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Die Wahrheit · 1915-07-02 · Heft 25 (2.7.1915) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 25 (2.7.1915)
Date
1915-07-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25. Die Wahrheit Seite 5. der ärmsten Hütte des Arbeiters, in den Massennnterkünften der von der russischen Invasion flüchtenden Heimatlosen: allenthalten schwillt die Brust vor Stolz, überströmt das Herz von dem Gefühle des Dankes ob der Heldentaten unserer braven, tapferen Soldaten und ihrer genialen Führer, welche in gemeinsamer, übermenschlicher Arbeit unser Vaterland von seinen Feinden, von dem größten, schrecklichsten Feinde der Menschheit säuberten. Lemberg ist wieder unser! Wie von einem Alpdruck befreit atmen wir alle ans. die wir mit unerschütterlichem Glauben an die unüberwindliche Kraft der Monarchie, an ihre Unbesiegbarkeit, auf ihre große Zukunft vertranen und für diesen Glauben unser Teuerstes hingeben. Zwei Millionen der loyalsten Bürger der Monarchie, zwei Millionen Inden, die mit jeder Faser ihres Seins an der heimatlichen Scholle hängen, mit jeder Fiber ihres Herzens dem geliebten, gütigen Herrscher dieser Lande ergeben sind, jauchzen auf. da es ihnen nun zur Gewißheit wurde, daß unser schönes Vaterland von dem Erzfeinde aller Freiheit, jeder kulturellen Regung, befreit wird, um niemals — so hoffen und vertrauen wir — wieder diesen mit dem Blute unserer besten und edelsten getränkten Boden zu entweihen. Tausende junger, heldenmütiger Inden, die für die Ehre des Vaterlandes ihr Leben ließen, die in heißem Ringen jeden Fußbreit des heimatlichen Bodens mit ihrem Blute verteidigen, die Tausende, die von Hof und Herd vertrieben, die Tausende, die selbst unter Qualen und Leiden, mit dem Tode bedroht, von ihrer Treue zum Vaterlande und ihrem heißgeliebten Kaiser nicht lassen wollten, die nach Sibirien verschleppt, die gemordet, hingerichtet wurden, sie alle sind glänzende, bis aus Ende der Geschichte leuchtende Zeugnisse dafür, daß wir Juden dieses Reiches in allen Schicksalsfügungen uns eins fühlen mit den Lebensinteressen der Monarchie, eins mit allen unseren Mitbürgern, eins mit unserem heißgeliebten Kaiser. Als ich die Berichte las, über den Jubel, mit welchem die jüdische Bevölkerung der befreiten Gebiete ihre Befreier begrüßte, wie diese ärmsten unter den vom Kriegsnnglücke Heimgesuchten aus den Kellern hevorkrochen, in welche sie mit Weib und Kindern vor der zarischen Bestialität geflüchtet waren, da tauchte vor meinen geistigen Augen der ganze Jammer auf, den der Zarismus über unser unglückliches Volk gebracht und von dem unsere sieghafte Armee es nun befreit hat. Und so quillt jetzt aus tiefstem Herzen ein innigstes durch alle Lande der Monarchie brausendes Dankeswort an unsere Armee, an deren Führer, an die Führer und Armee unserer treuen Verbündeten! Und so schließe ich mit dem Jubelrufe: Hoch unsere tapfere Armee, hoch ihre herrlichen Führer, hoch unsere Verbündeten, Hoch und dreimal Hoch unser heißgeliebter Kaiser Franz Josef I." Der Rede des Präsidenten folgte langanhaltender Beifall, worauf die Versammlung beschloß an den Kaiser eine Hnloignttgsdepesche und ein Glückwunschtelegramm an den Oberkommandanten Feldmarschall Erzherzog Friedrich abzuseuden. Die Festversammlnng begab sich dann in die festlich beleuchtete Synagoge, welche von Festgästen dicht gefüllt war. Hier waren erschienen in Vertretung des Kultusministeriums Ministerialrat Dr. Sigismund P i l a t, in Vertretung des Statthalters Herr Bezirkshauptmann Graf Kottuliusky, in Vertretung des Polizeipräsidenten Polizeirat Alois D u s i k, ferner die Militärseelsorger Dr. Arnold Frankfurter, Dr. Ferda. Dr. Deutsch, Prof. Prim. Dr. E h r m a n n, eine große Anzahl Offiziere, Reichsratsabgeordnete, Gemeinde- und Bezirksräte Regiernngsrat Dr. Frankfurter, kaiserlicher Rat Johann Lichtenstadt u. v. A. Nach dem einleitenden Psalm, welchen Oberkantor Don Fuchs mit verstärktem Chor, dirigiert von Prof. Josef S ulzer künstlerisch vortrug, hieltOberrabbinerDr. Güdemanu folgende Festpredigt, welche auf die Anwesenden einen geradezu überwältigenden Eindruck ausübte. „Eine vaterländische Feier von ungewöhnlicher Bedeutung ist es, die zu ungewöhnlicher Stunde uns im Gotteshause versammelt. Wir wollen Gott aus überströmendem, freudigem Herzen dafür danken, daß Lemberg wieder unser ist. Borangegangen mit dieser Danksagung ist das erhabenste Vorbild unserer Monarchie, unser geliebter Kaiser und alle Nationen und Konfessionen folgen seinem Beispiel. Wir Inden aber nehmen an dieser Gefolgschaft nicht bloß teil, sondern wir dürfen einen Platz in ihren vordersten Reihen beanspruchen, denn das Vorrecht größeren Leides verleiht anch bas Vorrecht größeren und lauteren Jubels und gewiß hat kein Volk und keine Gemeinschaft unter der russischen Herrschaft soviel gelitten, soviel geseufzt, soviel Tränen und Blut vergossen, wie die Juden. Wir würden auch dann gleich allen Angehörigen des Vaterlandes über die Befreiung Lembergs gejnbelt haben, wenn es von einer anderen feindlichen Macht besetzt gewesen wäre. Was es aber heißt, von russischer Herrschaft befreit zu sein, was die Erlösung aus diesem Höllenpfnhl der Finsternis und der Unmenschlichkeit bedeutet, das versteht, das empfindet daS Herz des Juden wie kein anderes. Es fehlen leider unserer deutschen Muttersprache und, wie ich glaube, allen modernen Sprachen die Worte, um den ungeheuren Tiefstand einer Gewaltherrschaft und eines Gewaltherrschers zu schildern, von dem die Juden mit dem Dichter sagen können: „Was er sinnt ist Schrecken, was er blickt ist Wut, was er spricht ist Geisel nud was er schreibt ist Blut". Es fehlen auch den modernen Sprachen die rechten Worte, um die Züchtigung und das göttliche Strafgericht zu schildern, die jetzt über diese Gewaltherrschaft und diesen Gewaltherrscher hereingebrochen sind. Es gibt nur eine Sprache, die alles dieses in seinem Umfange verlautbart, das ist die Sprache unserer alten Bibel, das ist die Sprache, die den frevelhaften Hochmut und den Untergang des ägyptischen Pharao schildert: „Es spricht der Feind: ich verfolge sie, ich hole sie ein, ich teile die Beute, meine Seele ist voll von ihnen, ich zücke das Schwert und meine Hand vertilgt sie." Klingen diese alten Worte, welche die Gedanken Pharaos wiedergeben, nicht wie ein Echo jener hochmütigen Ansprache, die der russische Zar vor drei Monaten auf dem Balkon den Statthaltereigebäudes in Lemberg gehalten und womit er die ewige Vereinigung dieser Stadt mit dem russischen Reiche proklamierte? Aber nach dreimonatlicher Ewigkeit erneut sich das Wort der Bibel: „Deine Hand, o Gott, verherrlicht in Kraft, Deine Hand, o Gott, zerschmettert den Feind". Zerschmettert, wie einst der ägyptische Pharao, ja noch schlimmer, weil er lebt und fühlt, ist auch der nordische, und er mag nun auf dem Balkon seines Schlosses über die schnelle Vergänglichkeit der von ihm proklamierten Ewigkeit Nachdenken. Alle Gefühle aber, die heute die Herzen in der Monarchie bewegen, alle werden überwältigt von dem einen mächtigsten Gefühle, von dem unsere Weisen sagen: „Es ist etwas Großes um die Rache, denn sie steht zwischen zwei Goltesnamen", wie es in den Psalmen heißt: „Ein Gott der Rache ist der Ewige". Dieser Gott der Rache hat die Seufzer der Mütter und Kinder, hat die Tränen, die Schweiß- und Blutstropfen der zur Deckung der Front verwendeten Juden aufgefangen und hat daraus eine Geißel geschmiedet, womit er die Russen vor unfern verbündeten Heeren hergetrieben hat. Dieser Gott der Rache ist aber auch der Gott der Liebe — denn er wäre dieses nicht, wenn er jenes nicht wäre — und dieser Gott der Liebe hat das Haupt unseres geliebten Kaisers mit einem frischen Lorbeer umwunden und läßt sein Herz aufleben unter den lauten Jubelrufen, die aus allen Gauen unseres Vaterlandes ihm entgegenschallen. Darum erheben wir unsere Hände zum Dank und zur inbrünstigen Bitte zu Gott: Möge er Sieg au Sieg re,heu und den Siegeslauf unsrer verbündeten Heere zu einem glorreichen gesegneten Frieden lenken, damit Freund und Feind erkennen: „Der Ewige regiert immerdar".

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