Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 28 (6.8.1915)
- Date
- 1915-08-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. Die Wadrhen. Seite 7~. auf die Schlußszene seiner Tragödie „Nichtserl an gen und dazu verlieren", in prophetischer Vorschau Hinweisen? „Lasciate ogni speranza!“ Erster Kantor I. Schiller. In voller geistiger und körperlicher Rüstigkeit beging der pensionierte erste Kantor der Wiener Knltusgemeinde. Herr Jsak Schiller, der nahezu drei Jahrzehnte am Tempel in der Seilenstettengasse wirkte, am 5. August l. I. seinen siebzigsten Geburtstag, und es ist ihm vergönnt, in sorgenfreier Muße ans ein erfolg- und arbeitsreiches Leben zurückzublicken. Er gehört zur alten Garde der Inlzerschen Zeit, zu jenen Schülern des Meisters. . die an dem unmittelbaren .Borbilde des Reformators des Synagogengesanges ihr Wissen und Können bereichern konnten und seinen „Schir Zion“ hinanslrngen in Die Welt, um ihn znm Gemeingut ganz Israels zn machen. Eine prachtvolle Baritonstimme ilnd eine empfindnngsvolle, zn Herzen dringende Vortragsweise waren ihm eigen und gewannen ihm überall die Herzen seiner Zuhörer und er verstand es. U'ie selten einer, den alten Chasen mit dem modernelt Kantor zn vereinen. Jsak Schiller ist in Pohrlitz in Mähren geboren und widmete sich schon frühzeitig dem gottesdienstlichen Berufe. Nach der Lehrzeit als Meschorer ging er nach Wien, dem damaligen Mekka aller Kanlvrenjünger. um hier musikalische Kentnisse zu erwerben und als Schüler Salomon Snlzers die Einführung in den kantoraleu Beruf zn erlangen. Rach vollzogener Ausbildung kam er als Kasttor nach Kojetein, Holics und Leipnik, von wo er über Empfehlung des seligen Herrn David Ritter v. G n t in a n n, der ein Leipniker war. nach Wien bernsen wurde. In der Vakanzzeit zwischen Snlzer und Singer versah Schiller die ersten Funktionen im Tempel in der Seitenstelteugasse. um später, nach dem Rücktritte Adolf Fischers, an dessen Stelle zn treten. Gleich feinem Vorgänger war er auch ein Klassiker als Koreh und er ist nach dieser Richtung vielen Jüngern ein mnsterhastes Vorbild geworden. Jsak Schiller, der jederzeit einen regen kollegialen Sinn bezeugte, hat auch an der Gründung des Oesterr.-nngar. Kantoren-Vereines lebhaften Anteil genommen und war viele Jahre Vorstandsmitglied und später auch Vizepräsident des Vereines. Nach fast dreißigjähriger, vielfach anerkannter Tätigkeit in Wien zog sich Schiller vom Amte zurück, um an der Seite seiner treuen, wackeren Gattin und im Kreise seiner Familie die Muße des Alters zu genießen und wir wünschen dem rüstigen Jubilar, daß ihm dies noch viele Jahre gegönnt fei. Seinem beruflichen Wirken ist in allen Gemeinden, in denen er tätig war, sowie in den weitesten.Berufskreiseu das .beste Andenken gesichert. Iukod Weiß Oberkantor der israelitischen Kultnsgemeinde Karlsbad. Seit vier Monaten wandelt der Oberkantor der Karls- Lader israelitischen Kultusgemeinde Jakob Weiß ■‘rt nicht mehr unter den Lebenden. In fremder Erde, fern von der fo heißgeliebten Familie, wurde er in Monastir in Serbien, wo er seit seiner Gefangennahme in der Schlacht bei Semendria am 9. November v. I. interniert war, am 12. März d. I. an Darmtyphus erkrankte und am 28. März im Alter von noch nicht 42 Jahren fürs Vaterland gestorben ist, znr letzten Ruhe gebettet. Die Bestätigung über sein auf so tragische Weise erfolgtes Ableben, in der Blüte seiner Jahre, verbreitete sich in Karlsbad, wo er von jedermann gekannt, geehrt und geliebt wurde, sofort. Die Art und Weife wie man bie Trauerbotschaft mit Worten des tiefsten Bedauerns in Karlsbad weitergab, ließ erkennen, daß der Verblichene eine Persönlichkeit gewesen, die bei allen Karls- Ladern, ohne Unterschied der Konfession, überaus gut gelitten Md beliebt war und daß man sein jähes Ableben in einem solchen Maße vom tiefsten Herzen beklagt, wie man dies nur um überaus geliebte Wesen zn tun pflegt. Durch die hier weilenden Kurgäste wurde die traurige Kunde auch in den übrigen Teilen der Monarchie schnellstens verbreitet und mit echtem Mitgefühl vernommen. Die hiesige Knltusgemeinde beklagt in dem Verblichenen einen ungemein pflichlgelrenen und beliebten Beamten, der während seiner 15jährigen hiesigen Amtstätigkeit durch ferne ungewöhnlich machtvolle und schöne Baritonstimme. seelenvoll innigen und zu Herzen gehenden, tadellos fachmännischen Vortrag den ungeteilten Beifall nicht nur der Gemeindemitglleder erworben, sondern auch das Entzücken der vielen Fremden, aus allen Teilen der Welt sich hier einsindenden Kurgäste andauernd sich zn erringen gewußt har. Sein sympathisches, imponierendes Aenßere, ewig heiteres, liebenswürdiges, für alles Schöne und Gute erglühende Wesen, sein Wohltäcigkenssinn nnd tiefsittliche, bescheidene Lebensführung, die geradezu vorbildlich, man kann sagen ein Kiddnsch. haschem war. halten znr Folge, daß er keinen einzigen Gegner besaß, daß ihm jedermann vom Herzeic zugetan war. Der Kanlorenstand verliert an ihm einen seiner hervorragendsten Vertreter, der in seinem Berilfe ansging und durch den ihm zuteil gewordenen reichen Erfolg niemals übermütig und eingebildet ivnrde, sondern eine um so strengere Selbstkritik an sich übte, je mehr und größer seine Erfolge waren. Durch dieses uiiablässige Streben mit* Forschen erwarb er ein solch großes sachliches Wissen und stimmliche Vollkommenheit, daß. wenn man die besten Namen unter den Kantoren nennt, auch der seine genanilt wird. Die Eingeweihten wissen auch, daß er ein Gatte und Familienva:er gewesen, wie man es besser nicht findet. Mögen die Gattin mtö drei kleinen Kinder, die der Stolz und die größte Freude seines Lebens waren und die in ihrem Schmerze über den jähen Berlnst sehr des Trostes bedürfen. Linderung nnd Beruhigung in dem Beivnßtseiu sindeil, daß der Gatte und Vater im Dienste des Vaterlandes gestorben und bei allen, die ihn gekannt, als ein Mensch der einen Lebenswandel geführt wie es Gott und Menschen gefällt, als ein Sänger von Gottesgnaden zur Ehre Gottes und des ganzen Kantorenstandes, m bestem Angedenken lueiterleben wird. Oberkantor Jakob Weiß wurde in Simand in Ungarn als Sohn des Kultusbeamten David Weiß geboren. Der seelige Oberkantor der Bndapester Gemeinde Pros. A. Friedmann veranlaßte den Vater, den mit einer ungewöhnlich schönen Sopranstimme begabten Knaben zu ihm als Chorsänger nach Budapest zu geben, wo er zwei Jahre im Tempel gesungen. Von Budapest kam er als Chorsänger itnd Solist zum verewigten Oderkantor Mayer Schorr nach Groß-Wardem, der ihn mit nach Wien genommen hat und bei dem er volle 13 Jahre als Chorsänger und zuletzt als Chordirigent wirkte. Seine schöne Stimme, das reiche Wissen, welches er sich während dieser Zeit durch ansdauernden Fleiß und gelegentlicher praktischer Uebung unter Leitung seiner Lehrer Mayer Schorr und Oberkantor Bauer erwarb, verhalsen ihm znr einstimmigen Ausnahme als Oberkantor nnd Religionslehrer in Csaktornya in Ungarn. Nach zweijähriger Wirksamkeit in dieser Gemeinde wurde er einstimmig zum Oberkantor in Karlsbad gewählt, wo er 15 Jahre nach jeder Richtung hin mustergültig wirkte. Möge ihm die fremde Erde leicht werden und sein Andenktn gesegnet sein. Kantor Moritz Löwinger. * * * Bon anderer Seite wird uns über den verstorbenen Oberkantor Weiß folgendes geschrieben: Schon vor Wochen vernahm ich die Tranerknnde, daß mein Kollege und Freund, Oberkantor Weiß, in fremde Erde gebettet wurde und mir war wehe ums Herz, als hörte ich vom Tode eines leiblichen Bruders, allein ein Schimmer von Hoffnung blieb mir zurück: Der Familienname Weiß ist so häufig, es köllnte vielleicht ein anderer sein? Run darf ich mich keiner Täuschung mehr hingeben: Oberkantor Weiß, der