sind doch nicht nur in der Form, sondern auch dem Inhalte nach nur reine Prosa, enthalten nur praktisch philosophische, ethische und religiöse Betrachtungen, die daher auch oft mit dem Namen „Ethik der Altrabbiner" belegt werden. Für solche ernste Betrachtungen ist gewiß der Winter mehr geeignet. Aus diese meine öffentlich ausgesprochene Frage ist mir bisher kein Bescheid geworden. Selbst das vor Kurzem in achter Anstage erschienene Gebetbuch von Dr. Kampf ui Prag in deutscher, teilweise metrisch-gereimter Uebersetznng, wo wir einzelne poetische Gebetstncke, namentlich Pirke-Aboth, mit aufklärenden Noten begleitet sinden, läßt uns über diesen Punkt im Stich. Nur von privater Seite kam mir aus Wien von einem gewissen Herrn Moses folgende Erklärung zu: Ich kenne zwar die hierüber gewiß bestehenden rabbinischen Gutachten nichts.chnbe.aber, vielleicht doch annähernd das Richtige gefunden. Bei Lebzeiten meines seligen Vaters sangen wir nämlich Freitag zur Abendmahlzeit Lerniroth, jedoch ebenfalls nur im Winter, was mein gottseliger Vater damit begründete, daß man im Sommer wegen der geöffneten Fenster Anstand nehme, sich durch schlechten Gesang zu blamieren. Vielleicht ist es ein Ueberbleibsel der alten Ghettofurcht,, vielleicht soll das Lesen der Psalmen und Singen der Semiroth über die Härten des Winters hinweg-- trösten! Wahrscheinlich aber ist, daß der Sommer, der uns unsere zwei größten nationalen Trauerzeiten, die sogenannte Sefira zwischen Passach und Schabuoth, dann die drei Wochen zwischen dem 17. Thamuß und dem 9. Ab (von der Besetzung Jerusalems bis zn dessen Eroberung) bringt, nicht den Jubel, sondern der ernsten Beschaulichkeit zugewendet sein soll. Und schließlich mag auch etwas Till Enlenspiegel mit im Spiele sein, sich im Winter des Sommers zu freuen und umgekehrt. Diese Erklärung, der ein Gemisch von Ernst nnd Humor innewohnt, hält wohl einer Kritik nicht stand und läßt meine Frage noch ungelöst. Im weiteren Verlauf dieser Studien habe ich die Psalmen nnd andere Stellen des Alten Testaments, die die katholische Kirche an ihren hohen Sommerfesten (Fronleichnam, Peter- und Panlfest, Cyrill und Methudfest) benützt, ausführlich besprochen und aus die historisch wenig gewürdigte Tatsache hingewiesen, daß die meisten Massakers, die im Mittelalter an den Juden verübt wurden, in den Hvchsommer zwischen diesen .hohen katholischen Festtagen fielen, so daß der Rosenmonat für die Juden oft ein Dornenmonat war. In Fortsetzung dieser vorjährigen Studie bin ich heuer nun daran gegangen, auch jene Psalmen zn studieren, die die katholische Liturgie während des Sommers an den gewöhnlichen Sonntagen (Dominica) benützt und die in das sogenannte Nissale romanum ausgenommen sind. So wie sich der Charakter eines Volkes nicht schon in dem seiner Regenten, seiner Oberen, der Adeligen, sondern in dem seiner Bürger, und wie sich der Charakter eines Heeres nicht bloß, im Charakter seines Feldherrn, sondern auch seiner Offiziere und der Mannschaft abspiegelt,, so spiegelt sich auch der Charakter einer Liturgie nicht bloß in den Gebeten der hohen Festtage, sondern der Wochei^age ab. Das war für mich der Leitgedanke bei diesem etwas sonderbaren Studium, bei dieser psalmistischen sommerlichen Wanderung, bei welcher mir das Psalterinm von Prof. Mlcoch (1890) mein Führer war; denn wenn auch im Missale zumeist auch das Psalmenkapitel bezeichnet ist. so ist es dennoch schwer, sich zurecht zn finden, da die Angabe der Verse durchaus fehlt und im Mffsale oft Aenderungen und Elitstellungen des Vnlgatatextes Vorkommen. Schon die Zählung dieser Sonntage und die Vergleichung derselben mit der Zellzählung nach der jüdischen Lltnrgie bietet manchen Reiz. Aus der rein kalendarischen Bestimmung: „Sieben Wochen vom Peßachfest cut: sollst du zählen bis zum Schwuothfest", hat sich in der jüdischen Liturgie das Zählen der Tage von Peßach zn dem sogenannten Schewuos. das sogenannte Omeru, als liturgisches Gebot heransgebildet und wird dieses auch noch in den jüdischen Religionsschulen gelehrt. Ich erinnere mich, daß, wenn ich als achtjähriger Schulkunde im Frühlinge einen alten Onkel, der als Gelehrter galt, besuchte, er gewöhnlich die Frage an mich zn stellen pflegte: Den wievielten omert man heute? Und wenn ich ihm die Frage richtig beantwortete, äußerte er sich znfriedengestellt mit meinem Fortschreiten in der Religion. Zn der katholischen Liturgie werden aber die Wochen gezählt nicht vor, sondern, nach Pfingsten (Pentecosten), z. B. Dominica prima big D ominicaVigesima quinta post penteoosten, d. h. von dem ersten bis znm fünfundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten. Ostern und Pfingsten, die zwei biblistischen Hanptfeste, bilden also die zwei Hauptstationen des katholischen liturgischen Kalenderjahres. Quinquagesima ist die fünfte Woche