Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 27 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 27 als Sündenbock anslieferten und sie dann verschleppen, aufhängen oder erschießen ließen. Zähneknirschend lasen wir jüngst den Bericht der Petersburger Telegrapheu-Agentur vom 4. Juli, die, offensichtlich um das furchtbare Judengemetzel zu entschuldigen, mitteilte, daß bei der Untersuchung in Angelegenheit des Spiones Miassejedow die unbestreitbare Mitschuld seiner Genosien Schloime und Aron Salzmann sich ergab. Ueber die Reihen von Inden, die täglich auf Grund des lächerlichsten Verdachtes vom russischen Kriegsgerichte verurteilt und hingerichlet wurden, schwieg sich die Petersburger Telegraphenagentur wohlweislich aus, und nur ein geringer Teil dieser Meuchelmörder wurde durch die Veröffentlichung des Herrn Feldrabbiners Dr. Lewi bekannt. Da aber das Maß der Schrecken ins ungeheure steigt, findet sich auch die Petersburger Telegraphenagentur bemüßigt, einige Namen derer zn veröffentlichen, an denen Justizmord begangen wurde, mit dem Vermerk, daß ihre Milschuld sich unstreitbar. ergab. Unstreirbare Mitschuld! Wir wissen, wie in Friedenszeiten die gerichtlichen Organe in Rußland von oben her Weisungen erhalten ein Muster der Verdrehung wurde uns im Beilisprozesse von Herrn Schtscheplvwitow geliefert und nun kann man sich denken, was da „unstreirbare Mitschuld" einiger Juden heißt in einem russischen Kriegsgerichte, das unter dem Einflüsse des russischen Generalissimus steht, des Großmonopols aller Judensresser und Henker unter der Sonne! Die russische Erde ist aber auch imstande, von anderem jüdischen Blute, mit dem sie so oft gedüngt wurde, Zeugnis abznlegen. In der Geschichte der russischen Tyrannen gibt es bekanntlich unter Hängen, Foltern und Verschicken nach Sibirien noch ein anderes Kapitel von Pogromen oder Jndenmassakers. Fürst Urussow, eines der angesehensten Mitglieder der Kadeltenpartei, war Gouvernenr in Kischinew, als der Pogrom dort ausbrach. Seine Enthüllungen in der ersten Duma über die Urheber der Pogrome und sein hieraus über dasselbe Thema veröffentlichtes Buch waren mit solch erdrückendem Beweismaterial versehen, daß das Zentrum der Duma und die Linke dann, so oft der Ministerpräsident ans der Tribüne erschien, demselben „Pogromstifter" znriefen. Beim Lesen der Greueltaten, die an den Inden verübt wurden, wie Männer erdrosselt, Kinder zerschnitten, Greise vom Fenster hinabgestürzt, Frauen vergewaltigt und dann ermordet wurden, müssen sich einem jeden Kulturmenschen die Haare zu Berge aufrichten, gleichviel, ob dieses von Maxim Gorki, Bialik oder Scholem Aleichem geschildert wird. Den Inden der ganzen Welt aber haben diese Grenel eine solche Wunde geschlagen, daß sie ihnen bei jeder Berührung den Schrei nach Rache entlockt. Wir gestehen es und die ganze Welt mag es wissen, daß wir den Gott der Rache aurnseu, um diesen blutbefleckten Seuchenherd zn vernichten. Gewiß, unsere Religion lehrt nicht: Liebet eure Feinde und tut denen wohl, die euch hassen; segnet, die euch fluchen, betet für die, welche euch beschimpfen. Es bleibt auch dahingestellt und uuerörtert, ob dieses im menschlichen Leben, das mannigfachen Leidenschaften unterworfen ist, überhaupt möglich gedacht werden kann. Ein englischer „bibelfester" Bischof predigte zn Weihnachten, daß er zwar die Deutschen mit jeder Faser seines Herzens hasse, hoffe aber nach dem Kriege (!) den Haß , gegen siezn überwinden. Aehnliches wurde auch von anderen Ländern berichtet. Ob dieses mit obiger Lehre in Einklang zn bringen sei, wollen wir Theologen entscheiden lassen. Es ist jedenfalls kein Zufall, daß in letzter Zeit die Psalmen und Propheten in den Vordergrund traten und in den Kriegsreden und Artikeln so oft zitiert werden. Wir Juden halten zwar, das Verbot der Thora, au den Widersachern Rache zu nehmen ei», beten aber gleichzeitig zu Gott, daß er „den Völkern vor unseren Augen die Rache verkünde für das vergossene Blut seiner Diener". Und diese Rache gegen unseren Erbfeind ist nnn im Anmarsch. Heinrich Heine schreibt in seinem vierten Buche über T „Ludwig Börne" : „Die Juden sind aus jenem Teige, woraus man Götter knetet; tritt man sie heute mit Füßen, fällt man morgen vor ihnen auf die Knie." Dieses hat sich in der jüdischen Geschichte stets bewahrheitet und wird sich, so Gott will, auch bewahrheiten. Dem Väterchen Zar sei es in memoriam. Chanoch Al—k. Das Kriegsbrsl in der Kidel. Zwei Erlässe der beiden Hauptstädte der Donaumonarchie, der Magistrate Wiens und Budapests, die jüngst bekannt gemacht wurden, demonstrieren ui der sinnfälligsten Weise den günstigen Status der künftigen Brotversorgnng für die Bevölkerung Zis- und Transleithaniens. Noch bevor die Erutearbeiten abgeschlossen wurden und während in vielen Gegenden die Kornähren der endgiltigen Reife noch entgegengehen, haben schon die beiden hauptstädtischen Behörden ans Grund der bereits gewonnenen Resultate sich berechtigt und verpflichtet gefunden, die gegenwärtige durch die Kriegsverhältnisse notwendigerweise verordnete Art der Broterzengung im Sinne einer Verbesserung derselben zu regulieren und diesbezügliche Verfügungen zu treffen. In Budapest wnrde der Verkaits maisfreien Mehles preisgegeben und in Wien wurde das Mischungsverhältnis der Snrrogatmehle bei der Broterzengung von 67°/0 aus 50% herabgesetzt. Diese beiden Verfügungen bilden jedoch nur Die Vorboten und Herolde, welche der Bevölkerung Oesterreich- Ungarns ankündigen, daß schon in einigen Wochen die Lebensmittelvorräte des Staates so hoch angewachsen sein werden, daß die Herstellung des Brotes dann wieder in ganz normaler Weise d. h. ans bloßem Weizen- oder Roggenmehl wird bewerkstelligt werden können. Sie sind auch gleichzeitig die formellen behördlichen Dokumente, welche dem Kriegsbrote, gemäß den sonst bestehenden gesetzlichen Normen, vor Ablauf seiner Dienstfrist rechtzeitig und in der legalen Weise die Kündigung des Bündnisverhälmisses avisieren sollen. Sobald nur die ersten Mehlsäcke ans der neuen Ernte auf dem Markte erschienen sein werden, dann muß das Kriegsbrot sein Domizil hierzulande räumen und aus allen Bäckereien und V,erkanfsläden der Monarchie auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Eine solche Verkündigung darf gewiß bei allen brotessenden Bewohnern des weiten Kaiserreiches' ein Gefühl innigster Befriedigung anslösen und deren ungeteilte Znstimmnng zn derselben finden. Es wäre aber eine-schnöde Undankbarkeit einem verdienstlichen Kriegskameraden gegenüber, wollte man nicht dem Kriegsbrote nach den erfolgreichen Diensten, die es uns bei der Bekämpfung der Aushnngerungsplanes unserer Feinde geleistet, die ihm gebührende Ehre zuteil werden lassen, bei seinem Abzüge und Untergänge öffentlich zn bezeugen, welch uralten Ursprunges das Kriegsbrot sei und auf. welch rühmliche Vergangenheit es znrückschauen kann. Daher soll es jetzt, bevor die letzte Scheidestnnde für das Kriegsbrot schlägt, zur weiteren öffenlichen Kenntnis gebracht werden, daß schon die Bibel, das älteste Geschichtsbuch der Welt, von einem Kriegsbrote ju erzählen weiß und nicht nur von einem Kriegsbrote aller» sondern auch von einem ihm voransgegangenen und dessen Erscheinen bewirkenden feindlichen Anshungerungsplane, von einer es begleitenden Einrichtung a 1a Brotkarte und von noch vielen anderem, was dem gegenwärtig zurecht bestehenden Zustande per Broterzengung als historische Analogie entgegengestellt werden darf. Es geschah, als das Volk Israel ans dem Lande der Sklaverei herausgezogen war, daß es seinen Weg durch die Wüste genommen hatte. Mit einem Lebensmittelvorrat, der höchstens für 61 Mahlzeiten hinreichen konnte, ausgestattet, wagte es sich, so berichtet die Tradition (viel« Midrasch rabah zur Exodus cap. 16) in eine an Ressourcen total arme Gegend, bauend allein auf die Zufuhren, die dort stets ans den umliegenden, prodnktionsreichen, exportierenden Ländern einzutreffen pflegten, um die durch die Wüste