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Die Wahrheit · 1915-07-23 · Heft 27 (23.7.1915) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 27 (23.7.1915)
Date
1915-07-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die geehrten Herren Abonnenten werden ersucht, die restlichen Abounementsbeträge einseuden zu _ ' - - wollen. ■= Die Stimme der Erde. Der Zar ist sentimental geworden. Dieses- Ereignis verdient auch in diesem an Ueberraschungen so reichen Kriege besonders angemerkt za werden. Die landläufige Vorstellung von einem Zaren ist wohl schwer mit einem lyrischen Zaren, der die Stimme der russischen Erde hören möchte, in Einklang zu bringen. Wir sind gewohnt, den russischen Imperator uns als einen blutrünstigen Tyrannen vorznstellen. der die Rechte und Freiheuen anderer mit Füßen tritt, die Würde und das Gefühl seiner Mitmenschen mißachtet und sie zn seinem Werkzeuge herabwürdigt. Ja, fast schien es, daß diese Furcht einflößende Mumie auch ans freiheitlich gesinnte Männer anderer Nationen ihre zersetzende Wirkung auszuüben und sie zur Preisgabe der Persönlichkeit und des Selbstbewußtseins zu zwingen vermag. Eine Ode wurde vor mehreren Jahren von einem französischen Dichter anläßlich des Zarenpaarbesuches zn Paris bekannt, die die Verherrlichung des Zaren zum Gegenstände hatte. Darin wurde erzählt, daß die Teppiche im Palaste sogar vor Freilde zitterten, als das Zarenpaar sie zu betreten geruhte. Auch die französische Akademie, dieselbe, welche jüngst weltberühmte deutsche Professoren aus ihrer Liste strich und König Emanuel, den Verräter, zu ihrem Mitgliede ernannte, verstieg sich damals beim Anblicke des Zaren zu einer Huldigung, die in eine Hymne auf das Hans Romanow ansklang und überschüttete den Alleinherrscher aller Reußen mit einem Faß von Weihrauch, daß ihn ein Unwohlsein überfiel und er den Saal verlassen mußte. So tief kann sich der Rücken eines französischen Dichters oder Wissenschaftlers in der Nähe des Zaren bücken. Und nun welche Umwälzung. Väterchen Zar will sich mit seinem Volke versöhnen und die Stimme der russischen Erde hören. Wie groß muß da die innere Beklemmung und Unruhe sein, wie groß der Kummer und das Bangen nm die Zukunft, wenn in einem Reskripte des Zaren solche Worte zu lesen sind. Die Stimme der Erde! Nach dem ersten Kriege der Welt wurde auch die Stimme der Erde vernommen. Dieser war ein Brudermord. Gott sprach zn Kaiu, dem Brudermörder: „Lg.nl demei ochicho zauakim eilaj min hoadomoli“. Die Stimme vom Blute deines Bruders schreit zn mir von der Erde. Beschwört Väterchen diese Stimme herauf? Dann würde er hören, daß Galizien, oder was sie in ihrem Jargon „Rotrußland" nennen, mit Blut rot gefärbt ist. daß dort unten ein russischer Friedhof ist, wo Tausende von Menschen, die gegen ein Volk, das ihnen nichts zuleide tat, gehetzt wurden, verbluten und grundlos ihre Seele aushauchen mußten, daß in Galizien Massengräber sind, worin Tausende von Hoffnungen begraben wurden, daß dort Mütter ihre einzigen Söhne. Frauen ihre heißgeliebten Gatten und Mädchen ihre Zukunft für immer verloren haben. Er würde hören, daß dort Menschen gefallen sind und in fremder Erde ruhen, damit aus ihrem Blute die Ketten für ihre Brüder und für andere Nationen geschmiedet werden. Er würde hören... In diesem Meere von Jammer würde aber der russische Kaiser noch eine andere Stimme höre», die nicht minder ohrenbetäubend sein dürfte: eine jüdische Stimme. Im Talmud wird erzählt: Als Nebuzaradau. der Henkermeifter. das Blut Zacharias' brausen und ausfteigen sah. fragte er, was dieses zn bedeuten habe. Nachdem er erfahren hatte, daß es das Blut des unschuldigen Zacharias sei, sagte er, er würde ihn beruhigen, „da holte er das große und das kleine Synhedrium und tötete sie über diesem, doch blieb es nicht ruhig. Hierauf tötete er über diesem Jünglinge und Jungfrauen, doch blieb es nicht ruhig. Dann brachte er Schulkinder und tötete sie über diesem und es blieb nicht ruhig. Dann sagte er: Zacharia, Zacharia, die besten unter ihnen habe ich umgebracht, ist dir lieb, daß ich sie alle umbringe? Als er dieses gesprochen hatte, blieb es ruhig. Da dachte er, wenn wegen einer Seele dieses geschah, was muß mir geschehen wegen all dieser Seelen, die ich umgebracht habe?" So siedet und braust unschuldig vergossenes, jüdisches Blut. Und wenn dem Zaren nicht jede menschliche Empfindung abhanden gekommen ist, wenn er nicht roher ist, als jener Wüterich, ivürde er auch die Stimme der Erde hören, daß harmlose Juden in Galizien und in Russisch-Polen hingerichrel, gepeitscht und gemartert wurden, weil russische Spione, um die Behörden irrezuführen, die Juden anzeigten und so das echlrussiiche System des berüchtigten Provokateurs Azew hier in Anwendung brachten. Er würde hören, daß selbst Generale nach einer Niederlage an den Juden ihr Mütchen kühlten, dieselben dem Pöbel

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