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Die Wahrheit · 1915-08-06 · Heft 28 (6.8.1915) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 28 (6.8.1915)
Date
1915-08-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 28 mittel. Schon drohen serbische, montenegrinische und vielleicht auch griechische Heere mit italienischen in Albanien zusammenznstoßen und weder Versprechungen noch Drohungen der mächtigen Teilnehmer am Vierverbande vermögen auch nur einen der noch neutralen Balkaustaaten an ihre Seite in den verderblichen Weltkrieg hiueinznbringen. Ja. das bulgarische Königreich hat offenkilndig so wenig Respekt vor den gewaltigen Großstaaten der Eulenle, daß es vor aller Welt erklärt, ihren Versicherungen und Versprechungen nicht das geringste Vertrauen entgegenzndringen und srüher keinen Finger zu rühreu, wenn die verlangten Grenzberichtigungen nicht sofort vorgenommen werden. Und doch benötigt man die bulgarischen Fäuste an den Dardanellen so überaus dringend. Schwer rächt sich nun der zweite Balkankrieg an Rußland und seinen Helfershelfern! ..Dem Lügner glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht." Auch das kleine Griechenland zeigt vor dem gewaltigsten Land- und Seeriesen nicht den gewünschten Respekt und will die englischen Uebergriffe nicht'ruhig dulden. Am schmerzlichsten für Rußland und England sinh aber wohl die' Siege der Osmanen in Kankasien und die gewaltigen Schäden, welche sie Englälidern und Franzosen bisher in den Dardanellen zitfügten. Während die schwachen Seekräfte der Türkei nicht nnr in den Dardanellen und im Bosporus erfolgreich alle Angriffe der gewaltigsten Seemächte abwehren, halten sie auch die russischen Kriegsschiffe im Schwarzen Meere in Schach, die englische Seemacht ist aber gezwungen, sich wegen der drohenden Angriffe der deutschen Unterseeboote in die sicheren Regionen znrückznziehen. Ein lange hinausgezogener Weltkrieg droht auch für England die Kriegschancen immer mehr zu verschlechtern. Schon kann der Suezkanal für den Handel nicht ohne Hindernis nutzbar gemacht werden, schon bedrohen deutsche Unterseeboote sogar die Durchfahrt bei Gibraltar, schon wachsen die Kriegsschwierigkeiten in Großbritannien selbst ins Maßlose und schon will es selbst Nordamerika nicht mehr gelingen, das Deutsche Reich durch frechen Bluff einznfchüchrern und deutsche Unterseeboote fahren gleichmütig fort, selbst amerikanische Schiffe zu versenken, sobald dieselben Bannware an Bord haben. Schon droht die gewissenlose Gewinnsucht in Nordamerika selbst einen gefährlichen Bürgerkrieg zu entfesseln, denn trotz dem furchtbar entwickelten amerikanischen Krämergeiste gibt es auch dort noch ideale Leute, welche Blutgewinne als schändlich und verbrecherisch ansehen. Schon entgleite: auch Japan der Gewalt Englands und arbeitet energisch und rücksichtslos an der Befestigung seiner Hegemonie in Asien. Dauert der Weltkrieg noch ein Jahr mit gleichem Erfolge für die Zentralstaaten an, dann verliert England seine Meersperren und seine Seemacht geht ebenso zum Teufel, wie dies mit der zarischen Landmacht geschieht. Das neueste, wahrhaft edle und erhabene Friedensmanifest des Papstes wird wohl auch nicht so ergebnislos verhallen, lvie kein erstes, denn er redet „Völkern und ihren Oberhäuptern" kräftig ins Gewissen und ladet „alle Friedensfreunde der Welt" ein mitznhelfen, „um das Ende des Krieges zu beschleunigen." Merkwürdiger Weise werden seine Friedensbestrebnngen von den angeblich glaubenslosen Sozialdemokraten viel eifriger aufgegriffen und unterstützt, wie von seinen ihm unterstellten Hirten und Herden, ja sogar die Juden gehören in dieser Frage zu den Anhängern des Papstes. Wird aber der Sturz und die Demütigung der zarischen Gewaltherrschaft erreicht, dann erscheint ein solcher Erfolg in den Augen aller freigesinnten Menschen und ganz besonders aller neuen und nackensteifen Inden den aufgewendeten Opferhekalomben im Weltkriege entsprechend. Die „jüdischen Arbeiter in Rußland und Litau" haben in ihrer letzten Kundmachung ein entsetzliches Bild der judenfeiudlichen Gewaltherrschaft des Zaren im Laufe des letzten Krieges entworfen und wir wollen mit dem deutschen Kaiser dankerfüllt ansrufen: „Gott war mit uns!" Der edle Herrscher hat recht: „Mit tiefer Dankbarkeit gedenkt heute und immerdar das Vaterland seiner Kämpfer, derer, die todesmutig dem Feinde die Stirne bieten, derer, die wund oder krank zurückkehrten und derer vor allem, die in fremder Erde oder auf dem Grunde des Meeres vondem Kampfe ansruhen." Möchten die Sieger nach dem Ansspruche Wilhelms II. auch „des Sieges würdig sein" und imeö dem Friedensschlüsse „weiter in Bildung und Gesittung rüstig vorwärtsschreiten". R.L. Der große Hirte. Im Midrasch Ester wird erzählt, daß einst Kaiser Hadrian dem R. Josu b. Chananja zngernfen: s\*i D'aKT'p ps maw nsvsn. Es ist zum Staunen, welch ttesige Kraft dieses Lamm (Israel) besitzt, da es — von siebenzig Wölfen umgeben — sich so lange aufrecht erhallen und seinen ihm weit überlegenen Feinden Widerstand leisten kann! Der fromme, gelehrte Rabbi entgegnete ihm: „Nicht die Kraft des Lammes, sondern die des Hirten, der es so liebevoll leitet, und führt, bewacht und beschützt, ist zu bewundern." Das ists ja eben, was der gottbegnadete, redegewaltige Prophet Jesaias, der unausgesetzt bestrebt und bemüht war, das tief betrübte Herz des schwer geprüften Volkes aufznrichten und es in dein Glauben an den gerechten und erlösenden Gott zu bestärken, einst im Namen Gottes Verkünder hatte: „Jede Waffe, die gegen dich. Israel, geschmiedet wird, wird wirkungslos bleiben und jede Lästerzunge, die dich verdächtigt, verleumdet und verunglimpft, wirst dn verurteilen und selbst einer Welt in Waffen zu trotzen verstehen." (Jes. 54.) Ich möchte mir aber erlauben, zu bemerken, daß Hadrian von seinem Standpunkte ans diese Frage nicht richtig gestellt hatte. Es ist allerdings zu bewundern, wie ein schwaches, wehrloses Lamm in der Mitte von siebzig Wölfen sich überhaupt erhallen und nicht überwunden werden kann. Weit mehr zu bewundern ist es, wie ein Lamm, umgeben von siebzig Füchsen, auch nur eine kurze Zeit standhalten kann. Der Wolf ist gefräßig, blutgierig und raubsüchtig, daher ein sehr gefährliches Raubtier, aber er erscheint offen, ist nicht hinterlistig und vor einem offenen Feinde kann man sich wenigstens schützen. Der Fuchs hingegen ist falsch, schlau, heimtückisch und scheinheilig, er erscheint äußerlich sehr liebenswürdig, heuchelt Freundschaft, zeigt -sich als diensteifriges Weseil. pocht stets auf seine Frömmigkeit wie auf seinen Gerechtigkeitssinn, sucht aber hinterrücks selbst seinen Freund und Verbündeten oft unversehens plötzlich zu überfallen und vollständig zu vernichten. Diese Behaupillng wird durch folgende Fabel, die Raschi (Sanhedrin 39) erzählt, illustriert: ntr-itr sin bvis *31 W3 om.-rn 3:3^ ss?n ns ^jwn. Der Wolf wurde von einem Heißhunger gefoltert; da ersuchte er seinen Freund Fuchs, er möge ihm mit Rat und Tat beistehen. Es war gerade an einem Freitag, da riet ihm der Freund: Gehe in die Jndengasfe, zeige dich dort den Inden, die heute mit den Zubereitungen der Speisen — Fleisch, Fischen und sonstigen Delikatessen — vollauf beschäftigt sind, in der Küche behilflich und dn wirst zweifellos gut belohnt werden und daher deinen Magen befriedigen können. Der liebe Wolf befolgte den Rat seines Freundes und stattete den Inden einen Besuch ab. Kaum aber haben sie diesen famosen Gast erblickt, als sie alle ihm, mit Stöcken versehen, ihre Aufwartung machten und bei dieser Gelegenheit ihn gehörig bearbeiteten. daß ihm Hören und Sehen verging. Voll Zorn und Wut eilte er zurück zu seinem Freunde und klagte ihm sein Leid. Der schlaue Freund war aber nicht verlegen und entschuldigte sich damit, indem er ihm sagte, daran ist nur dein Vater schuld, er wurde einmal, wie ich vernommen habe, dort als Anshilfsdiener bestellt, leistete aber wenig Dienste, anstatt zu arbeiten fraß er die besten Speisen auf und stahl alles, was ihm zur Hand kam. Wie? jammerte der Wolf, ich muß die Schuld des Vaters büßen? Gewiß mußt du es büßen, antwortete der fromme Fuchs, denn

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