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Die Wahrheit · 1915-07-09 · Heft 26 (9.7.1915) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 26 (9.7.1915)
Date
1915-07-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit festigt wären und sein trotziges „Stirne bieten" die Ereignisse nicht wenden können, wenn die russische Volksseele nicht mitlnl. Der Zar meint in seinem Manifest weiter: „Der Feind wird niedergeschlagrn werden m Ü s s e n, sonst ist der Friede unmöglich." Hört ihr, russische Mnschiks, der Zar befiehlt euch das Niederschlagen! Früher seid ihr vom Kriegsschrecken nicht erlöst und wenn ihr alle entweder ins Gras beißen müßt oder zu Krüppeln geschossen werdet, früher wird Er keinen Frieden schließen. „Mit festem Vertrauen aus die unerschöpflichen Kräfte Rußlands erwarte ich, daß die Regierung und'die öffentlichen Einrichtungen, die Industrie Rußlands und alle treuen Söhne des Vaterlandes ohne Unterschied der Meinungen und der Klassen solidarisch und einmütig arbeiten werden, ' um die Bedürfnisse unserer tapferen Armeen zu befriedigen." So kann mit Berechtigung wohl der deutsche Kaiser oder Franz Joses I. zu seinen Völkern sprechen, keineswegs aber der Zar, denn in Rußland darf keine andere Meinung laut werden, als sklavische Unterwerfung. Es ist die höchste Barbarei, wenn der Zar z. B. von den Polen und Finnen, deren Volkstum er gewaltsam auszurotten bestrebt war, nun gar hingebende Treue fordert, oder gor von den Juden, die er samt und sonders als russische Sta aisfeinde behandelt und in rassiniert gehässiger Weise dem Verderben preisgibt, gleichwohl er von ihnen an Gut und Blut vermehre Opfer heischt. Gesinnung läßt sich aber nicht e rzwingen und der Zar kann wohl lange vergeblich darauf warten, bis die Herzen der russischen Arbeiterschaft für ihn schlagen, nachdem er ihre ehrlichen Dumaabgeordneten in ungesetzlicher Weise verhaften, nach Sibirien schleppen und in den Gefängnissen erwürgen ließ. „Dieses einzige nunmehr nationale Problem soll alle Gedanken des einigen und in der Einigkeit unbesigbareu Rußland auf sich ziehen." Der Zar übersieht die Wirklichkeit und läßt offenbar nur seinen frommen Wünschen das Wort, sonst könnte er von einem „einigen" Rußland, das die zahlreichsten und heterogensten Völkerschaften in sich vereinigte, nicht sprechen. Daß Rußland nicht „unbesiegbar" sei, weiß gegenwärtig wohl außer dem Zar wohl niemand in der Welt, aber die Wahrheit hat sich vor der Majestät des Zaren zu verbergen. „Nachdem ich zur Erörterung der Approvisionieruugs- . fragen einen besonderen Ausschuß unter Beteiligung von Mitgliedern der gesetzgebenden Kammern und von Vertretern der Industrie errichte, erkenne ich es für notwendig, demzufolge den Zeitpunkt der Wiedereröffnung der gesetzgebenden Körperschaften zu beschleunigen, um die Stimmen der russischen Erde zu hören." Wertvoll ist vor allem das Geständnis des Zaren, daß im z w ö l f 1 e n K r i e g s m o n a t e erst die Approvisionierung beraten werden muß! Und dies im weiten fruchtbaren Rußland, das angeblich im Ueberstnsse erstickt. Der Zar muß aber besonders vorsichtig sein, daß in diesen „besonderen Ausschuß" ja keine Unberufenen hineinkommen! Die „Beschleunigung" der Eröffnung der „gesetzgebenden Körperschaften" ist übrigens nicht so arg, denn der Zar gedenkt dieselben erst im A u g u st einzuberufen. Der Zar, den wohl das Gewissen drücken mag, ohne Not sein Vaterland in das schreckliche Blntbad des Weltkrieges gestoßen zu haben, mag wohl auch mit geheimem Schauder ans „die Stimmen der russischen Erde" lauschen, die ihm dann trotz aller Gewaltmaßnahmen entgegentönen können. Das unglückliche russische Volk kann in seiner Verzweiflung auch den Geschmack an der Weiterführung des allschädigenden, aussichtslosen Krieges verloren haben. Es kann auch den Glauben an die Selbstlosigkeit „Väterchens" eingebüßt haben und eine innere freiheitliche Reorganisation für nötiger und Nr. 26 ersprießlicher erkennen, als die Fortsetzung des allschädigenden' Weltkrieges, der selbst im Falle eines für Rußland günstigen Endes nur die Tyrannenmacht stärken, aber dem blutenden Volke keinen Gewinn bringen würde. In den letzten Kriegsmonaten äußerte sich der unerschütterliche Kriegswille aller Völker Rußlands keineswegs so, wie es der Zar schildert. Kommt der Wille des russischen Volkes zum Ansdrucke, dann wird es die Welt auch bald erfahren, daß es keine Lust hat, noch länger das Hanptrisiko des Weltkrieges zugunsten der englischen Seemacht zu tragen. Bangemachen gilt nicht und der Zar wird, so Gott will, noch länger und nachdrücklich mit siegreichen Wafftnerfolgen der tapferen Verbündeten rechnen müssen. Die Inden -aller Länder und Staaten soll aber der Zar nicht vergeblich als Feinde des Zarenregimentes erklärt haben. Ja, Zarenfeiube sind sie sicherlich alle und gar viele Inden beten zu ihrem Gotte um baldigen Sturz der Zarengewalt, denn sie wurden durch furchtbare uub . barbarische Tatsachen zur' Erkenntnis gebracht, in ihr nicht nur die furchtbarste und entsetzlichste Jüdenseindin, sondern auch die gefährlichste Gegnerin aller Volks- und Menschenrechte zu seheiu Fällt die Zarengewalt, daun ist anch die militärische Hauptstütze des gegenwärtigen Raubkrieges der Entente gebrochen und ein baldiger Friede in Sicht. Die Völker Oesterreich-Ungarns können dann nicht nur einer glücklichen Zukunft betreffs ihres wirtschaftlichen Verkehres mit dem Auslände ruhig entgegensehen, sondern auch einem kommenden Frieden im Inneren. Der Wert treuer Staatsbürger drängte sich jedermann in der Kriegsnot ans und nattvnale und konfessionelle Reibungen mußten infolgedessen ansgeschaltet werden. Nationale und kofessionelle Hetzer werden keinen geeigneten Boden mehr für ihr in Oesterreich-llltgarn geradezu staatsgefährliches Geschäft finden und die Staatsregiernng wird in Erkenntnis der allezeit nötigen Treue der breiten Volks massen ihre Macht ans demokratischere Grundlage stützen müsset'. R. L. Das zehnte Gebot. Bald wird ein Jahr verstrichen sein, seitdem die Völker Europas den „männermordenden" Krieg begonnen und noch ist das Ende dieses blutigen Ringens nicht abzusehen. Die Zukunft und das Schicksal vieler Völker werden vor unseren Augen auf den Schlachtfeldern entschieden, die Grundsteine, auf welchen die künftige Gestaltung Europas ruhen wird, vor unseren Angen gelegt, der Anfang dieser neuen Zeit aber kann noch nicht im geringsten erblickt werden. Hekatomben von Blut werden täglich, dem Moloch geopfert und die Greuel, die verübt werden und von den Feinden der Zentralmächte im Namen der Zivilisation und Freiheit verübt werden, erscheinen als vermehrte Auflage der Ungeheuerlichkeiten, die im tiefsten Dunkel des Mittelalters sich abspielten. Denn das Ungetüm, das in unserer Mitte Orgien feiert, bedient sich nicht mehr des gewöhnlichen Schießpulvers,, sondern mit allen Errungenschaften der modernen Technik und Chemie ausgerüstet, so daß die früheren Kriege von uns als Scharmützel und Miniaturen angesehen werden können. Angesichts dieses frevelhaft vom Zaun gebrochenen Krieges, suchen die wahren Anstifter desselben, von Rene und Gewissensbissen gequält, die Schuld von sich zu weisen und sie dem Gegner in die Schuhe zu schieben. Eine Polemik und ein erbitterter Federkampf wird in den Zeitungen hüben und drüben darüber geführt, wodurch natürlich der Wahicheit wenig gedient wird. Uns erscheint aber die Ursache des Krieges nicht in den unmittelbar vorhergehenden Ereignissen zn liegen, sondern vielmehr hat die Politik, die jahrelang von den Meisten Mächten betrieben wurde, allmälig die Wolken am Horizonte zusammengeballt und verdichtet, bis sie sich entladen und die Katastrophe herbeisühren mußten.

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